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Kinderpornografie: Den Perversen Einhalt gebieten

Die Große Koalition will den Zugang zu Kinderpornografie im Internet erheblich erschweren. Im stern.de-Interview erklärt der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz, warum die Bundesregierung damit wenig Erfolg haben wird und wie Kinder wirklich geschützt werden könnten.

Herr Galltwitz, in den vergangenen Monaten wurde immer wieder über großangelegte Ermittlungen im Bereich Kinderpornografie berichtet. Das müsste Sie doch zufrieden mit dem Rechtsstaat stimmen.

Natürlich ist das nach der momentanen Rechtslage, nach der Besitz, Handel und die Herstellung von kinderpornographischem Material nach Paragraph 184 STGB mit dem gleichen Strafrahmen belegt sind, in Ordnung. Aber man muss fragen, ob man sich dabei immer mit den richtigen Leuten beschäftigt.

Warum sollten das nicht die richtigen Leute sein?

Heute kann schon derjenige bestraft werden, bei dem sich das Material in dem Zwischenspeicher seines Computers befindet, auch wenn er sich keine Bilder oder Videos aus dem Internet runtergeladen hat. Es reicht also aus, wenn man Bilder anklickt, um den Straftatbestand zu erfüllen. Ich würde es vielmehr gerne sehen, wenn zwischen dem bloßen Besitzen und dem Herstellen von Kinderpornografie mehr unterschieden wird.

Sie sprechen von bloßem Besitz. Das klingt verharmlosend.

Der bloße Besitz ist für mich minderschwer. Die Herstellung dagegen ist das Begehen eines Verbrechens, dass auch noch dokumentiert wurde. Aber der Strafrahmen für die beiden Taten ist der gleiche. Ich würde dafür plädieren, zwei unterschiedliche Straftatbestände daraus zu machen und die Herstellung mit weit höheren Strafen zu ahnden. Außerdem beurteile ich die Gefährlichkeit zwischen diesen Gruppen unterschiedlich, also zwischen dem, bei dem man ein Bild finden kann, einem Sammler und jemandem, der gewerbsmäßig handelt oder sexuelle Übergriffe dokumentiert.

...Moment: Da gehen Sie aber sehr sanft mit den Leuten um, die sich die Filme und Bilder besorgen und anschauen. Gäbe es diese Leute nicht, gäbe es auch keinen "Markt" für Kinderpornografie.

Das stimmt, ohne Nachfrage kein Angebot. Aber man muss unterscheiden zwischen Leuten, bei denen "etwas" gefunden werden kann oder die etwa nachweisen können, dass ihnen jemand dieses Material ohne ihr Einverständnis oder ihren Wunsch per Mail geschickt hat. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die abertausende Bilder oder Videos besitzen.

Also milde Strafen auch für solche, die nur zufällig auf eine Kinderporno-Seite im Internet gestoßen sind?

Natürlich gibt es viele Leute die das als Ausrede verwenden und sagen: Ich wollte gar nicht auf die Seite. Das würde ich nicht per se glauben, denn auf solche Seiten stößt man nicht zufällig und seine Kreditkartennummer hinterlässt man noch weniger zufällig. Aber man kann heute jemanden in große Bedrängnis bringen, wenn man ihm solches Material schickt. Ich denke der ungehinderte Zugang für Kinder und Jugendliche zu den für Erwachsene erlaubten Pornografieseiten ist ein genauso großes Problem. Hier wächst die nächste Generation der Internet-Sexsüchtigen und der Pornografiekonsumenten heran.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema, haben gerade Ihr drittes Buch zu dem Thema Kinderpornografie geschrieben: Was haben Sie neues über die Szene herausbekommen?

Es gibt immer mehr Leute, die eigentlich keine Pädophile sind, sich aber für Kinderpornografie nicht zuletzt aus Neugier interessieren. Nach dem Motto: Jetzt habe ich so viel darüber gelesen und gehört, da schaue ich mir doch selber mal an, was daran so besonders sein soll. Ich spreche von Pädosexuellen, von hemmungslos promiskuitiven Menschen oder von Menschen, die sich selbst als "offen für alles" sehen. Deutlich wachsend ist der Anteil der Internet-Sexsüchtigen, die sich unter anderem auch kinderpornographisches Material auf der Suche nach neuer oder stärkerer Stimulation anschauen.

