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stern-Serie zum NSU-Terror (III): Mord an Michèle Kiesewetter: Rekonstruktion eines immer noch mysteriösen Falls

Warum musste die Polizistin Michèle Kiesewetter sterben? Was machte die Polizei an diesem Tag in Heilbronn? Und was ist mit den blutverschmierten Männern? Die stern-Serie zum NSU-Terror.

Von Holger Witzel

Grab von Michèle Kiesewetter in Oberweißbach. Sie gilt als zehntes Mordopfer des NSU. Aber warum musste sie sterben?

Grab von Michèle Kiesewetter in Oberweißbach. Sie gilt als zehntes Mordopfer des NSU. Aber warum musste sie sterben?

Dieser Text erschien erstmals in stern 50/2014.

So viel Zufall – daran klammern sich die Ermittler offenbar bis heute – kann nur Zufall sein: dass ausgerechnet in Heilbronn eine Polizistin aus Thüringen von Thüringer Neonazis hingerichtet wird. Dass sich gleichzeitig arabische Extremisten und osteuropäische Mafiosi, V-Leute und US-Agenten in der Stadt tummeln. Dass mehrere blutverschmierte Menschen vom Tatort flüchten, aber angeblich nichts damit zu tun haben. Schon deshalb – so die offizielle Version dieser Geschichte – können auch Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. an diesem 25. April 2007 nur zufällig am falschen Ort gewesen sein.

Die beiden Polizisten parken ihren Streifenwagen kurz vor 14 Uhr im Schatten einer alten Pumpstation auf der Theresienwiese. Das Gelände zwischen Bahngleisen, Neckar und Innenstadt dient Pendlern als Parkplatz, hundert Meter südlich wird gerade der Rummel für das Maifest aufgebaut. Die Beamten plaudern und rauchen – und haben keine Chance, als sich die Täter von hinten anschleichen.

Michèle Kiesewetter, 22, sitzt bei offenem Fenster am Lenkrad. Ihr Kollege, damals 24, erinnert sich später, dass sie noch dachten, da wolle jemand eine Auskunft. Dann enden auch bei Martin A. alle Bilder. Von einem Kopfschuss getroffen, sackt er auf dem Beifahrersitz zusammen. Sein letzter Gedanke, bevor er Wochen im Koma liegt, gilt noch seiner Sonnenbrille.

Seine Kollegin ist sofort tot. Ihr Killer beugt sich über sie, um an ihre Waffe zu kommen. Bei A. zerrt gleichzeitig jemand mit solcher Gewalt an der Pistole, dass eine Befestigungsschraube aus dem Lederholster reißt. A. fällt dabei aus dem Auto. Hinterher fehlen neben den Dienstwaffen drei Magazine mit insgesamt 39 Patronen.

Zeugen berichten von blutverschmierten Männern

Viereinhalb Jahre bleibt der Polizistenmord ein Rätsel. Die Soko "Parkplatz" konzentriert sich zunächst auf eine Frau, die seit gut 15 Jahren immer wieder ihre DNA an Tatorten hinterließ – bis sich das "Phantom von Heilbronn" als Mitarbeiterin eines Verpackungsunternehmens herausstellt, das die Wattestäbchen für die DNA-Analytik lieferte. 2009 – zwei Jahre nach dem Mord – beginnt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg Zeugen und Kollegen erneut zu vernehmen.

Die Tat selbst hat niemand gesehen. Dafür berichten gleich fünf Augenzeugen unabhängig voneinander von blutverschmierten Männern, die aus der Nähe des Tatorts geflüchtet seien. Dazu passen Erkenntnisse der Tatortanalyse, dass mindestens ein Täter großflächig mit dem Blut von Michèle Kiesewetter in Berührung gekommen sein muss. Eine Autofahrerin beschreibt einen 30 bis 35 Jahre alten Mann mit rundem Gesicht und dunkelblonden glatten Haaren, der in einen Wagen sprang. Sie hält ihn für einen "Russen". Sein Arm und die ganze linke Seite seien voll Blut gewesen.

