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IGLU-Studie: "Die wissen, wie man mit Kindern umgeht"

Individuelle Förderung statt Einheitsbrei: Die deutschen Grundschüler schneiden in der jüngsten IGLU-Studie besonders gut ab. Im stern.de-Interview erklärt Studien-Leiter Wilfried Bos die Gründe und warum Grundschullehrer die modernen Pädagogen sind.

Herr Bos, Deutschland im obersten Viertel unter 45 Nationen - endlich mal eine gute Nachrichten an der Bildungsfront. Wer hätte das gedacht?

Dass die Grundschulen nicht schlecht abschneiden, war zu erwarten, aber ein solcher Sprung ins erste Viertel hat sogar uns überrascht. Bei IGLU 2001 lag Deutschland im obersten Drittel. Wir sind also ein ordentliches Stück nach vorn gerückt, erst recht im Vergleich zu Pisa 2003. Die Grundschule hat ihre Hausaufgaben gemacht.

Was sind die Gründe - Schulreformen vollziehen sich doch bekanntlich im Schneckentempo?

Die Grundschüler waren die Ersten, die nach dem Pisa-Schock wieder getestet wurden. Die bekamen die geballte Aufmerksamkeit ab, auf sie konzentrierte sich ein großer Teil des Reformeifers.

Was konkret meinen Sie damit?

Die Grundschule ist neben den Berufsschulen die reformfreudigste Schule in Deutschland. Sie hat sich in den letzten Jahren so sehr verändert wie keine andere Schulart. Natürlich gibt es auch hier noch viele Schulen, in denen wie vor dreißig Jahren unterrichtet wird, aber die werden immer weniger. Viele Schulen haben jetzt flexible Eingangsklassen, in denen Jüngere mit Älteren zusammen nach ihrem eigenen Tempo lernen.

Sie probieren neue Lernformen, statt im Dreiviertelstundentakt arbeiten sie mit Wochenarbeitsplänen. Die Kinder dürfen mehr experimentieren. Es ist eine sehr aufgeweckte und lebendige Schulform. Das Wichtigste scheint mir aber, dass die Lehrer gelernt haben, mit den Besonderheiten jedes Kindes umzugehen statt ihm einen Einheitsbrei vorzusetzen. Sie schaffen es, den natürlichen Lerneifer zu erhalten. Die Viertklässler waren dieses Mal deutlich motivierter als in der letzten Untersuchung.

Sind Grundschullehrer somit die besseren Pädagogen?

Die moderneren, schon durch ihre Ausbildung. Gymnasiallehrer unterrichten Fächer, Grundschullehrer unterrichten Kinder. Sie haben übrigens auch keine Alternative. Sie wissen, diese Schüler hab' ich vier Jahre lang und keine Möglichkeit, die weg zu kriegen, mögen sie auch schwierig oder anstrengend sein.

Wieso? Man kann doch auch in der Grundschule sitzen bleiben?

Ja, aber das ist vergleichsweise selten. In den weiterführenden Schulen ist das Risiko dreimal höher. Vor allem auf Gymnasien heißt es doch immer noch: Dieses Kind schafft es nicht auf unserer Schule, es wird "abgeschult." Von Grundschullehrern hört man das nicht. Sie sind gewohnt, mit Unterschieden umzugehen.

Wie wichtig ist dabei die Klassengröße?

Sie spielt für die Qualität des Unterrichts nicht die große Rolle, die ihr unterstellt wird. Ob 22 oder 26 Kinder macht keinen Unterschied.

Wie will eine Lehrerin das einzelne Kind fördern, wenn 28 andere auch ihre Aufmerksamkeit erheischen wollen?

So groß sind die Grundschulklassen in Deutschland selten. Der Durchschnitt liegt bei 22 Kindern und ist damit im europäischen Vergleich eher niedrig. Erfolgreiche Länder wie die Niederlande oder Schweden haben allerdings Zusatzlehrer in einer Klasse, die sich um besonders Schwache oder Starke kümmern.

Sie haben das "Leseverständnis" getestet. Was ist damit gemeint?

Ein Viertklässler sollte in der Lage sein, sich selbständig mit Texten neues Wissen zu erarbeiten, so definieren wir die oberen Kompetenzbereiche. Das bedeutet etwas anders als nur lautes Vorlesen.

Wie viele Kinder erreichen dieses Niveau?

Etwa die Hälfte, das ist viel im internationalen Vergleich. Der überwiegende Teil der anderen Hälfte bewegt sich auf akzeptablem mittlerem Niveau, diese Kinder lesen flüssig. Es gibt allerdings auch Kinder, die sich wie in einem Steinbruch Wort für Wort eines Textes erschließen müssen, das sind etwa zehn Prozent. Sie bräuchten noch intensiven und elementaren Leseunterricht, den sie allerdings in Klasse fünf nicht mehr bekommen. Dort bleiben sie hängen, weil sie beispielsweise die Textaufgabe in Mathematik nicht erfassen.

Weil sie ein Sprachproblem haben?

Ja. Aber mehr noch ein Schichtenproblem. Der Sohn des persischen Chefarztes hat keine Mühe, eine Aufgabe zu verstehen, weil er zu Hause jede Unterstützung bekommt, der Sohn einer Hilfsarbeiterin tut sich schwer.

Die Eltern sind der entscheidende Erfolgsfaktor, das war schon die erschütternde Erkenntnis der Pisa-Studie vor sechs Jahren. Ist seitdem genug getan worden?

Die Grundschule kann einiges kompensieren, die Unterschiede zwischen der Leistung der Stärksten und der Schwächsten sind im Vergleich zu IGLU 2001 etwas kleiner geworden. Die Herkunft ist dennoch immer noch wichtig. Das zeigt sich aber erst so richtig in Klasse vier, wenn die Lehrer ihre Präferenzen für die Schullaufbahn der Kinder aussprechen. Das Kind eines Oberstudienrats hat bei gleicher Leistung eine viel größere Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen als das Kind eines Facharbeiters.

Das heißt, die Ungerechtigkeiten der Schulempfehlung sind noch größer geworden?

Ja, und das bleibt die wirklich große Baustelle in Deutschland. Den Lehrerinnen kann man dafür nicht die Schuld zuschieben, denn die quälen sich ja selbst. Die sagen: "Den mittelprächtigen Sohn des Professors kann ich aufs Gymnasium schicken, weil ich weiß, dass bei dem zu Hause alles getan wird. Anders bei der begabten Tochter der türkischen Putzfrau - da ist niemand, der sie unterstützt. Kann ich sie also guten Gewissens dem wachsenden Druck am Gymnasium aussetzen oder ist die Real- oder Hauptschule nicht die bessere Wahl für sie und später kann sie sich ja hocharbeiten?" Das sind Argumente von durchaus verantwortungsbewussten Lehrern.

Wie lauten also Ihre Forderungen aus Iglu?

Wir brauchen mehr Ganztagsschulen, vor allem Gymnasien, die diesen Kindern am Nachmittag beim Lernen helfen. Sonst geben wir ein Drittel unserer Kinder verloren, obwohl sie das Potenzial hätten. Das ist nicht nur eine persönliche Katastrophe für die Kinder, sondern auch eine für unsere Gesellschaft.

Interview: Ingrid Eißele