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Gesellschaft: Die Frauen vom Harthof

Sie leben am Nordrand von München, am äußersten Rand der Gesellschaft: junge Frauen ohne Ausbildung, ohne Chance, ohne Partner, ohne Liebe. Ihr einziger Halt: Kinder.

Von Verena Lugert

Und als er wieder einmal ordentlich getankt hat und das Drecksgör wieder zu wimmern beginnt, nimmt er den Säugling André aus der Wiege und packt ihn an den Füßchen. Als André schreit, schwenkt er ihn noch mehr, kopfüber, das Baby brüllt lauter, hält einfach sein blödes Maul nicht, aber, na bitte, wer nicht hören will, muss fühlen, und dann holt er aus und schlägt, mit der ganzen Kraft, die so ein schweinebesoffenes und sauwütendes Männertier entwickeln kann, das Kind mit dem Kopf gegen die Wand, einmal, zweimal, immer wieder, hält es an den Füßen fest und schlägt und schlägt, bis André endlich das Maul hält. Na bitte. Doppelter Schädelbruch, das Kind überlebt.

"Die Natur", sagt Rita, 31, Andrés Mutter, und stößt langsam den Rauch aus, "die Natur hat die Männer so wenig fürsorglich gemacht. Die können das nicht." Ritas erster Mann, Kind eins und zwei, hat sie betrogen. Der zweite, Kind drei, war verheiratet. Der dritte, der Vater von André, hat sie geschlagen, krankenhausreif, warf sie die Treppe hinunter und hielt dabei ihre Hose so fest, dass es ihr die Vagina aufriss. Dann brachte er den Sohn fast um. Am Ende wurde er freigesprochen, mangels Beweisen. Der vierte tötete beinahe sie, würgte sie, bis sie ohnmächtig war, und schlug ihr den Kopf auf den Badewannenrand, bis sie blutüberströmt dalag. Als sie aus der Ohnmacht erwachte, fing er wieder an, sie zu würgen. Als Gabi, die Freundin, zufällig hereinplatzte, floh er, wurde von der Polizei aufgegriffen und verurteilt. "Ja, die Männer", sagt Rita, die vierfache Mutter, blond, zart, und lächelt. "Es geht nicht mit ihnen - und nicht ohne sie."

München, Problemviertel Harthof, im Neubaugebiet an der Panzerwiese, äußerster Norden der Glitzerstadt. Hier lebt Rita mit ihren vier Jungs, Erdgeschoss, 80 Quadratmeter, vier Katzen, Neubau, bonbonbunt. Nach Problemviertel sieht es nicht aus, eher im Gegenteil: neue Blöcke, sonnige Farben, fortschrittliche Balkonlösungen, striktes Bemühen um den Pfiff in der Architektur. In einem der fröhlichen Häuser hat vor kurzem ein Mann im Treppenhaus seine Pulsadern geöffnet.
Es gibt hier eine gute Infrastruktur, einen Plus und ein paar Minuten weiter Aldi und Penny, es gibt Kindergärten und eine Schule. Da ist die grüne Panzerwiese, die, anders als der Name suggeriert, wirklich sehr schön ist, eine freie Wiese, bekränzt von einem Wäldchen und der Ausfallstraße. Der Blick endet am Horizont, an dem die Allianz-Arena abends wie ein Erdbeerbaiser schwebt. Jungs rennen einem Ball hinterher, Lachen liegt in der Luft. Helle Kinderstimmen rufen: "Du blöder Arschficker, gib den Ball her!" - "Du kannst dich selber ficken, du Wichser! Und zwar..." - das Kind schaut sich suchend um, findet einen Laternenpfahl und freut sich - "...mit der Stecken da, kannsu dich ficken, du Arschwichser!" So geht es weiter, die Kinder sind vier, fünf Jahre alt.

