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Pisa-Studie: "Sachsen hat die besseren Lehrer"

Viele Eltern sollten sich Sorgen machen. Sagt zumindest Bildungsexperte Dieter Lenzen. Der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung erklärt im stern.de-Interview, weshalb Sachsen die besseren Lehrer hat und warum ein zweigliedriges Schulsystem die bessere Alternative ist.

Herr Professor Lenzen, wo haben Sie Abitur gemacht?

In Nordrhein-Westfalen.

Muss man sich dafür nicht ein bisschen schämen? Das Land hat beim Pisa-Test erneut sehr schlecht abgeschnitten.

Nein, niemand sollte sich für seinen Abschluss schämen. Aber die Schüler aus den unterdurchschnittlichen Bundesländern müssen verärgert sein und verlangen, dass sie eine ordentliche Ausbildung bekommen.

Die schlechteste Ausbildung erhalten laut jüngster Pisa-Studie die Schüler aus Bremen und Hamburg. Was macht der Norden falsch?

Das ist das berühmte Nord-Süd-Gefälle. Hamburg hat mit der Einführung des zweigliedrigen Schulsystems bereits die richtige Konsequenz gezogen, aber die Erfolge sind erst zu spüren, wenn die heute Zehnjährigen in fünf Jahren in einer Pisa-Untersuchung getestet werden. In Bremen hat sich in den letzten Jahren hingegen nicht viel getan, von daher ist auch nicht verwunderlich, wenn der Pisa-Test dort keine Verbesserung zeigt.

Warum steuert Bremen nicht ausreichend gegen?

Das müssen Sie die Politiker fragen.

Müssen sich die Eltern in Bremen Sorgen um ihre Kinder machen?

Ein bisschen schon, denn die Schüler dort haben gegenüber den Testsiegern einen Rückstand von zwei Schuljahren. Das heißt, ein Abschlusszeugnis mag zwar dieselbe Note haben wie aus einem anderen Bundesland, aber es sagt nicht dasselbe aus. Faktisch liegen sie mit ihren Kenntnissen weit hinter ihren Altersgenossen. Von daher können sie in der nächsten Ausbildungsstufe Probleme bekommen.

Warum hat sich ausgerechnet Sachsen an die Spitze gesetzt?

Da spielt die Zweigliedrigkeit des Schulsystems sicher eine große Rolle. Der Aktionsrat Bildung hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass zweigliedrigen Systemen die Zukunft gehört. Hauptschulen werden in fast allen Bundesländern zum Problem, wenn sie zu einer Restschule mutieren. Das ist im Moment in allen Bundesländern bis auf Bayern der Fall. Das zweigliedrige Modell ist deshalb die einzige Alternative. Die Politik muss das Erfolgsmodell Gymnasium beibehalten und dafür sorgen, dass diejenigen, die nicht gymnasialfähig sind, eine sehr gute Bildung in einem gemeinsamen zweiten Schultyp erhalten.

Allerdings hilft Sachsen auch die Tatsache, dass in dem Freistaat nur wenige Migrantenkinder leben. Zudem stammen sie aus anderen Herkunftsländern als in Westdeutschland, vor allem aus Vietnam. Letztere können in der Schule oft hervorragend mithalten.

Die Lehrerverbände fordern kleinere Klassen, um den Unterricht zu verbessern. Brauchen wir mehr Lehrer?

Dass kleinere Klassen für den unterschiedlichen Erfolg der Bundesländer verantwortlich sind, lässt sich empirisch nicht erhärten. Alle Studien belegen, dass die Klassenstärke keinen Einfluss auf die Qualität des Unterrichts hat - jedenfalls nicht in den Größenordnungen, in denen in Deutschland unterrichtet wird.

Sagt Pisa auch etwas über die Qualität der Pädagogen aus? Sind die Lehrer in Sachsen besser als die in Bremen?

Im Allgemeinen kann man das so sagen. Pisa sagt natürlich etwas über die Qualität des Unterrichts aus. Allerdings findet der nicht im luftleeren Raum statt, da spielen auch die Eltern und das Umfeld der Kinder eine Rolle.

Pisa-Kritiker behaupten immer wieder, die Studie messe nicht die tatsächlichen Lernerfolge der Kinder. Ist die Studie überbewertet?

Nein, das glaube ich nicht. Es ist unwahrscheinlich, dass viele Dutzend Staaten mit den besten Wissenschaftlern der Welt sich kollektiv irren. Von daher liegt der Kritik an Pisa oft interessegeleitetes Argumentieren zugrunde. Natürlich ist es für manche sehr unangenehm, dass die Ergebnisse so sind, wie sie sind. Die Tests messen kognitive Qualifikationen, soweit sie eben messbar sind. Den Erfolg im Leben kann ein Pisa-Test natürlich nicht voraussagen, aber das ist auch gar nicht die Absicht.

Interview: Christoph Schäfer
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