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Psychologe Reinhard Werner Der merkwürdige Stil eines Bundeswehr-Werbers


Die Bundeswehr will ran an den Führungsnachwuchs. Doch dabei arbeitet die Truppe mit einem Partner zusammen, der schon öfter mit dem rechten Spektrum zu tun hatte: Diplom-Psychologe Reinhard Werner.
Von Hans-Martin Tillack

Ende Oktober, ein kühler und dunkler Abend am Stadtrand von Strausberg bei Berlin. Bepackt mit Rollkoffern und Umhängetaschen streben Dutzende junge Leute im Alter um die 20 in kleinen Grüppchen zu einer Bundeswehrkaserne, dem Zentrum Informationsarbeit der Truppe. Viereinhalb Tage lang werden 120 Teilnehmer hier zu Gast sein, zu einer sogenannten Young Leaders Akademie, im Auftrag der Bundeswehr, aber veranstaltet von einer wenig bekannten privaten Firma – der Young Leaders GmbH aus Berlin.

Die Bundeswehr will auf diese Weise ran an den Führungsnachwuchs - aber vertraut dabei merkwürdigen Partnern. Hinter der Young Leaders GmbH steht der 60-jährige Diplom-Psychologe Reinhard Werner. Er hilft der Bundeswehr schon seit über 20 Jahren bei der Öffentlichkeitsarbeit sowie bei der Gewinnung von Nachwuchs. Mehrmals pro Jahr organisiert das Unternehmen für die Truppe sogenannte Jugendpressekongresse und eben Young Leaders Akademien. So will sich die Bundeswehr bei "jugendlichen Multiplikatoren" bekannt machen.

Merkwürdige Vorgeschichte

Die merkwürdige Vorgeschichte von Reinhard Werner kümmerte dabei offenbar wenig. In den 80er Jahren geriet er nämlich in Konflikt mit der hessischen CDU, nachdem er mit Gleichgesinnten in diversen Vereinen aktiv geworden war - immer wieder deutlich rechts von der Mitte. Zwar fiel Werner nicht mit plakativ-rechten Äußerungen auf. Aber das übernahmen andere. Die von ihm geführte "Stiftung politische und christliche Jugendbildung" schlug rasch Wellen, auch weil ein Berliner Sympathisant namens Carsten Pagel in einem Artikel den Wehrmachtspiloten Hans-Ulrich Rudel als Kämpfer gegen "die anstürmenden Sowjethorden" verherrlichte. Pagel habe nicht gewusst, dass dieser Artikel zur Veröffentlichung gedacht war, nahm Werner ihn damals laut einem Zeitungsbericht in Schutz. Heute betont er, dass Pagel nicht Mitglied der Stiftung gewesen sei.

Unter Werner als Vorsitzendem war die "Stiftung politische und christliche Jugendbildung" noch in Gründung, da verhängte die Junge Union bereits einen Unvereinbarkeitsbeschluss. Die CDU Kassel schmiss Werner überdies aus ihrer Stadtratsfraktion und startete gegen ihn ein Ausschlussverfahren als Parteimitglied. Begründung: Er habe nicht nur wiederholt versucht, bei innerparteilichen Wahlen - so zitierte es später ein Gericht - "auch durch Manipulationen zu Mehrheiten zu gelangen"; die von ihm vertretene "realistische Philosophie" zeige überdies in ihren "Konsequenzen autoritären oder sogar totalitären Charakter". Werner klagte bis zum Hessischen Verwaltungsgerichtshof gegen den Ausschluss aus der CDU-Fraktion – und verlor.

Dieser Mann, der der Kasseler CDU offenkundig zu rechts war, tauchte bald darauf bei der Bundeswehr auf. Seit 1991 arbeitet Werner beziehungsweise seine Firma für die Truppe. Und sie tut es bis heute. Erst im Mai 2015 ging erneut ein Auftrag an die Young Leaders GmbH, zur "Durchführung von Wochenendseminaren und Jugendpressekongressen". Laufzeit: bis zum Jahr 2019.

"Öffentlichkeitsarbeit unter falscher Flagge"

Jugendpresse – mit diesem Begriff verbindet man eigentlich die großen unabhängigen Verbände von Jungjournalisten. Einige von deren Vertretern stoßen sich schon länger daran, dass bei den Werner-Veranstaltungen "Öffentlichkeitsarbeit unter falscher Flagge" stattfinde, so Bernd Fiedler vom Bundesverband Jugendpresse Deutschland.

Glaubt man hingegen Werner, dann waren es er und seine Mitstreiter, die bereits Anfang der neunziger Jahre die "Jugend Presse Kongresse" in den "Markt eingeführt" hätten. Doch bei seinen Events führen keine Nachwuchsjournalisten die Regie, sondern PR-Profis. Der Ablauf der Jugendpressekongresse ist immer der Gleiche: Um die 125 Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren werden in Bundeswehreinrichtungen irgendwo im Land eingeladen und dürfen knapp zwei Tage lang ein straffes Programm absolvieren. Journalisten von Medien wie "Bild"-Zeitung, "Welt", ARD oder ZDF erzählen über ihre Arbeit. Bundeswehroffiziere präsentieren die Truppe in freundlichem Licht. Referenten sprechen zu Grundsatzfragen. Und in Arbeitsgruppen produzieren die Teilnehmer aus dem Gehörten und Erlebten eine Kongresszeitung, einen TV-Beitrag und ein Webmagazin, als Werbemittel für die Bundeswehr.

