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NSU-Prozess: Auffällig viele Zufälle - Diese Fragen bleiben nach dem Ende des Mammutprozesses

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz beim NSU-Terror? Bestand die Gruppe wirklich nur aus drei Mitgliedern? Warum wurden Akten geschreddert? Auch nach dem Ende des Prozesses bleiben viele Fragen.

Eine von vielen offenen Fragen nach dem NSU-Prozess: Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in seinem Kasseler Internetcafé erschossen. Was weiß der hessische Verfassungsschutz zu der Tat?

Eine von vielen offenen Fragen nach dem NSU-Prozess: Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in seinem Kasseler Internetcafé erschossen. Was weiß der hessische Verfassungsschutz zu der Tat?

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Über 400 Verhandlungstage, 500 Zeugen, geschätzte 50 Millionen Euro Prozesskosten. Und nun ein Urteil:  Am 11. Juli wurde Beate Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt. Mit möglichen Fehlern von Polizei und Verfassungsschutz wollte sich das Gericht nicht befassen. Deshalb bleiben nach dem Urteil viele Fragen offen: 

Finanzierte der Verfassungsschutz die Neonazi-Szene, die die Terroristen hervorbrachte? 

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe waren unter anderem beim "Thüringer Heimatschutzes" (THS) aktiv. Die wichtigste Neonazis-Vereinigung Thüringens organisierte Rudolf-Heß-Gedenkmärsche und rief im Darknet zu Gewalt gegen politische Gegner auf. Von etwa 150 Mitgliedern waren 43 - also fast ein Drittel-V-Leute, die für den Verfassungsschutz spitzelten. Der THS war also vom Verfassungsschutz durchsetzt.

Auch Tino Brandt, zeitweise stellvertretender Vorsitzender der NPD in Thüringen und Chef des THS, war ein Spitzel des Verfassungsschutzes. Rund 200.000 Euro soll ihm der Verfassungsschutz für seine Dienste gezahlt haben. Das Geld, so sagt Brandt, habe er in den Aufbau der rechten Szene gesteckt. Wenn das stimmt, hätte der Staat eine Neonazi-Szene mitfinanziert, aus der Terroristen hervorgingen.

Vereitelte der Brandenburger Verfassungsschutz die Festnahme des Trios? 

Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe flohen im Januar 1998 und tauchten in einer anonymen Plattenbauwohnung in Chemnitz unter. Jan Werner, dem Chef der sächsischen Sektion von "Blood & Honor" unterstützte sie. Werner versuchte offenbar, dem Trio eine Waffe zu besorgen. "Hallo, was ist mit dem Bums", schrieb er am 25. August 1998 - ein gutes halbes Jahr, nachdem das Trio untergetaucht war – an den Neonazi Carsten Szczepanski in einer SMS.

Szczepanski war Ku-Klux-Klan-Anhänger und wegen versuchten Totschlags an einem Nigeraner verurteilt worden. Inzwischen spitzelte er unter dem Decknamen "Piatto" für den Brandenburger Verfassungsschutz, was Jan Werner offenbar nicht ahnte. Tatsächlich erzählte Szcepanski seinem V-Mann, dass drei untergetauchte "Skinheads" eine Waffe kaufen wollten. Die Verfassungsschützer gaben den Hinweis zwar an die Kollegen von der Kripo weiter. Doch die Polizisten durften Szcepanski nicht vernehmen. Quellenschutz ging vor Aufklärung.

"Der Brandenburger Verfassungsschutz hat die Festnahme der drei vereitelt und so die spätere Mordserie des NSU ungewollt erst ermöglicht", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Thomas Bliwier, der eine Opferfamilie vertritt. Ein Untersuchungsausschuss im Brandenburger Landtag versucht gerade zu klären, ob das stimmt. Doch in den Akten fehlen über 100 Kurznachrichten, die Szcepanski 1998 auf seinem Handy empfangen hat. Er selbst lebt inzwischen im Zeugenschutzprogramm.

Wie groß war der NSU wirklich?