Ein Mann, dessen Identität als "zuverlässige Vertrauensperson" der Polizei geheim bleiben soll, beobachtet an einer anderen Stelle eine ganz ähnliche Szene, hörte den Fahrer zudem "dawai, dawai" rufen – russisch für schnell. Weitere Zeugen beschreiben, wie Verdächtige im Wertwiesenpark vor einem Polizeihubschrauber flüchten. Ein Radfahrer sieht am Neckarufer eine Frau und zwei Männer, von denen sich einer die blutigen Hände im Fluss wäscht. Jahrelang gehen die Ermittler von bis zu sechs Tätern aus.

Überraschende Wende

Schon die erste Soko hatte sich in das Milieu der fahrenden Familien vertieft, deren Wohnwagen in der Nähe standen. Eine Zeit lang haben die Ermittler eine serbische Diebesbande im Visier, auch von Kriminellen aus Russland, für die ein Polizistenmord "statusaufwertend" wirke, handeln die alten Akten. "Ein politisch motivierter Anschlag gegen Staatsorgane", heißt es in einer Operativen Fallanalyse des LKA, "ist eher auszuschließen."

Doch dann scheint der komplizierte Fall plötzlich ganz einfach: In Eisenach tauchen am 4. November 2011 in einem ausgebrannten Wohnmobil die erbeuteten Dienstwaffen wieder auf. Daneben liegen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die mit ihrer Freundin Beate Zschäpe 1998 in Jena untergetaucht waren. Als Kern der rechtsextremen Terrortruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) sollen sie 14 Jahre lang unentdeckt von Behörden Morde verübt und Banken ausgeraubt haben. Im Brandschutt ihres mutmaßlich letzten Verstecks in Zwickau finden sich außerdem die Tatwaffen von Heilbronn, zudem Bekennervideos. Und eine Jogginghose mit Blutspritzern der Polizistin.

Seitdem gilt Michèle Kiesewetter als zehntes und letztes Opfer des NSU. Ihre Hinrichtung ist Teil der Anklage gegen Beate Zschäpe und ein paar mutmaßliche Unterstützer, die sich seit Mai 2013 vor dem Oberlandesgericht München verantworten müssen. Und doch bleiben bei keiner anderen mutmaßlichen NSU-Tat so viele Fragen offen, werden Ermittlungsergebnisse, Zeugenaussagen und andere Widersprüche so hartnäckig ignoriert wie in Heilbronn.

Michèle Kiesewetters Onkel, der Polizist Mike W., hat schon 2007 auf Zusammenhang mit rechtsextremer Szene hingewiesen

Michèle Kiesewetters Onkel, der Polizist Mike W., hat schon 2007 auf Zusammenhang mit rechtsextremer Szene hingewiesen

Was war so wichtig in Heilbronn?

Mit dem Motiv fängt es an: Zuerst hatte selbst BKA-Präsident Jörg Ziercke noch über "erstaunliche" Erkenntnisse aus dem Thüringer Umfeld der Polizistin und sogar von einem "Beziehungsdelikt" gesprochen. Doch dann legten sich BKA und Bundesanwälte in wenigen Tagen auf ihre Theorie von den "Zufallsopfern" und den Einzeltätern fest. Böhnhardt und Mundlos, so glauben sie, hätten aus Hass auf den Staat gemordet. Nach neun ähnlich willkürlich ausgewählten Opfern mit türkischen und griechischen Wurzeln hätten sie sich 2007 für zwei von bundesweit etwa 250.000 Polizisten entschieden.

Aber warum in Heilbronn? Warum ausgerechnet auf der Theresienwiese, die zumindest unter einheimischen Polizisten nicht als Pausenplatz bekannt war? Warum lockten sie nicht irgendeine Streife über den Notruf 110 in irgendeinen weniger öffentlichen Hinterhalt?

Warum weisen die Tatwaffen zwar unbekannte DNA, aber keine der toten Täter auf? Wieso ist die Jogginghose mit den Blutspritzern viereinhalb Jahre lang nicht gewaschen worden? Wie zufällig stecken auch noch zwei Taschentücher mit DNA-Fragmenten von Mundlos in der Hosentasche. In Zwickau haben ausgerechnet diese Beweise das Feuer unversehrt überstanden.