Vor den Blöcken steht ein Rudel Einkaufswagen von Plus, wie treue Pferde, die vor der Saloontür angeleint sind. Man fährt hier mit dem gefüllten Wagen direkt zu Hause vor und parkt da. Manche nehmen den Einkaufswagen sogar mit ins Haus und vor ihre Wohnungstür, manche binden ihn fest, damit niemand ihn wegnimmt und den Pfand-Euro einsteckt.

Sie sind arm, die meisten Menschen von der Panzerwiese, die Menschen im Harthof. Und am ärmsten dran sind die Mütter, die meisten alleinerziehend. Es ist eine unsichtbare Armut, die sich dem oberflächlichen Blick entzieht. Die sich im Inneren der Wohnungen abspielt - und immer nur kurz nach draußen an die Öffentlichkeit dringt, wenn wieder etwas Entsetzliches passiert ist. Ein fast totes Kind hier, ein Selbstmörder dort. Doch wenn die Abscheu sich gelegt hat, wenn die Stadtherren über Maßnahmen palavert und übers Geld diskutiert haben und über den Wert der Bildung, bleibt alles beim Alten in den schwierigen Vierteln: Die Sorgen, die Überforderung und die Armut, die die Menschen langsam zermürbt.

Wann ist man arm in Deutschland? Wann ist man arm in der Welt? Nach der Definition der Weltbank ist arm, wer weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung hat und kein sauberes Wasser und von keinem Arzt versorgt wird. Wer nicht lesen und schreiben lernen darf. Katja, 22, wohnt mit ihrer Tochter, Lena, dreieinhalb, hier, an der Panzerwiese. Rita ist ihre Nachbarin. Nach Miete, Fixkosten, Handy, Internet und den beiden Krediten für den Laptop und den Motorroller bleiben Katja und Lena am Ende weniger als 100 Euro für Essen und Trinken, für Kleider und Spielzeug. Pro Monat kauft Katja bei Aldi 15 Ein-Teller-Portionen für ein wenig mehr als einen Euro. Ansonsten gibt es bei ihr Spaghetti, da kostet die Packung 40 Cent. Und dazu eine Sauce, die ihr ihre Mutter beigebracht hat: Ketchup mit Wasser und Öl vermischen, dazu Basilikumpulver.

Katjas und Lenas Tage verlaufen gleichförmig: Nach dem Aufstehen bringt sie Lena in den Kindergarten. Dann geht Katja zu ihrer Mutter. Die hat gerade ihre achtjährige Tochter Laura in die Schule gebracht. Mutter und Tochter setzen sich vor den Fernseher, da kommt um kurz nach neun morgens die Wiederholung ihrer Lieblingsserie, "Sturm der Liebe", die sie schon am Nachmittag zuvor gesehen haben. Dazu zum Frühstück einen Liter Walnusseis. Dann geht Katja heim, macht den Laptop an und sucht im Internet nach Musik und Filmen. So ist es auch schnell drei, Zeit zum Fernsehen, "Sturm der Liebe", neue Folge. Dann holt sie Lena vom Kindergarten ab, beide schauen gemeinsam fern. Gegen Abend macht Katja ein Aldi-Gericht heiß, teilt es vor dem Fernseher mit dem Kind, das nach dem Essen bald ins Bett geht, Katja sieht weiter fern und schläft irgendwann ein. Katja wohnt mit Lena im Neubau, Erdgeschoss, alles da, was man braucht: eine Terrasse mit kleinem Garten, Badewanne, Wäschetrockner, Geschirrspülmaschine, Laptop und DSL, Fernseher, DVD, Musikanlage. Immer wieder mal gab es Geld vom Amt, immer wieder mal steckte ihre Mutter etwas zu, immer hat sie geknapst. Sind Lena und Katja arm? Ja, sagt der Armutsbericht der Bundesregierung. In Deutschland ist arm, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. 856 Euro pro Erwachsenen und Monat ist die Grenze.