Am 9. September 2000 erschossen Mundlos und Böhnhardt den Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg. Zeugen sahen zwei Männer in Fahrradkleidung am Lieferwagen des Blumenhändlers. Ein Zeuge erinnerte sich sogar daran, Schüsse gehört zu haben. Şimşeks Witwe äußerte gegenüber der Kripo den Verdacht, dass Neonazis hinter dem Anschlag stecken könnten. Doch die Ermittler glaubten an eine Beziehungstat, verdächtigten Ehefrau und Onkel, hörten die Telefonate der Familie ab. Sie behaupteten gegenüber der Witwe, ihr Mann hätte eine Freundin gehabt, obwohl das nicht stimmte. 

Es ist ein Muster, das sich in den nächsten Jahren wiederholt: Die Ermittler schließen ein fremdenfeindliches Motiv aus, suchen die Täter immer in den Familien der Opfer.

Im Januar 2001 ging in einem Lebensmittelladen in Köln, der von einer iranisch-stämmigen Familie betrieben wurde, eine Bombe hoch. Die 19-jährige Tochter wurde schwer verletzt. Wieder schlossen die Ermittler ein fremdenfeindliches Motiv aus. Wieder vermuteten sie die Täter im Umfeld der Familie.

Lesen Sie hier weitere Hintergründe zu dem Bombenanschlag:


Am 13. Juni 2001 wurde in Nürnberg der Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru ermordet. Gut zwei Wochen später, am 27. Juni 2001, starb der Gemüsehändler Süleyman Taşköprü in Hamburg durch zwei Kopfschüsse. Alle drei Männer wurden mit der gleichen Waffe erschossen: Mit einer Česká Typ 83 vom Kaliber 7,65. Die Waffe war die erste Spur, die verriet, dass Serienmörder durch Deutschland zogen und Migranten ermordeten. 

Zwei Monate später wurde am 29. August 2001 in München der Lebensmittelhändler Habil Kılıç mit der Česká erschossen. Wieder sahen Zeugen zwei Männer in dunkler Fahrradkleidung - wie nach dem ersten Mord an Ever Simsek. Doch die Polizei suchte die Radfahrer nur als Zeugen. Als sie sich nicht melden, war die Spur für die Ermittler erledigt. 

Inzwischen waren zwischen September 2000 und August 2001 innerhalb von elf Monaten vier Menschen ermordet worden. In Nürnberg, Hamburg und München. Dazwischen verübte der NSU zwei Sprengstoffanschläge in Köln und Nürnberg. Waren die Terroristen wirklich nur zu Dritt? Sie mussten von Sachsen quer durch Deutschland fahren, Tatorte aussuchen, Opfer ausspionieren. Und das alles ohne fremde Hilfe?

Während die Bundesanwaltschaft davon ausgeht, dass der NSU eine isolierte Terrorzelle aus drei Leuten war, haben die Untersuchungsausschüsse im Bundestag und in den Bundesländern die Drei-Täter-Theorie immer wieder bezweifelt. Für diese These spricht auch ein Grußwort, das 2002 in dem Neonazi-Magazin "Der weiße Wolf" erschien: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht weiter…", stand in der ersten Ausgabe des Jahres 2002. Es gab also offenbar Neonazis, die vom NSU gewusst haben. 

Am 25. Februar 2004 starb Mehmet Turgut in einem kleinen Imbisswagen in Rostock durch zwei Schüsse in Kopf und Nacken. Der Imbiss stand etwas versteckt, in einem Wohngebiet. Wie kamen Mundlos und Böhnhardt gerade auf diesen Imbiss? Ein paar Straßen weiter wohnte ein Rechtsradikaler, den Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in den 90er Jahren beim Camping kennengelernt hatten.

In Rostock gibt es eine bundesweit vernetzte Neo-Nazis-Szene. Die Polizei ermittelte nicht, ob die Terroristen Helfer in Rostock hatten. Ausgerechnet der Verfassungsschutz lockte die Ermittler auf eine falsche Fährte. Turgut hätte Drogen verkauft, habe das Geld aber nicht an seine Hintermänner weiter gezahlt, behaupteten sie. Inzwischen steht fest: Eine reine Vermutung, die durch nichts gedeckt war.