Die Augenzeugen von Heilbronn stufen die Ermittler seitdem als unglaubwürdig ein. Nur so passt es auch, dass keines der mindestens zehn Phantombilder, die nach ihren Angaben gefertigt wurden, Böhnhardt und Mundlos nur entfernt ähnelt. Die Herkunft von Opfer und Tätern aus Thüringen? Laut den abschließenden Ermittlungen: Zufall. Die zahlreichen Hinweise auf Verbindungen des Terrortrios und ihrer Unterstützer nach Süddeutschland: nicht belastbar. "Seit dem 4.11.2011", so heißt es in Aktenvermerken zu offenen Spuren immer wieder, "nicht mehr relevant."

Lockvogel für russische Drogenbande

Seit 2005 arbeitete die Thüringerin bei der Bereitschaftspolizei von Baden- Württemberg. Ihre Einsätze dort waren nicht immer ungefährlich. Unter anderem diente sie bei verdeckten Ermittlungen gegen eine russische Drogenbande als Lockvogel. Dazu könnte passen, dass sich in Tatortnähe offenbar mehrere Personen aufhielten, die mit der osteuropäischen Mafia zu tun haben. Laut LKA-internen Vermerken erbrachte ein Abgleich der Daten der Europol-Stelle für Organisierte Kriminalität aus Osteuropa mit Handydaten aus Heilbronn einige Treffer. Gibt es vielleicht sogar Verbindungen zwischen Drogenmafia und Neonazis, wie es Ermittlungen in anderen Fällen nahelegen?

Vor allem der Untersuchungsausschuss in Thüringen arbeitete sich an möglichen Konflikten in Kiesewetters alter Heimat ab. Neben der vermuteten Sabotage von Ermittlungen nach der Flucht des Trios erhellten die Parlamentarier zahlreiche Kontakte des NSU zu Neonazis im Raum Ludwigsburg/ Heilbronn. Die Frage aber, wieso Michèles Onkel Mike schon 2007 einen Zusammenhang zwischen den damals noch so genannten Döner-Morden und dem Polizistenmord von Heilbronn herstellte, konnte auch in Erfurt nicht geklärt werden.

Inzwischen distanziert sich Mike W. von zu deutlichen Aussagen in diese Richtung. Er ist Polizist wie seine Nichte und war als Staatsschützer in Thüringen lange selbst mit dem Umfeld der späteren Terroristen beschäftigt. Eine direkte Verbindung zwischen Opfer und NSU ließ sich jedoch nicht finden. Immerhin aber tauchte auf einer Kontaktliste, die man 1998 in Zschäpes Garage in Jena fand, ein Name auf, der wiederum nach Süddeutschland führt.

Frühe Hinweise auf Rechtsextremisten

Der ostdeutsche Neonazi Thomas R. – unter dem Decknamen "Corelli" bis zu seiner Enttarnung 2012 gleichzeitig eine der Topquellen des Bundesamtes für Verfassungsschutz – gehörte einem europäischen Ableger des Ku-Klux-Klans in Schwäbisch Hall an. Im selben Verein war zeitweise auch der Polizist Timo H. aktiv, am Tag ihres Todes Kiesewetters Einsatzleiter. Sein mutmaßlicher Geheimbundbruder R. soll in den 90er Jahren mit den beiden Uwes zu tun gehabt haben, was der stets bestritt. Erwähnungen in und Spenden des NSU an Nazi-Fanzines, deren Internetseiten auch R. mit Anzeigen und technischen Dienstleistungen unterstützte, lassen zumindest Zweifel an "Corellis" Aussagen zu.

Ungeklärt blieben ähnlich geheimnisvolle Andeutungen des Neonazi-Aussteigers Florian H. aus Eppingen bei Heilbronn. Er soll Arbeitskollegen bereits im Sommer 2011 – Monate bevor der NSU aufflog – erzählt haben, dass Rechtsextremisten hinter dem Polizistenmord steckten. Gegenüber dem LKA wiegelte er später ab, und der Fall kam zu den Akten.