Die Zahl der Nutzer von Kinderpornografie steigt also?

Ja und weil es mehr bundes- und weltweite Ermittlungsaktionen gibt. Der harte Kern der regelmäßigen Kinderpornografie-Konsumenten, auch im Internet, dürfte gleich geblieben sein und wird auf rund 50.000 geschätzt. Die Branche reagiert aber schnell auf den steigenden Ermittlungsdruck. Eine Folge: Die Verschlüsselungstechniken ihrer Plattformen im Internet werden immer besser. Und auch bei den Pädophilen erkennen wir ähnliche Netzwerk-Effekte wie bei den Schüler, Studenten oder Singles. Sie schaffen sich Plattformen, um sich kennenzulernen und auszutauschen.

Das Internet bietet also auch den Pädophilen viele Möglichkeiten?

Ja. Es gibt zudem rechtsfreie Räume: Sie können sich hierzulande etwa im Chat mit einem Kind zum Sex verabreden, solange sie ihn nicht praktizieren. Das ist skandalös. Es kann mir doch niemand erzählen, dass sich Erwachsene als Jugendliche ausgeben, um dann nur um Chancen zu testen und Phantasien auszuleben, versuchen, das Kind zu einem Treffen zu verführen.

Sind Sie für eine stärkere Kontrolle der Chats und Communities, um die Kinder zu schützen?

Mein Vorschlag setzt früher an: Wir brauchen endlich ein Fach Medienkompetenz in Deutschland. Die Schulen müssen nicht nur online sein, sondern die Kinder müssen auch erfahren, wie sie sich dort zu bewegen haben. Dies ist Aufgabe der Schulen. Man muss den Kindern erzählen, was im Internet los ist: In den Chats und Communities herrscht Krieg. Auch die Bundesfamilienministern hat ja inzwischen umgeschwenkt und gesagt: Den Perversen im Netz muss Einhalt geboten werden.

Sie sprechen die Ankündigung von Familienministerin Ursula von der Leyen an, die Internetseiten mit kinderpornographischem Material sperren lassen will.

Die Idee von Frau von der Leyen hört sich gut an, es wird aber nicht viel dabei rauskommen. Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis nach der Sperrung andere Seiten mit kinderpornographischem Inhalt entstehen. Außerdem sitzen die Server dieser Homepages oft virtuell oder faktisch im Ausland und mit allen diesen Ländern müssten wir zeitnah Rechtshilfeabkommen schließen. Es ist eine politische Forderung, die in diesem Medien nichts nutzt.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um dem Problem Herr zu werden?

Familie und Schule. Frau von der Leyen wird ja auch einen Einfluss auf ihre Kinder gehabt haben. Wir müssen darauf achten, dass die Kinder und Jugendlichen besser über Pornographie aufgeklärt werden und Medienkompetenz bekommen. Nur durch Verbote wird das nicht gelingen. Wir müssen später Erwachsene erzogen und sozialisiert haben, die diese Angebote nicht nutzen. Ich denke Kinderpornografie ist nur Teil einer Krankheit. Mit Kriminalisieren ändern wir daran genauso wenig wie beim Konsum von Gewalt in den Medien.

Das ist der eine Teil, also Erziehung der Kinder. Aber was tun mit dem Problem heute? Gibt es genug Hilfsmöglichkeiten für Pädophile, die noch nicht straffällig geworden sind?

Nein, es gibt nicht genügend. Es gibt eigentlich nur das Projekt in der Charite von Professor Beyer in Berlin, das ist aber voll bis obenhin. Es gibt aber auch zu wenig Therapeuten, sie sich mit sexuell auffälligen Jugendlichen beschäftigt. Der Konsum von Pornographie ist schon immer etwas Normales gewesen. Aber die Masturbationsvorlagen haben sich verändert und sie sind anders zugänglich. Und das wird von der Gesellschaft tabuisiert oder hingenommen und akzeptiert.

Interview: Malte Arnsperger