Vier Monate nach dem Mord in Rostock, am 9. Juni 2004, explodierte in der Kölner Keupstraße, eine Meile mit vielen türkischen Geschäften, eine Nagelbombe. 22 Menschen wurden verletzt, die meisten schwer. Überwachungskameras zeigten zwei Radfahrer. Einer der Männer transportierte einen kofferähnlichen Gegenstand auf dem Gepäckträger. Wieder verfolgten die Ermittler die Spur nicht.

Auf den Tag genau ein Jahr später, am 9. Juni 2005, wurde in Nürnberg der Dönerbudeninhaber İsmail Yaşar erschossen -  wieder mit einer Česká. Und wieder sah eine Zeugin zwei Männer mit Fahrrädern. 

Nur sechs Tage später, am 15. Juni 2005, wurde der Schüsseldienst-Inhaber Theodoros Boulgarides in München mit der Česká erschossen. Inzwischen ermittelten mehrere Sonderkommissionen. Schon ihre Namen Namen "Bosporus" unter "Halbmond" verrieten, wo die Ermittler die Mörder vermuteten: im Milieu der organisierten Kriminalität (OK).  

Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. Wieder sahen Zeugen zwei Männer mit einem Fahrrad. Inzwischen hatten Profiler in München die Mordfälle analysiert. Für sie war das Motiv klar: Ausländerfeindlichkeit. Die Profiler schlugen ihren Kollegen vor, in der Neonazis-Szene zu ermitteln. Doch die Ermittler ließen die Profiler abblitzen und ermittelten weiter in Richtung OK. Dabei wohnten die Nazis mitunter direkt in der Nachbarschaft der Mordopfer. In der Straße, in der der Kiosk von Mehmet Kubaşık stand, wohnten  mehrere aktive Neonazis, darunter Siegfried B., bekannt als SS-Siggi. Die Neonazis trafen sich in einer Kneipe, nur wenige Meter vom Kiosk entfernt. Doch auch in diesem Fall verdächtigte die Kripo die Familie des Mordopfers. 

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz? 

Nur zwei Tage nach dem Mord an Mehmet Kubaşık wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat in seinem Internetcaféinhaber in Kassel erschossen. Wieder stellten die Gerichtsmediziner zwei Projektile vom Kaliber 7,65 mm sicher. Auch Halit Yozgat war mit der Česká ermordet worden. Er war das neunte Opfer der unheimlichen Serie.

Die Kassler Mordkommission ermittelte gründlich: Die Spuren führten zu Andreas Temme, einem Beamten des hessischen Verfassungsschutzes. Er war etwa zur Tatzeit im Internetcafé. Um 16.51 Uhr hatte er sich am Computer Nummer 2 eingeloggt und die Flirtseite "ilove.de" aufgerufen, wo er sich als "wildman70" ein Profil angelegt hatte. Der Verfassungsschützer ging im Netz offenbar auf Frauensuche. Um 17.01 Uhr und 40 Sekunden hatte sich "wildman70" wieder ausgeloggt. Er war also unmittelbar vor oder sogar während des Mordes im Internetcafé. 

Die Kripo rekonstruierte, dass Temme das Internetcafé um 17.02 Uhr und 45 Sekunden verlassen hatte. 41 Sekunden, bevor Ismail Yozgat seinen toten Sohn entdeckte. Doch Temme behauptet noch heute, nichts mitbekommen zu haben. Als er das Café verlassen habe, sei Halit Yozgat verschwunden gewesen. Doch auch die Leiche am Boden will er nicht gesehen haben. Die Ermittler glaubten dem Verfassungsschützer nicht. Doch sie wurden von dem  damalige Innenminister Volker Bouffier (CDU) gestoppt. Anfang Oktober 2006 schrieb der Minister einen Brief an die Staatsanwaltschaft Kassel und verbot den Strafverfolgern, Temme zu den V-Leuten, die er geführt hatte, zu vernehmen. Aus Geheimhaltungsgründen musste Temme schweigen.

Andreas Temme ist im Prozess gegen Beate Zschäpe mehrfach vom Oberlandesgericht München vernommen worden. Er hat wiederholt, dass er nichts mitbekommen habe. Richter Götzl glaubt ihm. Inzwischen hat das Landesamt für Verfassungsschutz seine Akten sperren lassen - für 120 Jahre.