Armut definiert sich aber weniger über Einkommensgrenzen, sondern vielmehr über mangelnde Teilhabe am großen Gesellschaftsspiel Deutschland. Armut ist: keine Arbeit zu haben und keine zu finden, weil man die geforderten Qualifikationen ganz einfach nicht bieten kann. Aus verschiedenen Gründen: weil man vielleicht nie Disziplin gelernt hat. Oder intellektuell überfordert ist. Weil man irgendwann einmal psychisch verletzt worden ist und deswegen nicht mehr funktioniert.
Katja war noch nie in ihrem Leben im Urlaub. Sie ist in Leipzig geboren und in München groß geworden und hat noch nie die Berge gesehen. Katja hat vier Geschwister, Laura, die jüngste, ist acht und streitet ständig mit Lena, Katjas Tochter, dreieinhalb. Katja wurde im Suff mit 13 vergewaltigt. Der Vater hat sie verprügelt, wenn sie zu viele Fehler im Diktat hatte. Katja ist Legasthenikerin.

Sie hat die neunte Klasse zweimal gemacht und den Quali, den Qualifizierenden Hauptschulabschluss, trotzdem nicht geschafft. Wie durch ein Wunder hat sie eine Lehrstelle bekommen, im Einzelhandel, bei Edeka. Katjas Freund Hansi hat sich von Katjas Lehrlingsgehalt mitfinanzieren lassen, er hat Katja geschlagen und in der Wohnung eingesperrt, hat Sex gehabt mit ihr, auch wenn sie nicht wollte. Als sie mit 17 von ihm schwanger war, trieb sie ab. Mit 18 wurde sie wieder schwanger und hat Hansi erklärt, dass sie das Kind dieses Mal bekommen wird. Da hat er sie an eine abgelegene S-Bahn-Haltestelle bestellt und grün und blau geprügelt. Er wollte ihr "das Kind rausschlagen". Katja zeigte ihn an, es kam zur Verhandlung, er kam mit Schmerzensgeld davon. Die Lehre musste Katja wegen der Schwangerschaft abbrechen.

Lena ist jetzt dreieinhalb und hat Schwierigkeiten mit dem Sprechen, Katja geht regelmäßig mit ihr zur Logopädin. Spaziert man im Harthof herum, sieht man zwar Einfachheit, aber keine Armut - denn auf den Straßen liegt kein Müll, kein Putz blättert von den Häuserwänden, und die Kinder tragen Adidas und Nike. Die Armut ist ein Phantom, das über die Gesichter der Menschen wie ein Schatten huscht: Zermürbtheit und Müdigkeit sieht man da, vor allem aber Resignation. In den Gesichtern der Erwachsenen - aber auch schon bei den Kindern. Viele kommen aus Familien, in denen Alkohol ein großes Problem ist. Dazu Arbeitslosigkeit, Armut und Ausweglosigkeit. Die vier großen As.

Die Jugendlichen in der Bernays-Hauptschule in Harthof haben Angst vor der neunten Klasse, sie bedeutet das Ende der Kindheit. In der neunten Klasse stellen sich die Weichen: für die Lehrstelle, übernommen werden, Geld verdienen - oder: überflüssig sein. Nichts finden, weil niemand einen will. Am Rand bleiben, am Rand der Gesellschaft und der Stadt.

Ohne Lehrstelle kann man nur noch einmal die neunte Klasse wiederholen, die Zukunft aufschieben. Oder alle möglichen berufsvorbereitenden Maßnahmen mitmachen, die nicht wirklich auf einen Beruf vorbereiten. Denn die Eigenschaften, die dies am besten täten, können einem Kind nicht aufgepfropft werden, die Eltern müssen sie vorleben: Disziplin, Durchhaltevermögen, Selbstvertrauen. Wenn die Eltern diese Eigenschaften nicht haben, wenn Mütter alleingelassen sind und überfordert - was sollen die Kinder dann abschauen?