Zumindest regional decken sich solche frühen Hinweise mit den Angaben des pensionierten Verfassungsschützers Günter Stengel, dem ein Informant im Raum Heilbronn schon 2003 von einer rechten Terrorgruppe namens NSU erzählt und der sogar den Namen Mundlos erwähnt haben soll. Der Bericht dazu, so kam vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss heraus, sei seinerzeit auf Anweisung seiner Vorgesetzten vernichtet worden.

Wie so oft im gesamten NSU-Komplex wirken im Nachhinein womöglich auch kleine Pannen ganz und gar nicht mehr zufällig.

Ermittlungen am Tatort, der Theresienwiese in Heilbronn (25. April 2007): Waren die Polizisten wirklich auf einem Routine-Einsatz?

Ermittlungen am Tatort, der Theresienwiese in Heilbronn (25. April 2007): Waren die Polizisten wirklich auf einem Routine-Einsatz?

US-Elitesoldaten und Amal-Europachef

So hinterfragt heute auch kein offizieller Strafermittler mehr, warum einer der ersten Zeugen am Tatort zufällig der Europachef der radikalen libanesischen Amal- Bewegung war. Oder was es mit dem amerikanischen Elitesoldaten auf sich hat, der eine Dreiviertelstunde vor dem Mord auf der Autobahn 6 bei Heilbronn in einem BMW mit Tarnkennzeichen der US-Streitkräfte geblitzt wurde.

Am Steuer saß Master Sergeant Andrew H., der damals wie Kiesewetters Einheit in Böblingen stationiert war. H. war auf islamistischen Terror spezialisiert und wurde inzwischen wieder in die USA versetzt. BKA-Fragen nach seinem Auftrag an diesem Tag wurden von den Amerikanern nie beantwortet. Die deutschen Ermittler hakten auch nicht nach.

Eine Erklärung könnten die Observationen der sogenannten Sauerlandgruppe sein, die im Frühjahr 2007 auf Hochtouren liefen. Mehr als 100 US-Agenten sollen dabei auf deutschem Boden gegen die Islamisten im Einsatz gewesen sein, gesichert von US-Elitesoldaten und geduldet von deutschen Bundesbehörden.

Verbindungen zur Sauerland-Gruppe

Wenige Wochen nachdem die Öffentlichkeit erstmals von dem rechten Terrorkommando NSU und dessen Verwicklung in den Fall Heilbronn gehört hatte, berichtete der stern über den Verdacht, deutsche und US-Geheimdienste hätten die Schießerei möglicherweise beobachtet. Ein sogenannter "Contact Report" schien das für den 25. April 2007 in Heilbronn zu protokollieren. Neben dem amerikanischen Berichterstatter wäre demnach auch mindestens ein Verfassungsschützer vom Landesamt Baden- Württemberg vor Ort gewesen. Dem Papier zufolge beschatteten sie einen gewissen Mevlüt K., dem außer der Beschaffung der Zünder für die islamistischen "Sauerland- Bomber" auch Kontakte zu osteuropäischen Kriminellen nachgesagt werden. Die Observation endete angeblich um 13.50 Uhr durch einen Zwischenfall mit Schusswaffen auf der Theresienwiese.

Trotz aller bis heute bestehender Zweifel an der Echtheit des Papiers entschloss sich der stern seinerzeit zur Veröffentlichung der Frage: "Mord unter dem Auge des Gesetzes?" (Nr. 49/2011). Die darin erwähnten Behörden – Amerikaner und Verfassungsschutz – bestritten ihre Anwesenheit umgehend. Schnell war von einer Fälschung die Rede.

Hinweise auf Rechtsextreme erneut ignoriert

Entgegen solchen frühen Dementis bestätigte die heutige LfV-Präsidentin Beate Bube später in den "Stuttgarter Nachrichten", dass an diesem Tag doch einer ihrer Kollegen in Heilbronn zu tun hatte. Zu dem Treffen mit einem Islamisten sei es aber wegen Sperrungen und Staus rund um den Tatort nicht gekommen. Der Chef des V-Mann- Werbers gab wiederum vor dem Berliner Untersuchungsausschuss zu Protokoll, der Mitarbeiter sei auf dem Rückweg nicht mehr aus der Stadt herausgekommen. Die Akten dazu waren da leider schon geschreddert.

