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Vroniplag-Gründer Heidingsfelder: Von der Leyen sollte zurücktreten

Die Plagiatsaffäre um Ursula von der Leyen weitet sich aus: Die Uni hat ein Prüfverfahren eingeleitet, Vroniplag-Gründer Martin Heidingsfelder verlangt den Rücktritt der Ministerin.

Von Alica Müller

Porträt von Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyens Doktorarbeit steht momentan auf dem Prüfstand.

"C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssysndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung" - Ursula von der Leyen wählte ein anspruchsvolles Thema für ihre Doktorarbeit. So kennt man die Verteidigungsministern, Medizinerin und siebenfache Mutter: derart engagiert und ehrgeizig, dass sie manchen schon unsympathisch ist. Nur bei den Quellenangaben in ihrer Doktorarbeit scheint sie untypisch nachlässig gewesen zu sein – zumindest wenn man den Plagiatjägern von "Vroniplag" glaubt. Sie haben die Dissertation geprüft und fanden auf fast der Hälfte der 62 Seiten unzulässige Übernahmen aus Fremdtexten. Auf acht Seiten sollen mehr als 50 Prozent des Textes nicht aus von der Leyens Feder stammen.

 "Nun sollte ein schneller Rücktritt folgen"

"Die Vorwürfe haben bei weitem nicht die Dimension wie die gegen Guttenberg damals", sagt Martin Heidingsfelder, "aber die Fehler sind besser greifbar als bei Schavan." Heidingsfelder gehört zu den Initiatoren von "Vroniplag Wiki", arbeitet aber mittlerweile selbstständig als vollberuflicher Plagiatprüfer. Er gilt als Experte und hat sich in den Fall von der Leyen eingearbeitet - auch wenn er nicht direkt an der Aufdeckung der Fehler beteiligt war. Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Ex-Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatten ihre Ämter wegen geschummelter Doktorarbeiten aufgeben müssen.

Während die Vroniplag-Rechercheure nüchtern mitteilen, von der Leyens Arbeit habe einen Plagiatsanteil von 43,5 Prozent, kommt Heidingsfelder zu einer harten Einschätzung. "Die Arbeit ist eine mutwillige Täuschung - Frau von der Leyen war faul", sagt er. Das sei politisch nicht vertretbar. "Eine zweite Hängepartie wie bei Schavan kann sich die Bundesregierung nicht leisten. Es sollte nun ein schneller Rücktritt erfolgen." Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobl dagegen stärkte der Verteidigungsministerin in der "Rheinischen Post" den Rücken: "Die Menschen interessiert, wie wir aktuelle Probleme lösen und Herausforderungen angehen. Im Moment steht anderes im Mittelpunkt als irgendwelche Plagiats-Vorwürfe."

Das Vorgehen von Vroniplag

m Fall von Anette Schavan, die 2013 ihren Dokotortitel abgeben musste, hatte sich die Mitarbeiter und Nutzer von Vroniplag dagegen entschieden, die Vorwürfe zu veröffentlichen. Dass sie sich bei von der Leyen für die Publikation entschieden, gilt als Indiz für die Schwere der Verfehlungen - so sieht es auch Heidingsfelder. Die Rechercheure und Nutzer von Vroniplag prüfen wissenschaftliche Texte ehrenamtlich und kontrollieren ihre Ergebnisse laut Heidingsfelder nach dem Vier-Augen-Prinzip: "Sie arbeiten sehr sorgfältig, fast schon ängstlich."

Doktorarbeiten in der Medizin sind grundsätzlich anders als in den Geisteswissenschaften oder Jura. Der Anteil der Studenten, die promovieren, ist höher, die Seitenzahl geringer und die Bearbeitungszeit meist kürzer. Und es gibt laut Heidingsfelder wesentlich mehr Plagiate. "Gerade im Methodenteil gibt es oft Analogien zu anderen Arbeiten", sagt er. Bei Ursula von der Leyen sind auch im Textkorpus verdächtige Passagen zu finden. So gebe es auf Seite 13 ihrer Doktorarbeit Textpassagen, die fast wörtlich aus einem anderen Aufsatz übernommen wurden – aber nicht hinreichend als Zitat gekennzeichnet sind. Plagiatsjäger sprechen von einem "Bauernopfer", wenn die Quelle zwar genannt, aber das Zitat nicht als solches kenntlich gemacht ist.

Hochschulleitung prüft Vorwürfe

An der medizinischen Hochschule Hannover werden die Vorwürfe nun geprüft. Von der Leyen hatte Ende August selbst eine Vorprüfung in Auftrag gegeben, als sie von dem Verdacht gegen sich erfahren hatte. Am Sonntag erhielt die Hochschulleitung die Ergebnisse und entschied sich, das förmliche Prüfungsverfahren  einzuleiten. Nun ist eine Kommission aus fünf Wissenschaftlern mit einer vollständigen, vermutlich langwierigen Überprüfung beauftragt, an deren Ende feststeht, ob die Verteidigungsministerin ihren Titel behalten darf. Verliert sie ihn, müsste sie ihr Amt wohl aufgeben.