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Interview

VroniPlag: Ein Plagiatsprüfer über schummelnde Mediziner und die Doktorarbeiten von Giffey und von der Leyen

Die umstrittene Doktorarbeit von Familienministerin Franziska Giffey ist nur eine von über 200 Fällen, die von der Plattform VroniPlag Wiki untersucht wurden. Gerhard Dannemann, Mitarbeiter von VroniPlag, über die größten Schummler und den Schaden, den falsche Forschungen anrichten.

Gerhard Danneman von Vroni Plag, aufgenommen 2016

Gerhard Danneman von Vroni Plag, aufgenommen 2016

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Herr Dannemann, Sie sind einer von vielen Mitarbeitern der Plattform VroniPlag Wiki. Jagen sie falsche Doktoren?

Nein, überhaupt nicht. Im Wiki werden Doktorarbeiten auf Plagiate untersucht, also darauf, ob jemand bei anderen abgeschrieben hat, fremdes Wissen als das eigene ausgibt oder, was am gefährlichsten ist, zweifelhafte Belege anderer Arbeiten übernimmt, ohne sie zu prüfen. VroniPlag Wiki jagt aber nicht, stellt auch keine Forderungen oder verlangt die Aberkennung solcher Doktorgrade. Das ist Sache der Hochschulen, die solche Grade vergeben.

Die Liste der Politiker mit Doktortiteln, die nach den Untersuchungen von Vroni Plag in Erklärungsnöte kamen, ist lang. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan mussten zurücktreten, Ursula von der Leyens Arbeit geriet in die Diskussion und nun ist auch die Familienministerin Franziska Giffey in Nöten. Man könnte den Eindruck haben, Politiker seien ihr liebstes Ziel.

Der Eindruck ist falsch. Von zur Zeit 204 Arbeiten, die bei VroniPlag Wiki veröffentlicht wurden, stammen 19 von Menschen mit politischen Funktionen. Wenn Sie sich die Liste im Netz ansehen, werden sie feststellen, dass mehr als die Hälfte der fragwürdigen Fälle Mediziner betrifft und sie finden über 50 Personen aus der Wissenschaft, die auch nachfolgend noch als Wissenschaftler tätig waren oder sind, darunter auch Professoren. Das ist viel bemerkenswerter als die 19 Politiker wie Frau Giffey. Aber das mediale Interesse an ihnen ist natürlich größer.

Warum werden sie bei Medizinern am meisten fündig?

Das hat verschiedene Gründe. In der Medizin betreibt man Promotionen früh im Studium und mit geringem Zeitaufwand. Außerdem werden solche Arbeiten oft in Gruppen gemacht. Zeit- und Erfolgsdruck sind sehr hoch und da kommt es dann leicht vor, dass einer vom anderen abkupfert. Hinzu kommt, dass im VroniPlag Wiki elektronisch veröffentlichte Dissertationen der Charité in Berlin und der Medizinischen Hochschule in Münster systematisch abgeglichen und dabei eine Vielzahl von plagiierten Arbeiten entdeckt wurden.

Muss man jetzt misstrauisch gegenüber dem eigenen Arzt werden, dass er vielleicht gar kein Doktor ist?

Nein. Oft haben das Thema der Promotion mit dem, was der Arzt dann praktiziert, überhaupt nichts miteinander zu tun. Und auch wer keine oder eine schlechte Promotion gemacht hat, kann ja ein guter Arzt sein.

In Deutschland werden pro Jahr über 28.000 Doktortitel verliehen. VroniPlag hat bisher etwas über 200 davon infrage gestellt. Wie hoch, glauben sie, ist da die Dunkelziffer, also falsche Promotionen, die nicht untersucht werden?

Das kann keiner sagen. Ich persönlich würde schätzen, dass eine von zehn Dissertationen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis grob verletzt. VroniPlag Wiki hat noch etwa 200 weitere Arbeiten mit bisher oft kleineren Plagiatsbefunden, die noch nicht öffentlich gemacht wurden. Wohl noch weitaus mehr Dissertationen ohne Auffälligkeiten waren schon einmal in der Hand von VroniPlag-Aktiven. Ich bin so optimistisch zu sagen, dass die große Mehrheit der Promovierenden wissenschaftlich korrekt arbeitet. Aber es gibt eine Gruppe, die systematisch versucht, Doktortitel mit diesen unlauteren Mitteln zu bekommen. Und die gefährden die Wissenschaft.

Ein Plagiat heißt aber nur, dass sich jemand am Wissen anderer bedient hat und seinen Namen darunter schreibt. Das heißt nicht, dass die Arbeit oder das Ergebnis falsch sind.

Ja, auch eine abgeschriebene Erkenntnis kann ja immer noch stimmen. Aber sie ist nicht überprüft worden, und es werden falsche Erkenntnisse abgeschrieben und so verfestigt. Noch schlimmer wird es, wenn Daten gefälscht oder sogar erfunden werden. In vielen VroniPlag Wiki-Arbeiten wird mit Zahlen operiert, die nicht stimmen können, beispielsweise wenn jemand bei einer Versuchsreihe im Labor mit 20 Mäusen bei 26,3 Prozent einen bestimmten Befund hat. Mathematisch ist das nicht möglich.