Dennoch scheinen die Kongresse beliebt zu sein. Vielleicht liegt es auch daran, dass das dichte Programm einschließlich Anreise zum Jugendpressekongress nur 25 Euro kostet. Die ausgewählten Teilnehmer, darunter Schülerzeitungsredakteure, Pfadfinderführer oder Oberministranten, fanden jedenfalls meist wenig daran auszusetzen, wenn bei den "Young Leaders Akademien" neben Bundeswehroffizieren sogar Firmenlobbyisten von Konzernen wie dem Rüstungsriesen EADS oder dem Kunststoffverband Plastics Europe ihre Produkte anpreisen durften. Auf der "Young Leaders Akademie" Ende Oktober durfte so in Strausberg ein Plastiklobbyist referieren, zum Thema "Ressourcen schonen mit Kunststoff". Außerdem sprachen Vertreter des bankennahen Deutschen Instituts für Altersvorsorge. Titel laut Programm: "Intelligente Vorsorge beginnt schon in jungen Jahren".

Vermischung von Interessen?

Die Unternehmensleute bekämen eben die Chance, "zukunftsbezogene Fachthemen zu präsentieren", sagt das Verteidigungsministerium: "Eine Vermischung von Interessen der Bundeswehr und Drittbeteiligter wird nicht gesehen."

Immerhin: Es kommt nur selten vor, dass sich Teilnehmer über das beschweren, was sie auf den Werner-Kongressen zu hören bekommen – etwa die Rede unter dem immer wiederkehrenden Titel "Zukunftsstrategien für das 21. Jahrhundert", die der Firmenchef selbst regelmäßig hält. Da geht es viel um Wettbewerb, die Eliten von morgen und um Kontakte – denn letztere, so Werner, "schaden nur dem, der sie nicht hat".

Den Vorwurf, er habe etwas mit der rechten Szene zu tun gehabt, will er jedoch nicht gelten lassen. Dies der "Stiftung politische und christliche Jugendbildung" vorzuwerfen, sei gar "absurd". Immerhin war in dessen Kuratorium seit 1995 sogar der seinerzeitige – inzwischen verstorbene – Vorsitzende des Zentralrats der Juden Ignatz Bubis, Mitglied, wie Werner betont.

Sicher ist: In die Kasseler CDU-Fraktion wurde Werner nach seinem Ausschluss nie wieder aufgenommen. Doch in der Partei ist Werner nach eigenen Angaben bis heute Mitglied, "seit 42 Jahren ohne Unterbrechung", wie er betont.

Gegen Kritiker, die ihm Rechtsabweichlertum vorwerfen, geht Werner mit Härte vor. Vor einigen Jahren wollte ein Teilnehmer eines Bundeswehrkongresses während Werners Rede allzu sozialdarwinistisch anmutende Töne vernommen haben und berichtete darüber in einer hessischen Lokalzeitung. Der Geschäftsmann verklagte den Kritiker erfolgreich vor dem Landgericht Hamburg – gestützt unter anderem auf eidesstattliche Versicherungen seiner eigenen Mitarbeiter, die die inkriminierten Äußerungen nicht gehört hatten. Er habe zwar sehr wohl davon gesprochen, so Werners Verteidigung, dass heutzutage "auch der leprakranke Inder in der Gosse von Kalkutta" eine Chance habe – aber er habe dem dann den Börsen-Dandy mit Kroko-Aktentasche gegenübergestellt.

"Elite- und Sendungsbewusstsein"

Der Psychologe vermeidet es normalerweise geschickt, mit allzu plakativ-rechten Äußerungen aufzutreten. Eine Teilnehmerin erinnert sich an einen Werner-Vortrag, der sie "aufgewühlt" und "beängstigt" habe. Doch könne sie gar nicht genau sagen, warum eigentlich. "Wer weiß: Vielleicht sind einige von uns ja wirklich 'die Elite von morgen'", resümierte eine eher beeindruckte Teilnehmerin aus dem Münsterland in diesem April das, was sie gehört hatte.

Schon als die Junge Union in den 80er Jahren gegen einen mit Werner verbundenen Klub vorging, warf sie diesem sein "Elite- und Sendungsbewusstsein" vor. Auch die von dem Psychologen gegründete "Stiftung politische und christliche Jugendarbeit" – die mit dem seinerzeitigen Unvereinbarkeitsbeschluss – ist bis heute mit im Spiel. Sie tritt immer wieder als "Schirmherr" der Bundeswehrkongresse auf und entsendet Referenten, die eher rechts von der Mitte angesiedelt zu sein scheinen. Gelegentlich führte etwa der inzwischen verstorbene CSU-Mann Rainer Glagow auf den Bundeswehrevents in den Islam ein. Er leitete zusammen mit dem - heutzutage bei Pegida auftretenden - Journalisten Udo Ulfkotte zeitweise den Verein Pax Europa. Der bei Rechtspopulisten beliebten Webseite "pi news" galt Glagow als "ein mutiger Kämpfer gegen die Islamisierung Europas".

Rechte Referenten? Werner findet auch diesen Vorwurf dennoch "unzutreffend". "Dass Persönlichkeiten vom 'rechten Rand'" aufgetreten seien, "trifft nicht zu", ließ auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf stern-Anfrage erklären. Glagow sei "als renommierter Erwachsenenbildner anerkannt". Fragen zu Werners politischer Vorgeschichte ließ das Ministerium unbeantwortet. 


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