War Kiesewetter ein Zufallsopfer?

Am 25. April 2007 wurde die Polizistin Michéle Kiesewetter in Heilbronn erschossen. Ihr Kollege Martin A. überlebte schwer verletzt, getroffen von einer Kugel in den Kopf. Der Mord gehört zu den rätselhaftesten Anschlägen, zu denen sich der NSU bekannt hat. Noch heute ist unklar, ob die junge Beamtin wirklich ein Zufallsopfer war, weil die Neonazis es auf Polizeiwaffen abgesehen hatten, wie die Bundesanwaltschaft glaubt. Dafür spricht, dass Kiesewetter den Dienst kurzfristig übernommen hatte. Doch es gibt Verbindungen, von denen nicht klar sind, ob sie zufällig sind: Kiesewetter stammte aus Oberweißbach in Thüringen. Zwei Kilometer von dem Ort entfernt liegt eine Gaststätte. Kiesewetters Stiefvater wollte die Kneipe pachten, hatte aber nicht genug Geld. Späterer pachtete der Schwager von NSU-Unterstützter Ralf Wohlleben die Gaststätte. Wohlleben soll dem Trio die Mordwaffe besorgt haben. Er kannte Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Mit Beate Zschäpe hatte er sogar ein kurzes Verhältnis. Zufall, wie die Bundesanwaltschaft glaubt? Und selbst unter den Kollegen der Polizistin tummelten sich Nazis. Ihr Gruppenführer Timo H. war Mitglied des Ku-Klux-Klans. Er habe den KKK für eine Art "Religionsgemeinschaft" gehalten, redete sich H. später raus. Er ist noch heute Polizist. Seine KKK-Mitgliedschaft flog durch V-Mann Thomas Richter alias "Corelli" auf, der Mundlos bei der Bundeswehr kennengelernt hatte. 

Lesen Sie hier mehr zum mysteriösen Fall des V-Mannes "Corelli":


Der NSU hat sich mit einem Video zu dem Anschlag auf die Polizisten bekannt. Die Dienstwaffen der Polizisten wurden im Wohnmobil der Terroristen sichergestellt.  Kiesewetters Blut ist an einer grauen Jogginghose nachgewiesen werden, die in der Zwickauer Wohnung der Terroristen gefunden worden ist. 

Aber sind Mundlos und Böhnhardt die alleinigen Mörder? Nach dem Mord an Kiesewetter sahen fünf Zeugen unabhängig voneinander mehrere Männer mit blutverschmierten Kleidern vom Tatort wegrennen. Die Phantombilder, die aufgrund ihrer Aussagen gezeichnet werden, passten nicht zu Mundlos oder Böhnhardt. Einige Phantombilder wurden gar nicht erst veröffentlicht. Ein Phantombild, das nach Erinnerung des überlebenden Polizisten Martin A. gezeichnet wurde, zeigt einen Mann mit dunklen, lockigen Haaren. Auch er hat keine Ähnlichkeit mit Mundlos oder Böhnhardt. Mit dem Anschlag auf die beiden Polizisten endet die Mordserie. 

Arbeitete das Trio im Untergrund für einen V-Mann? 

Bei Raubüberfällen erbeuteten Mundlos und Böhnhardt rund 600.000 Euro. Nach ihrer Enttarnung wurden rund 180.000 Euro bei ihnen im Wohnmobil gefunden. 13 Jahre lebte das Trio im Untergrund. Die Beute hätte also für etwa 1200 Euro pro Person gereicht. Angeblich arbeiteten Mundlos und Zschäpe für den Zwickauer Neonazi und Bauunternehmer Ralf Marschner. Zschäpe soll in seinem Szeneladen Nazi-Klamotten verkauft haben. Mundlos war auf Marschners Baustellen gesehen worden. Das behaupten Zeugen, die der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages für glaubwürdig hält. Brisant: Marschner spitzelte fürs Bundesamt für Verfassungsschutz. Arbeiteten die Terroristen also bei einem Verfassungsschutz-Spitzel? 