Natürlich, einige schaffen es trotzdem. Weil sie besonders klug sind oder willensstark oder unverwundbar. Aber das sind Ausnahmen. Erfolgsgeschichten, fleißig kolportiert, die zwischen den Zeilen die Botschaft tragen, dass jeder, der will, es auch schaffen kann. Für die übergroße Mehrheit der Kinder aber gilt: Sie werden ins Leben geschickt, ohne dass man ihnen richtig beigebracht hat, wie das geht. Als würde man ohne Flugstunden in ein Cockpit gesetzt. Viele Berufe, die früher klassisch von Hauptschülern gelernt wurden, gibt es nicht mehr. Weil sie durch die Automation verdrängt worden sind, ins Ausland verlegt wurden oder durch veränderte Produktionsbedingungen ausgestorben sind. Während den Jungs ohne Ausbildung nur das Rumstehen auf der Straße oder irgendwelche Gelegenheitsjobs bleiben, haben die Mädchen einen Joker, der aber ganz schnell zu einem großen Problem werden kann: Mädchen können Kinder bekommen. Eine Schwangerschaft wird von den Teenager-Müttern nicht selten begrüßt. Denn mit einem Kind treten Geld und bedingungslose Liebe in das Leben der Mädchen. Und eine eigene Wohnung - die vielleicht klein sein mag, aber riesig im Vergleich zum eigenen Kinderzimmer.

Auch Katja will noch ein Kind. Sie glaubt, dass sie schwanger ist, und wäre überglücklich, wenn sich das bestätigt. "Ich wollte immer, dass Lena ein Geschwisterchen bekommt." Sie hat Lena auch schon gesagt, dass da ein kleiner Bruder angefahren werden wird, in neun Monaten oder so. Katja hat noch keinen Schwangerschaftstest gekauft. Sie ist gespannt. Aber auch ansonsten tut sich Neues: Schlecker sucht eine Aushilfe.
Katja hat ihre Bewerbungsunterlagen zusammengestellt. Hat das Anschreiben aktualisiert und ihren Lebenslauf mit einem Passfoto aufgerüstet. Ein paar Kugelschreiberschmierer sind auf dem Bild, zwei, drei Fehlerchen im Text. Trotzdem: Die Mappe kommt in eine Penny-Tüte. Katja trägt einen dunklen Anzug mit Nadelstreifen, dazu eine Bluse und die Haare zum Zopf. Sie ist nervös, kauft Zigaretten. Der Kiosk gehört den Eltern eines Exfreunds, Gerald. Auch von Gerald war sie mal schwanger. Da waren aber Geralds Eltern dagegen - und haben richtig Druck gemacht. ""Gut! Bitte!", hab ich gesagt. "Dann treib ich halt ab!"", erzählt Katja. Sie nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette, steht vor der Schlecker-Filiale, ein letztes Inhalieren, "mein Gott, wenn das klappt, Arbeit, endlich Arbeit", sie trommelt mit ihren Doc Martens auf den Asphalt - und geht hinein. Und kommt heraus, strahlend: "Die wollen mich. Sie rufen mich an!"

Sie werden es lange nicht tun. Und nach Wochen einen Job genau in der Zeit anbieten, in der Lena nicht betreut werden kann. Katja muss absagen. Dabei will sie arbeiten, unbedingt. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie sich Arbeit wünschen. Und einen Berufsabschluss. Und dennoch will sie schwanger werden? "Dann wäre das so für mich: Passiert ist passiert", sagt Katja. Eine Schwangerschaft ist eine von der Gesellschaft akzeptierte und bis zu einem gewissen Alter des Kindes auch finanzierte Aufgabe. Sollte sich die Schwangerschaft bestätigen, würde sie Steve, den Vater des Kindes, mit dem Katja nicht zusammen ist, nicht angeben: "Ich will ihm doch nicht sein Leben zerstören." Das mit dem Alleinerziehen schafft sie, geht ja auch bei Lena. Vater Staat bezahlt, und niemand findet das bedenklich oder schlecht oder irgendwas. Die Sozialkohle ist etwas Abstraktes, das überreichlich aus irgendeinem anonymen Nichts sprudelt. Etwas, was unerschöpflich da ist und einem irgendwie zusteht. Um diese Quelle zu sichern, dafür schließen viele Leute hier im Harthof sogar Rechtsschutzversicherungen ab.