Inzwischen gibt es auch für die Anwesenheit von US-Agenten in Heilbronn weitere Indizien. Eine geheime Mail- und Faxkorrespondenz zwischen BND, Bundesanwaltschaft und Kanzleramt bezieht sich auf eine interne Prüfung der Amerikaner, die eine "Beteiligung von zwei Mitarbeitern des FBI ergeben habe". Nach Aktenlage, die zuerst Andreas Förster in seinem Buch "Geheimsache NSU" – zu dem auch ein Mitautor dieses Artikels beitrug – enthüllte, verzichtete der BND allerdings auf weitere von den Amerikanern angebotene Gespräche zu den Hintergründen.

Zufall oder nicht: Schon sechs Wochen nach dem Polizistenmord, Anfang Juni 2007, hatten FBI-Beamte deutschen Kollegen mitgeteilt, nach ihrer Einschätzung stünden Täter mit Ausländerhass hinter der Migranten-Mordserie, also Rechtsextreme. Doch offenbar schien den Ermittlern damals noch völlig absurd, woran sie heute keine Zweifel mehr haben.

Selbst für Heilbronn vermerkt das BKA in einem Ermittlungsbericht der Bundesanwaltschaft vom 22. Oktober 2012 noch: "Ein eindeutiger Nachweis, dass zumindest Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am Tattag in unmittelbarer Tatortnähe waren, konnte bislang nicht erbracht werden." Letztlich war nur das Kennzeichen eines vermutlich von ihnen benutzten Wohnmobils in der Ringfahndung hängen geblieben. Und die entscheidenden Fragen konnte bisher auch der Mammutprozess gegen Beate Zschäpe und ihre mutmaßlichen Unterstützer in München nicht klären: Waren die zwei NSU-Mitglieder allein in Heilbronn? Waren sie überhaupt dort? Und wenn nicht, wer hat Michèle Kiesewetter dann umgebracht?

Michèle Kiesewetters Bild wird von Kollegen während eines Trauerzugs in Böblingen getragen (30. April 2007)

Michèle Kiesewetters Bild wird von Kollegen während eines Trauerzugs in Böblingen getragen (30. April 2007)

Welchem Zweck diente der Einsatz?

Zu den Spekulationen über den Tag in Heilbronn tragen auch immer noch Zweifel bei, welchen Zweck der Einsatz der Bereitschaftspolizei aus Böblingen tatsächlich hatte. Warum Michèle Kiesewetter eingesprungen war, obwohl sie eigentlich frei hatte. Und wann genau?

Die offizielle Version dazu geht so: Sechs Kollegen ihres Zuges wurden für normale Polizeistreifen in Heilbronn angefordert. Im Rahmen des Programms "Sichere City" sollen sie Junkies und Obdachlose kontrollieren. Nach einer kurzen Einsatzbesprechung steigen Kiesewetter und A. gegen zehn Uhr in den Streifenwagen. Kurz vor elf kontrollieren sie vier Personen an der Unteren Neckarstraße, wenig später noch einen stadtbekannten Trinker am alten Friedhof. Gegen 11.30 Uhr sollen die zwei Beamten ihre erste Pause am späteren Tatort eingelegt haben.

Anders als A. kennt Kiesewetter den Platz neben dem Pumpenhaus schon von zwei angeblich ähnlich banalen Streifendiensten Anfang April 2007. Zweck und Umstände dieser Einsätze gelten bis heute als "Verschlusssache". Widersprüchliche Aussagen von beteiligten Polizisten und Zeitangaben nach dem Mord, so legen es auch die Recherchen von Dirk Laabs und Stefan Aust für ihr Buch "Heimatschutz" nahe, könnten Indizien dafür sein, dass noch eine andere Operation lief als bisher bekannt. Welches Ziel die hatte, ist allerdings unklar – oder soll es bleiben.

