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DDR: Ärzte waren gerne Stasi-Spitzel

Einer neuen Studie zufolge betätigten sich drei bis fünf Prozent der DDR-Ärzte als Informelle Mitarbeiter der Stasi. Damit hatten die Ärzte eine höhere Spitzelquote als der Durchschnitt der DDR-Bürger. Bundesärztekammer-Präsident Hoppe fordert Reue und Wiedergutmachung.

Auch das DDR-Gesundheitswesen war laut einer Studie von Stasi-Spitzeln durchsetzt. Etwa drei bis fünf Prozent der Ärzte lieferten als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Informationen über Mediziner-Kollegen und Patienten, heißt es in einer in Berlin vorgestellten Untersuchung. Damit sei der IM-Anteil unter Ärzten höher gewesen als in der Gesamtbevölkerung.

Vor allem Kollegen wurden überwacht

Autorin Francesca Weil vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung sagte, dass die ihr bekannten Klarnamen der Stasi- Spitzel nicht nenne. Ihr gehe es um die Erforschung von Strukturen. Die Historikerin untersuchte 493 Fälle mit IM-Akten aus der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die übergroße Mehrheit der DDR-Ärzte habe sich aber nicht mit der Stasi eingelassen, sagte sie.

Da gerade Ärzte aus der DDR ausreisen oder flüchten wollten, sei die Stasi an Informationen über Mediziner besonders interessiert gewesen. Stasi-Führungsoffiziere hätten auch auf Konkurrenz unter Ärzten setzen können, die zum großen Teil "ohne langes Zögern" über Arbeitseinstellungen, Kompetenz und persönliche Vorlieben von Kollegen Bericht erstatteten.

Tiefe Einblicke ins Privatleben

Der überwiegende Teil der IM unter den Ärzten habe sich aus politischer Überzeugung anwerben lassen. 35 Prozent der untersuchten Fälle seien Mediziner in Schlüsselpositionen gewesen. Ärzte seien zu einer Stasi-Mitarbeit teilweise auch erpresst worden. 132 Mediziner hätten sich jedoch nach einiger Zeit dem Druck der Stasi wieder entzogen. 1988 habe es in der DDR rund 41.000 Ärzte sowie knapp 13.000 Zahnärzte gegeben.

Laut Studie gaben 28 Prozent der IM-Ärzte auch umfangreiches Wissen über Patienten weiter und verletzten ihre ärztliche Schweigepflicht. "Am widerlichsten" sei die Akte mit dem Decknamen "Irina" gewesen, sagte die Historikerin. Die Hautärztin habe über Jahre die Stasi mit Informationen zu mehr als 1000 Patienten versorgt und manche auch als asozial eingestuft. Die Stasi habe die Ärztin mit monatlich 200 Mark belohnt. Das MfS habe mit Hilfe von Ärzten tiefe Einblicke in das Privatleben vieler Bürger nehmen können.

Spitzel sollen Reue zeigen

Wie viele der früheren Stasi-Informanten heute noch praktizieren, blieb unklar. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, appellierte an die, "die sich etwas zuschulden kommen ließen" und sich in der Studie wiedererkennen, Reue zu zeigen und eine Form der Wiedergutmachung zu finden.

"Das ist ein Appell, mehr kann es nicht sein." Die Untersuchung wurde unter anderen von der Bundesärztekammer gefördert und ist jetzt als Buch unter dem Titel "Zielgruppe Ärzteschaft" erschienen.

DPA / DPA