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Schavan und der Doktortitel Eine Frage der Moral - nicht der Ehre

Annette Schavan will um ihren Doktortitel kämpfen. Das ist ihr gutes Recht. Größe würde sie indes zeigen, trete sie als Bildungsministerin zurück. Denn das Amt ist wichtiger als die Person.
Ein Kommentar von Christoph Koch

Warum ist es so schwer, Größe zu zeigen? Das ist die Frage, die mich anlässlich der Causa Schavan umtreibt. Ob die Ministerin zurücktreten muss, ob die Kanzlerin sie dazu bringen sollte oder davon abhalten: Das sind nicht die Fragen, die uns dabei interessieren müssen. Auch nicht, ob sich Vorteile für diese oder jene Partei ergeben und wie sich der Zeitpunkt der Aberkennung des Doktortitels zur nächsten Wahl verhält.

Ich denke, wir sollten Anlässe wie den heutigen nutzen, um grundsätzlicher darüber zu reden, was sich gehört, was geboten ist, was richtig und falsch ist. Darüber, wer Format zeigt und wer nicht. Und warum.

Der Nutzen des Gemeinwesens

Es erscheint mir vernünftig, die Angelegenheiten des Staates und der Ordnung des Gemeinwesens aus einem konservativen Ethos heraus zu betrachten, soweit es die Pflichten derer betrifft, die darin zu dienen versprochen haben. Dienen heißt: Es kommt darauf an, den Nutzen des Gemeinwesens voran zu stellen. Dann kommt lange nichts. Und dann durchaus die berechtigten eigenen Interessen. Doch niemals umgekehrt.

Bei unserem Finanzbeamten möchten wir nicht wissen – und es muss uns auch nicht kümmern – wie er emotional verfasst war, als er unseren Steuerbescheid erlassen hat. Im Gegenteil: Die Individualität des Beamten hat hinter die Gleichbehandlungsanforderungen zurückzutreten, hinter die Notwendigkeit, jeden von uns mit gleichem Maß zu messen. Vielleicht sind die Zweifel, die mancher daran hegt, ob Entscheidungsträger an der Düsseldorfer Universität persönliche Vorurteile gegen Annette Schavan hegen, in diesem Sinne sogar gerechtfertigt. Allein, Beweise vorgelegt haben die Verschwörungstheoretiker nicht für ihre Behauptung, dass es sich bei dem nun eingetretenen Verwaltungshandeln um kampagnenhafte Willkür handelt.

Das Ganze ist wichtiger als ich

Übersehen wird angesichts der Verfahrensschelte gern, dass die Maßstäbe an unseren Finanzbeamten oder Hochschuldekan in ungleich höherem Maße an die Chefin einer bedeutenden Ministerialbürokratie anzulegen sind. Das heißt: Der Respekt vor der eigenen Würde und der Würde der hohen offiziellen Verantwortung verpflichtet Annette Schavan, sich vor allen anderen Fragen diese zu stellen: Ob sie, und zwar ganz egal, ob "schuldig" oder nicht, objektiv in der Lage ist, den Anforderungen, ihr Amt glaubwürdig zu vertreten, weiterhin gerecht zu werden.

Und so sehr die Eliten uns Bürgern auch unterstellen mögen, unser größter Sport sei es, Fünfe gerade sein zu lassen (und sich so selbst Freiheiten zu erkaufen), haben wir doch noch immer einen ausgeprägten Sinn dafür, ob jemand würdig und berufen erscheint, für das Ganze zu stehen, das Gemeinwesen zu vertreten und dessen Würde zu achten. Karl Theodor zu Guttenberg war dem nicht gewachsen. Adolf Sauerland musste als Duisburger Oberbürgermeister abgewählt werden. Christian Wulff erwies sich als ungeeignet. Sie alle haben keine Größe gezeigt im entscheidenden Moment, als es galt zu sagen: Das Ganze ist wichtiger als ich.

Die Bewahrung der Integrität der Institution, die ich vertrete, ist bedeutender als ich. Vielleicht widerfährt mir Ungerechtigkeit, aber ich tue jetzt das Richtige. Ich tue etwas, das für mich ein Opfer ist, weil das die bessere Lösung ist: Weil ein Ministerium, in dem Flurfunk und Getuschel nicht mehr aufhören, in dem die Führungsspitze, egal ob zu Recht oder nicht, nur noch ein Gegenstand von Witzen ist, schlicht nicht funktionieren kann. Hätte Annette Schavan heute diese Größe gezeigt, hätte sie gesagt, dass Ämter und Würden keine Pfründe sind, an die man sich als Erbbesitz festkrallt, hätte sie gesagt, dass man dem Staate dient und nicht umgekehrt, das wäre groß gewesen.

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