Was kann das für Folgen haben?

Ich sage ihnen ein Beispiel. In den USA gibt es die Opioid-Krise, es sind Hunderttausende an dem Schmerzmittel gestorben und Millionen leiden in der Abhängigkeit. Jahrelang wurde in Hunderten medizinischer Aufsätze behauptet, klinische Studien hätten die Ungefährlichkeit bewiesen. Keiner davon hatte offenbar den immer wieder angeführten angeblichen Beleg nachgesehen: ein kurzer Leserbrief an eine Fachzeitschrift von 1980, der nahelegte, dass in einem einzigen Krankenhaus bei Untersuchung der Krankenakten nur wenig Fälle festgestellt wurden, in denen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Betäubungsmittel behandelte Patienten noch im Krankenhaus süchtig wurden. Durch das kettenweise blinde Abschreiben wurden daraus vermeintliche belastbare klinische Studien nach dem Goldstandard medizinischer Forschung.

Auch die Doktorarbeit von Ursula von der Leyen wurde von VroniPlag untersucht und es wurden 43,5 Prozent plagiatsbehaftete Seiten gefunden. Dennoch durfte sie ihren Titel behalten.

Mit der kuriosen Begründung, dass es so viele unterschiedliche Plagiate gab, dass es wohl keine Absicht war. Und dass die Arbeit im wissenschaftlichen Kern immer noch korrekt war. Was der Rechtsprechung widerspricht, denn eine Arbeit wird so bewertet wie eingereicht, und nicht das, was nach Abzug der Plagiate noch übrig ist.

Bei Franziska Giffey, der VroniPlag 37,1 Prozent plagiatsbehafteter Seiten nachweist, steht die Entscheidung der Hochschule noch aus. Aus dem Umfeld von Frau Giffey war nur zu hören, sie habe sich einer amerikanischen Zitierweise bedient, die hier nicht vertraut sei.

Ja, ich rätsele auch, was diese amerikanische Zitierweise sein soll. Alle mir bekannten US-Zitierweisen verlangen präzise Quellenbelege.

Hat sich die Versuchung, eine Doktorarbeit in Teilen abzuschreiben durch die Digitalisierung vergrößert? Heute reicht, mit Copy und Paste ganze Absätze herauszukopieren und zu übernehmen, früher mussten Wort für Wort abgeschrieben werden.

Ja, möglicherweise. Wenn sie Wort für Wort abschreiben, überdenken sie vielleicht nochmal den Inhalt oder passen den Stil an. Mit Copy und Paste entfällt diese Kontrolle. Die Arbeit von Herrn Guttenberg war ein reines Patchwork von Sprachstilen. Das merkte man schon beim einfachen Lesen. Was aber die Untersuchung auch einfacher macht. Denn viele übersehen, dass sie zum Beispiel bei Wikipedia versteckte Links mitkopieren, die sich in der Datei der Doktorarbeit auffinden lassen. Oder dass man in einer Doktorarbeit den Satz "Herzlichen Glückwunsch!" findet, weil jemand aus einer Vereinszeitschrift kopiert und vergessen hat, das zu löschen.

Auf der VroniPlag Liste finden sich zwei Doktorarbeiten, die zu 100 Prozent abgeschrieben haben. Frech oder dumm?

Möglicherweise beides. Eine Doublette betraf übrigens zahnmedizinische (!) Arbeiten, die sich mit den Augen von Affen beschäftigte. In einem anderen Fall wurde eine Doktorarbeit aus vier Diplom-und Masterarbeiten grob zusammengenäht.

Warum fälscht jemand seine Doktorarbeit?

Ich glaube es gibt drei Grundmotive. Das erste ist ganz einfache Zeitersparnis. Wenn Sie systematisch plagiieren, können sie 90 Prozent Zeit sparen. Das zweite ist intellektuelle oder sprachliche Überforderung. Gerade wer nicht in der Muttersprache promoviert, ist leicht versucht, korrekt Formuliertes einfach zu übernehmen. Und das dritte ist eine gewisse Eitelkeit, gelehrter und belesener zu wirken, als man eigentlich ist.

Liegt es auch daran, dass viele Hochschulen möglichst viele Doktoren hervorbringen wollen?

Ja, es gibt im wissenschaftlichen Betrieb, nicht nur in der Medizin auch die unglückliche Anforderung an Kollegen, in einer bestimmten Zeit eine gewisse Zahl an Promotionen erfolgreich abzuschließen. Und da wird dann manchmal nicht genau hingesehen.

Es geht VroniPlag also nicht um den schummelnden Doktor, der am Ende doch Taxifahrer wird, sondern um den Wert von Wissenschaft?

Ganz genau. Plagiate untergraben die Wissenschaft. Die lebt davon, dass Falsches als falsch erkannt wird. Das schalten Plagiate aus.Es wird eben nicht kritisch hinterfragt, sondern einfach abgeschrieben.