Der Einsatzleiter - ein Ex-Ku-Klux-Klan-Mitglied

Ab 12.30 Uhr sollen Kiesewetter und A. noch an einer Schulung in der Polizeidirektion teilgenommen haben. Manche Kollegen erinnern sich aber auch an eine weitere Einsatzbesprechung – nur nicht an deren Inhalt. Seltsam scheint, dass Kiesewetter und ihr Kollege Schutzwesten trugen, um ein paar Obdachlose zu vertreiben. Ab 13.45 Uhr sollen die beiden jedenfalls ihre Streifentätigkeit fortgesetzt haben. Sie müssen allerdings sofort wieder zu ihrem alten Standort auf die Theresienwiese gefahren sein. Denn schon wenig später bricht über Polizeifunk Hektik aus. Für 14.14 Uhr ist die erste Meldung über angeschossene Kollegen dokumentiert. Sofort startet der erste Polizeihubschrauber in Stuttgart, das Landespolizeipräsidium löst eine Ringfahndung aus. Um 14.22 Uhr stellt eine Notärztin den Tod von Michèle Kiesewetter fest, während am Tatort immer mehr Polizisten eintreffen.

Darunter ist auch Ex-Ku-Klux-Klan-Mitglied Timo H., Kiesewetters Einsatzleiter an diesem Tag. Er selbst ist in Zivil und einem unauffälligen Kleinwagen unterwegs und informiert Thomas B., den Chef der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit 523, zu der Kiesewetter und A. gehören. Auch der eilt zum Tatort und beteuert später, der Anschlag habe eigentlich ihm gegolten, weil er eine serbische Bande auffliegen lassen wollte. Diese Info habe er von einem Freund bei den amerikanischen Special Forces, die ebenfalls in Böblingen stationiert sind.

Auch etliche andere Kollegen sind auf einmal vor Ort, die offiziell nichts mit dem Streifendienst zu tun, aber andere Aufgaben in Heilbronn hatten. Und offenbar lässt sich nachträglich auch nicht klären, warum gleich mehrere Kollegen ausgerechnet an diesem Tag den Dienst mit Kiesewetter getauscht haben wollen. Mal soll sie sich selbst um den Einsatz gerissen haben, obwohl die Liste schon voll war, dann wieder für einen verletzten Kollegen eingesprungen sein. Mal soll sie sich am 16. April in den Dienstplan eingetragen haben, ein anderes Mal am 19. April – kein unwichtiges Detail, denn am 19. April soll auch Uwe Böhnhardt das Wohnmobil bei seinem Chemnitzer Stammvermieter telefonisch verlängert haben. Und es ist außerdem der Tag, an dem Michèle Kiesewetter noch einmal kurz zu Hause im thüringischen Oberweißbach war.

Gab es womöglich einen Hinweis, dass sie am 25. April doch Dienst haben würde – und zwar in Heilbronn? Kam der Tipp von einem Insider aus ihrer Einheit oder sogar aus der alten Heimat?

Solange Zschäpe nicht redet und so viele Fragen offen sind, kann der Fall nicht abgeschlossen sein. Vielmehr wirkt indessen jede Verschwörungstheorie ähnlich plausibel wie die Hypothese von zwei Einzeltätern und den Zufällen von Heilbronn – zumal die scheinbar nicht enden wollen.

Im September 2013 soll Florian H. noch einmal beim LKA aussagen, jener junge Mann, der den Polizistenmord schon so früh mit Neonazis in Verbindung brachte. Doch am Tag der Vernehmung liegt der 21-Jährige tot in seinem ausgebrannten Auto. Die Behörden gehen von Suizid aus Liebeskummer aus, seine Eltern widersprechen heftig.

Thomas R. alias Corelli stirbt unter ähnlich mysteriösen Umständen. Seine Rolle als V-Mann im NSU-Netzwerk beschäftigt nicht nur das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags, seit in verschiedenen Verfassungsschutzämtern Datenträger auftauchten, die R. bereits 2005 und 2006 übergeben haben soll und die sich auf den NSU beziehen. Er hätte auch ein wichtiger Zeuge für Verbindungen der Terroristen nach Süddeutschland sein können. Anfang April 2014 wird R. jedoch tot in seiner Wohnung gefunden, wo er mit neuer Identität unter Zeugenschutz lebte. Niemand wusste vorher, dass der 39-Jährige an einer schweren Diabetes litt.

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