"Mich ärgert, dass wir die Kinder großziehen und man sich trotzdem so offenbaren muss auf dem Amt", sagt Marion, 39. Marion ist eine blonde, robuste Niederbayerin. Sie hat vier Kinder von zwei verschiedenen Vätern. Marion ist staatlich geprüfte Kinderpflegerin und lebt von Hartz IV, weil sie mit den vier Kindern keine Arbeit bekommt. Marion hatte Pech mit den Männern und kämpft für ihre Kinder, die es mal besser haben sollen im Leben. Sogar einen Computer hat sie organisiert, er steht im Flur. Und Julet, 11, mit der sie in einem Bett schläft, strengt sich an: Sie ist auf dem Gymnasium. Die Familie wohnt auf der anderen Seite der Panzerwiese, einer Ecke, von der man sagt, es sei eine der übelsten, man hörte dort mal von einem Mörder, außerdem sei ein Vergewaltiger unterwegs. Marion holt ihre Kinder nach Einbruch der Dunkelheit von überall ab. Trotzdem sieht man auch hier keine Verwahrlosung, die Straße wirkt gepflegt, nur sind die Blöcke von Satellitenschüsseln befallen wie von Schuppenflechte.

"Es fehlt an allen Ecken und Enden", sagt Marion, das Knapsen und Knausern geht an die Substanz, jede noch so winzige Kleinausgabe kann eine Katastrophe hervorrufen im so ausgeklügelten Rechensystem, in dem eine U-Bahn-Karte bedeutet, dass man dafür auf etwas anderes verzichten muss. Marion sitzt in ihrer freundlichen Wohnung, der Küchenschrank ist mit Serviettenkunst beklebt, der Fernseher dröhnt, Julet schaut sich "Sabrina Simsalabim" an, nebenan läuft ein anderes Programm. "Ja, wir haben drei Fernseher - und warum? Es ist das Billigste, wir würden auch lieber ins Kino gehen." Oder schwimmen. Oder, oder, oder. Aber fast alles kostet Geld. Nur das ist zuverlässig.
Am unzuverlässigsten hier im Harthof sind die Männer. Oder, anders gesagt: In ihrer Unzuverlässigkeit sind sie extrem zuverlässig. Sie kümmern sich nicht um Verhütung und verlassen die Szene, sobald die Frau schwanger wird. Unterhalt müssen die wenigsten zahlen, sie bekommen ja fast alle Hartz IV. Hätten sie Arbeit, bliebe ihnen vom Lohn nach den Alimenten nicht mehr, als sie so haben. Darum suchen viele gar nicht erst einen Job.

Trotzdem will man die Männer haben, macht sich schön für sie. Wie Katja. Sie hat sehr gepflegte Fingernägel und eine gute Figur, blondes Haar und ein Piercing in der Braue. Katja will Steve, ihrer neuen Flamme, gefallen, auch wenn sie nicht zusammen sind - denn "letzte Woche, als ich mit ihm zusammen beim Piercen war, hat er gesagt, dass er auf Frauen steht mit guter Figur und langen blonden Haaren". Katjas Haare sind blond, aber nur schulterlang - noch. Und sie hat ihm etwas geschenkt - einen LCD-Anhänger, der irgendwelche Botschaften blinkt, für 35 Euro. Und, wie hat Steve reagiert? ""Danke, meine Süße", hat er gesagt." Und sie hat auch schon Echthaar gekauft, für 100 Euro - in den nächsten Tagen will sie eine Haarverlängerung machen lassen, für 10 Euro, von der Nachbarin. Dafür wird sie wieder andere Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlen können.

