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Gesundheitspolitik: Rauchen im Auto: Kinder sollen endlich vor dem Qualm geschützt werden

Rauchen im Auto soll verboten werden, wenn Kinder mitfahren. Eine Entscheidung, die längst überfällig ist.

Von Doris Schneyink

Rauchen im PKW: Kinder sollen vor dem Qualm geschützt werden

Weglaufen geht nicht. Kinder sind durch Passivrauchen besonders gefährdet – gerade im Auto.

Für viele Deutsche waren Kneipen so etwas wie ein zweites Wohnzimmer. Gemütlich. Gesellig. Irgendwie privat. Ein Ort der Freiheit und der gelegentlichen Ausschweifung, wo manches Bier getrunken und viele Zigaretten geraucht wurden. Als vor zehn Jahren die Bundesländer zum Teil strenge Rauchverbote für Kneipen verhängten, fürchteten viele Gastronomen um ihr Geschäft und die Gäste um Spaß und Selbstbestimmung. Rauchverbot gleich Kneipentod, hieß es.

Im Mai 2007 hatte der Bundestag das Gesetz zum Nichtraucherschutz verabschiedet, das das Qualmen in Bussen, Bahnen, Flugzeugen und in Behörden strikt untersagte. FDP und Grüne enthielten sich bei der Abstimmung, die Liberalen, weil sie die Bürger nicht gängeln wollten, die Grünen, weil ihnen die Verbote nicht radikal genug waren. Selten hat ein Gesetz die Gemüter so erhitzt wie dieses. Aber es hat gewirkt: Die Anzahl der gerauchten Zigaretten in Deutschland ist seitdem stark zurückgegangen, auf rund 75 Milliarden jährlich. Was immer noch beängstigend viele sind.

Gefahr des plötzlichen Kindstods durch Passivrauchen

Ein Jahrzehnt später könnte der alte Streit neu aufflammen: Denn die Gesundheitsminister der Bundesländer fordern nun ein Rauchverbot für einen Ort, der für viele Menschen in Deutschland noch privater ist als Wohnzimmer und Kneipe: das Auto. Wenn Kinder oder Schwangere darin sitzen, so die Minister, gehörten Zigaretten strikt verboten. Zahlreiche Mediziner schließen sich dieser Forderung an. Der Ärztetag in Erfurt etwa machte sich für eine entsprechende Gesetzgebung stark. Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, hält sie für zwingend notwendig: "In einem beengten Raum wie dem Auto kann, auch wenn nur wenige Zigaretten geraucht werden, die Schadstoffkonzentration höher sein als in einer Raucherkneipe."

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Tatsächlich ist Tabakrauch der mit Abstand gefährlichste, aber auch am leichtesten zu vermeidende Schadstoff in Innenräumen: Beim Verbrennen der Zigarette entstehen Tausende Substanzen, darunter giftige wie Blausäure, Ammoniak oder Kohlenmonoxid, und auch krebserregende Stoffe wie aromatische Amine, Benzol, Vinylchlorid, Arsen. Wer solche Substanzen inhaliert oder passiv aus der Umgebungsluft einatmet, kann Lungenkrebs oder andere schwere Erkrankungen etwa des Herz-Kreislauf-Systems entwickeln.

Kinder haben ein noch höheres Risiko, weil sie öfter atmen als Erwachsene. Auch ist ihr Entgiftungssystem noch nicht so ausgereift. Und während man aus einem verqualmten Raum einfach abhauen kann, um seine Lungen zu schützen, haben Kinder im Auto diese Möglichkeit nicht. Tabakrauchpartikel sind zudem winzig klein, was es ihnen erleichtert, bis tief in die Lunge vorzudringen. Selbst wenn man ihnen nur kurze Zeit ausgesetzt ist, schaden sie. Kinder, die passiv rauchen, haben ein höheres Risiko für Atemwegserkrankungen, ihre Lunge funktioniert weniger gut, sie leiden häufiger unter Mittelohrentzündungen; bei Säuglingen steigt die Gefahr des plötzlichen Kindstods.

"Nichtraucherfrühstück"

Vor zwei Jahren startete die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, die Kampagne "Rauchfrei unterwegs? – Selbstverständlich!". Man hoffte, dass Eltern aus Liebe zu ihren Kindern freiwillig aufs Qualmen im Auto verzichten. Aber, so berechneten Experten des Deutschen Krebsforschungszentrums, von den Rauchern mit minderjährigen Kindern lassen zwar zwei Drittel im Auto die Finger von den Zigaretten, ein Drittel jedoch erliegt immer wieder der Versuchung. Etwa eine Million Kinder und Jugendliche, so die Forscher, seien dem Passivrauchen im Auto ausgesetzt.

Andere europäische Länder wie Frankreich, Italien und auch Österreich verlassen sich deshalb nicht mehr auf gut gemeinte Appelle an Eltern, sondern schützen die Gesundheit der Kinder mit konsequenten Verboten. In Großbritannien ist Rauchen im Pkw, wenn Kinder mitfahren, seit 2015 verboten.

Shisha

Bislang agierte Deutschland sehr zögerlich, wenn es galt, sich mit der mächtigen Tabaklobby anzulegen. Mit der Durchsetzung der Verbote 2007 und 2008 war man spät dran, die Regelungen ließen viele Ausnahmen zu, und Verstöße wurden nicht konsequent sanktioniert.

Das soll sich nun ändern. Bereits Ende Juni trafen sich Abgeordnete von SPD, CDU und Grünen zu einem "Nichtraucherfrühstück" im Bundestag. Sie forderten parteiübergreifend ein Verbot wie in Großbritannien. Einer von den Frühstücksteilnehmern ist Lothar Binding. Der SPD- Politiker beruft sich auf die vielen Studien, die die Schädlichkeit des Passivrauchens belegen – und auf den Koalitionsvertrag. "Wir haben darin festgeschrieben, dass wir Drogenmissbrauch weiterhin bekämpfen wollen." Und dazu gehören eben auch schärfere Maßnahmen zur Tabakprävention.

Rauchverbote wirken

Zehn Jahre nach den erbitterten Kämpfen um Rauchverbote ist die Bilanz für Gesundheitspolitiker eigentlich ermutigend: Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung in Nordrhein-Westfalen aus dem vergangenen Jahr sprechen sich mittlerweile knapp 70 Prozent der Bürger für eine Beibehaltung der Verbote aus. Am höchsten war die Zustimmung bei den 18- bis 29-Jährigen (83 Prozent) und bei Nichtrauchern (86 Prozent), am geringsten bei den 50- bis 59-Jährigen (63 Prozent) sowie bei Rauchern (45 Prozent).

Ebenso ermutigend ist eine weitere Erkenntnis: Rauchverbote wirken. In Großbritannien etwa sank die Zahl der Klinikeinweisungen von Kindern, die unter gefährlichen Infektionen der Atemwege litten, um 14 Prozent. Auch die Gesundheit zigtausender Beschäftigter aus der Gastronomie, die früher nächtelang in verqualmten Räumen arbeiten mussten, hat sich verbessert, wie Untersuchungen aus Norwegen, Irland, Schottland und den USA zeigen. Und in Haushalten mit kleinen Kindern rauchen Eltern viel seltener als vor Einführung der Verbote.

Eigentlich spricht nichts dagegen, dieser Erfolgsgeschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

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