Dass Marschner Verbindungen zum Trio hat, steht fest: 2001 stand er nach einer Kneipenschlägerei 2001 zusammen mit Susann Eminger vor Gericht. Susann ist mit André Eminger verheiratet, der das Trio unterstützt haben soll. Er sitzt deshalb mit  Beate Zschäpe in München auf der Anklagebank.

Richter Manfred Götzl hat es abgelehnt, Marschner im Prozess gegen Beate Zschäpe zu vernehmen. 40 V-Leute haben sich im Umfeld des untergetauchten Trios aufgehalten. So bleibt die Frage unbeantwortet, warum das Trio unentdeckt blieb, obwohl es von V-Leuten umzingelt war. 

Das rätselhafte Ende und weitere Ermittlungspannen

Am 7. September 2011 überfielen Mundlos und Böhnhardt eine Sparkasse in Arnstadt. Am 4. November eine weitere Sparkasse in Eisenach. Sie verletzten einen Angestellten mit einem Schlag auf dem Kopf, erbeuteten fast 72.000 Euro. Mit ihren Rädern flohen sie zu ihrem Wohnmobil, das sie etwa einen Kilometer entfernt abgestellt hatte. Als sich zwei Polizisten näherten, die das Wohnmobil kontrollieren sollten, erschoss Mundlos seinen Freund Böhnhardt und jagte sich dann selbst eine Kugel in den Kopf. Im Wohnmobil wurde ein ganzes Waffenarsenal sichergestellt. Warum überfielen die Terroristen eine Sparkasse, obwohl sie noch genug Geld hatten? Warum gaben sie auf, obwohl sie bewaffnet waren?

Kurz darauf jagte Beate Zschäpe die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße mit Sprengstoff in die Luft. Vier Tage lang fuhr Beate Zschäpe mit der Bahn quer durch Deutschland. Von unterwegs verschickte sie in zwölf Briefumschlägen Bekennervideos. In dem selbstgedrehten Film bekennt sich der NSU, "ein Netzwerk von Kameraden" zum Mord an den Mig-ranten, der Polizistin Kiesewetter und zu den Sprengstoffanschlägen. Am 8. November stellte  sich Zschäpe auf einer Polizeiwache in Jena. "Ich bin die, die Sie suchen", sagt sie. 

Mit der Selbstenttarnung des Terror-Trios ist die Pannenserie bei den Ermittlungen nicht zu Ende. In einer Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße, wo das Trio bis 2008 lebte, also in der Zeit, in der Mundlos und Böhnhardt durch Deutschland reisten und Migranten ermordeten - suchen die Ermittler nie nach Fingerabdrücken oder DNA-Spuren. Anhand der Spuren hätte die Polizei vielleicht ermitteln können, wer in der Wohnung war. Für Clemens Binninger (CDU), Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, ist dieses Versäumnis "nicht zu entschuldigen".

Warum schredderte Lothar Lingen Akten?

Ein paar Tage, nachdem sich der NSU am 4. November 2011 selbst enttarnt hatte, ließ "Lothar Lingen", langjähriger Referatsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, Akten von V-Leuten, die für den Thüringer Verfassungsschutz spitzelten, schreddern. Lothar Lingen, der nicht wirklich so heißt, sondern als Verfassungsschützer einen Tarnnamen trägt, wurde vom Bundeskriminalamt und dem Oberstaatsanwalt beim BGH vernommen. "Vernichtete Akten können nicht mehr geprüft 
werden", gab er freimütig zu Protokoll. Das Strafverfahren gegen Lothar Lingen wegen der Vernichtung der Akten wurde eingestellt. "Wir konnten nicht feststellen, dass ein Vorsatz vorlag", sagte der ermittelnde Staatsanwalt. Warum Lothar Lingen die Akten vernichtet hat, bleibt sein Geheimnis. 

Hätten die Akten womöglich verraten, wie nahe der Verfassungsschutz dem untergetauchten Trio war? Dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe womöglich hätten gefasst werden können? Wenn die Aufklärung dem Verfassungsschutz wichtiger gewesen wäre als der Quellenschutz? Und der Staat indirekt für die Morde verantwortlich gewesen wäre?

NSU-Chronik
wue