Schirmherr Jeder kann etwas tun


Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Schirmherr der Amadeu Antonio Stiftung, über die Pflicht, gemeinsam den Rechtsextremismus zu bekämpfen, und die stern-Aktion, die dabei wichtige Zeichen setzt. Aus stern Extra "Die Bilanz" (Herbst 2001).

Was können wir gegen rechtsextreme Gewalt unternehmen? Wie stoppen wir braune Schläger, die auf alle losgehen, die in ihren Augen fremd sind, nach ihrer Meinung nicht dazugehören? Unser ganz persönlicher Einsatz ist gefragt. Jeder muss protestieren, wenn Ausländer angepöbelt, gejagt und verprügelt, wenn Obdachlose beschimpft oder Jugendliche wegen ihres Aussehens oder ihrer politischen Einstellungen angefeindet werden!

Als Bundestagspräsident habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diejenigen zu unterstützen, die sich für demokratische Werte wie Toleranz und Achtung der Menschenwürde einsetzen. Regelmäßig besuche ich deshalb Initiativen und Einrichtungen, die aufklären und versuchen, gegen rechte Gewalt und Ausländerfeindlichkeit vorzugehen. Dabei habe ich viele sehr engagierte junge Menschen kennen gelernt, die jedoch nicht immer die nötige Unterstützung finden. Nicht selten werden sie als Nestbeschmutzer beschimpft, wenn sie auf die rechtsextreme Szene am Ort aufmerksam machen und öffentliche Diskussionen über das Problem anregen.

Nichts darf verschwiegen oder beschönigt werden


In zahlreichen Gesprächen mit Stadtvertretern, Bürgerinnen und Bürgern und den einzelnen Initiativen wurde mir immer wieder sehr deutlich, dass das aber die einzige Chance ist, dem Rechtsextremismus wirksam zu begegnen: Nichts darf verschwiegen oder beschönigt werden. Dort, wo sich eine Neonazi-Szene etabliert und rechtsextrem motivierte Straftaten geschehen, müssen alle gesellschaftlichen Kräfte gemeinsam gegenhalten.

Der stern hat mit seiner Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" vorgemacht, wie spontan Kampagnen gegen Rechtsextremismus ins Leben gerufen werden können. Er hat Künstlerinnen und Künstler zusammengetrommelt; Udo Lindenberg, Ingo Appelt, Nena, die Söhne Mannheims, Xavier Naidoo und viele mehr haben gegen die immer brutaler werdende Gewalt protestiert.

Junge Musiker haben mit ihrer Tour „Die Leude woll’n, dass was passiert!“ ein wichtiges Signal gegeben: Rechtsextremist zu sein ist nicht cool! Springerstiefel und Bomberjacke sind out! In Orten, wo Rechtsextremisten inzwischen öffentliche Plätze beherrschen, wo sie „Zonen der Angst“ errichtet haben, waren diese Konzerte für all diejenigen wichtig, die sich dem Druck nicht beugen und alternative Jugendkulturen etablieren wollen.

Toleranz und friedliches Miteinander


Ganz besonders erfreut war ich über die stern-Aktion, weil sich all die kleinen Initiativen präsentieren konnten, die vor Ort die mühselige und oftmals auch frustrierende Arbeit gegen rechtsextreme Gewalt organisieren. Sie kämpfen für mehr Jugendeinrichtungen, für sinnvolle Bildungsangebote und treten tagtäglich für Toleranz und ein friedliches Miteinander ein. Nicht selten sind sie selbst Opfer rechter Gewalt. Kampagnen wie die des stern würdigen ihr Engagement und machen öffentlich, wie kreativ und fantasievoll die Arbeit der jungen Leute ist. Die Veranstaltung in Berlin habe ich selbst miterlebt, und es hat mich sehr gefreut, dass die Initiativen so enthusiastisch vom Publikum gefeiert wurden.

Bei den Veranstaltungen quer durch die Republik haben der stern und die Künstlerinnen und Künstler Geld, viel Geld gesammelt und es der Amadeu Antonio Stiftung gespendet, deren Schirmherr ich bin. Das Aussteigerprogramm "exit" von Bernd Wagner konnte auch dank der Sponsoren seine Arbeit aufnehmen. Dieses Projekt ist ein wichtiger Mosaikstein in einer Reihe von vielen Programmen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus, Gewalt und Rassismus. Mit der Unterstützung dieses Projekts hat der stern eine wichtige zivilgesellschaftliche Aufgabe übernommen, und ich hoffe sehr, dass sich weiterhin viele Bürgerinnen und Bürger finden werden, um mutig gegen rechte Gewalt vorzugehen.

Wolfgang Thierse print

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