"Ein bisschen Liebe muss scho sei", sagt auch Marion, die immer "nur Paschas gehabt" hat. Auch wenn ihr Mann im Knast saß und der nächste sie nur wegen der Papiere geheiratet hat. Die Väter der Kinder haben nie gezahlt. Der eine hat genug Probleme am Hals, der andere bekommt selbst Hartz IV. Und hat schon wieder ein neues Kind, mit einer Frau, die auch von Hartz IV lebt. Trotzdem: Liebe. "Und auch Rita hat sich immer wieder hinreißen lassen, es noch einmal zu probieren. Denn es ist immer die Liebe, nach der sie sich sehnen. Die Liebe, die Wertschätzung, die Aufmerksamkeit, die jeder Mensch sein Leben lang sucht. Darum setzt sich Rita abends vor den Computer und chattet auf facebox.com. Vielleicht wird es ja doch noch was, wer weiß? Es ist, wie es ist", sagt Marion.
Dass das ein Mann sein könnte, der eine Familie ernährt - die Hoffnung hat sie nicht mehr. Dass es einer ist, der bei der Erziehung und im Haushalt hilft - solche Ansprüche stellte sie nie. Sex? Sex sei ihr egal. Was sie sich wünscht - was sie sich alle wünschen, die Katjas, Marions, die Gabis und all die alleinerziehenden Frauen, denen so klar ist, dass mit den Männern hier nichts auszurichten ist -, was sie sich wünschen, ist: jemanden haben. Der da ist. Der der Mann ist im Haus.

Michael, 12, Niko, 9, André, 7, und Sandro, 5, so heißen die Männer, um die sich Ritas Leben jetzt hauptsächlich dreht. Rita ist clever und liebenswert und beängstigend. Wie ein Raubtier sorgt sie für ihre Kinder, geht um ein Uhr nachts zu Bett - was heißt Bett, die Wohnzimmercouch bezieht sie sich jeden Abend neu -, um ab sechs wieder ihren täglichen Sisyphos-Felsen auf ihre mädchenschmalen Schultern zu packen. Kinder wecken, Pausenbrot, Katzen füttern, die Kinder zur Schule bringen, zu Hause Wäsche machen, putzen, aufräumen, kochen, dazwischen Sozialamt, Probleme erklären, Probleme ausräumen, Probleme aussitzen, rauchen, rauchen, rauchen, gleich müssen die Kinder abgeholt und abgefüttert werden, die Katzen!

Das Geschrei ist ohrenbetäubend, dazu läuft der Fernseher, wieder rauchen. Kinder bändigen, an den Tisch setzen, rechnen, überlegen, wie es diesmal reichen soll, das Budget ist wie eine zu kurze Bettdecke, zieht man da, friert man dort, gibt man dem einen die fünf Euro für das Schultheater, fehlen sie wieder hier, also von vorn. Abendessen machen, die Kinder sitzen vergnügt auf der Couch, vor jedem steht ein Teller Suppe, Tisch abräumen, Rita hat nichts gegessen. Sie verbindet zwei Katzen die Pfoten, die haben angefangen, Nägel zu kauen, sie gibt Michael gegen seine Angina ein Antibiotikum, und alle vier Jungen bekommen Zappelin, ein homöopathisches Anti-ADS-Durchknall-Mittelchen, auf die rosa Zünglein geträufelt. Es ist laut, in vier Zweikämpfen werden die Kinder bettfertig gemacht. Auch die vier Katzen haben ihre Augen auf den Bildschirm gerichtet, die Mutter und die drei Jungen. "Eigentlich waren es fünf Katzenkinder", sagt Rita. Aber die Mutterkatze hat gemerkt, dass ihr die Milch nicht reicht für fünf kleine Katzen. Da hat sie zwei totgebissen. "Tja, die Natur", sagt Rita.

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