HOME

Stern Logo Schnauze Wessi

Schnauze, Wessi!: Meine Zone war besser als deine

Niemand muss ehemaligen DDR-Bürgern erklären, wie das Leben dort war. Wenn es im Rückblick immer schöner wird, liegt das vor allem an rechtsstaatlichen Besserwissern. Eine Erinnerung

Von Holger Witzel

Ein Markierung am Checkpoint Charly in Berlin zeigt den einstigen Verlauf der Mauer

Ein Markierung am Checkpoint Charly in Berlin zeigt den einstigen Verlauf der Mauer

Ehrlich gesagt kann ich mich kaum noch erinnern: Habe ich wirklich die halbe Kindheit auf einem Topf gesessen und die andere Hälfte nach Obst angestanden? An die ständigen Stasi-Verhöre in Plattenbau-Kellern? Jeden Abend Soljanka und im Sommer FKK? Manches mag verdrängt sein, aber vieles ist auch schon so lange her, dass es gar nicht mehr wahr ist.

Nicht nur um "meine" DDR wabert ein zunehmend trüber Nebel aus echten Erinnerungen und eher unscharfen, aus Verniedlichung, Übertreibung und nachträglicher Deutung. Wahrscheinlich haben die Klischees vom grauen Einheitsalltag inzwischen einen homogenen Zustand erreicht, von dem nicht mal die Sozialistische Einheitspartei träumen durfte. Und doch sind – heute wie damals – immer noch regelmäßig Bekenntnisse zur DDR gefragt

Schien auch mal die Sonne oder war es doch nur eine Diktatur? Eher ein Ort oder eine Zeit? Mit Westdeutschen diskutiere ich darüber schon lange nicht mehr ernsthaft. Es ist sinnlos. Egal. Zum Glück vorbei. Und da schleicht sich schon wieder das erste Bekenntnis ein, das schnell zu Missverständnissen führt. Denn mit "Glück" ist natürlich auch nicht der real existierende Rechtsstaat gemeint.

Alte Debatte, die sich immer wieder entzündet

Seltsamerweise sind es aber immer Westdeutsche, an denen sich diese alte Debatte entzündet. Vor fünf Jahren - kurz vor dem 20. Jubiläum der durch und durch rechtsstaatlichen Reprivatisierung – wollte sich der westdeutsche Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern bei seinen neunen Landeskindern einschleimen, in dem er sich dagegen verwahrte, "die DDR als totalen Unrechtsstaat zu verdammen". Dabei hatten die längst begriffen, dass der totale Rechtstaat auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat. Für die westdeutsche Bekenntnis-Presse war das trotzdem eine Provokation.

Nun will ein Westdeutscher in Thüringen unbedingt Ministerpräsident werden und – rücksichtslos, wie sie nun mal sind – nimmt er dafür in Kauf, dass sich an dem Wort "Unrechtsstaat" die eigene Partei zerreißt. Prompt streiten sich bekennende SED-Nachfolger und jüngere PDS-Linke erneut über ihr anteiliges Erbe aus Schulspeisung und Mauermord. Selbstredend redet auch der Westen selbstgerecht mit. Und am Ende fragt niemand mehr, ob eine Blockflöte wie die amtierende CDU-Landesmutter - früher gleichzeitig FDJ-Sekretärin und Theologiestudentin - dem alten System womöglich näher stand als manch ehrlicher Kommunist.

Man redet aneinander vorbei

Im kalten Krieg der Erinnerung geht es seit 25 Jahren um Biografien und Würde, um Besserwisserei und Vergesslichkeit. Die einen reden sich ihr kleines dreckiges Land und seine grotesken Rituale immer schöner, während sich die anderen nicht mal vorstellen können, dass es dort überhaupt so etwas wie rechtschaffenden Alltag gab. Als stünde der Beweis noch aus, wer denn nun vor 1990 im besseren Teil Deutschlands gelebt hat, reden schlechte Verlierer und vermeintliche Sieger der Geschichte aufeinander ein und aneinander vorbei. Die einen treten bei jeder Gelegenheit nach, die anderen fühlen sich sowieso übergangen. Und umso öfter ihnen vorgehalten wird, dass sich bei ihnen sogar die besten Freunde bespitzelt haben, desto trotziger antworten sie: Na und, immerhin hatten wir welche!

Für mich war die DDR – und das konnte ich mir weder aussuchen, noch mag ich mich dafür entschuldigen – 21 Jahre einfach da, wo ich aufwuchs. Sie wurde nur 40 Jahre alt, und seit ich selbst so alt bin, kann ich sogar verstehen, dass sie bis zuletzt ihre Zukunft beschwor. Immerhin haben wir je die Hälfte unseres Lebens miteinander verbracht. Vermutlich hat sie mich sogar mehr geprägt als ich sie. Über den Westen, aber das nur nebenbei, muss ich das hoffentlich nie zugeben.

Machtverhältnisse waren klar

Für eine Diktatur war sie sicher etwas bequemer als die gesamtdeutsche davor, aber - anders als heute - hat auch niemand einen Hehl aus den wahren Machtverhältnissen gemacht. Das Regime wachte ganz offen darüber, was man zu denken, zu tun und zu lassen hatte - nicht hinten rum wie NSA und Verfassungsschutz. Es mischte sich in jedermanns Leben ein, steuerte Menschen und ihre Bedürfnisse wie ein Kombinat. Von oben herab – nicht scheinbar auf Augenhöhe, wie Konzerne ihren Knechten und Konsumenten heute vorgaukeln. Wir waren ihr Volkseigentum. Dann waren wir ein paar Monate das Volk. Jetzt sind wir auch nur noch "Sozialkapital".

Wenn sich einer ihre enge Fürsorge nicht gefallen lassen wollte, konnte die DDR auch richtig eklig werden. Dann sperrte sie ihre eigenen Leute ein, stellte sie kalt oder ließ sie einfach abknallen, wenn sie weglaufen wollten. Selbstbewusste Rechtsstaaten haben das natürlich nicht nötig: Dort lässt man zwar jeden raus, aber nicht alle rein – sondern lieber im Mittelmeer ertrinken, bevor die globale Reisefreiheit den eigenen Wohlstand gefährdet.

Menschenunwürdige Ost-Jeans

Solche Vergleiche dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, wie menschenunwürdig es war, Ost-Jeans zu tragen, die selbst nach hundert Waschmaschinen kein bisschen ausgewaschen aussahen. Ohne das Desaster in der Turnschuh-Versorgung zu verharmlosen, muss man auch immer wieder darauf hinweisen, dass ein Bürgerrechtler wie Edward Snowden in einem Unrechtsstaat wie die DDR sicher nie Asyl bekommen hätte. Echte Schurkenstaaten müssen sich außerdem daran messen lassen, ob sie in Afghanistan einmarschieren – wie beispielsweise die Sowjetunion - oder ihre Staatsmedien so lange den kalten Krieg schüren, bis es nicht mehr anders geht, als kleinlaut zurück zu rudern. Aber kann man wegen einem korrigierten Fehler wirklich schon von Glasnost bei der ARD reden?

Das Schöne an der Rechtsstaaterei und dem gegenseitigen Erinnern an die richtige Erinnerung ist, dass sie bei jedem anders richtig ist und sich höchstens aus Trotz kollektiviert. Deshalb sind Ostdeutsche so empfindlich, wenn Filme über das Leben der anderen ausgerechnet von den anderen gedreht werden. Oder Westdeutsche im Duktus eines FDJ-Agitators – gern garniert mit einem Ost-Sandmann vor DDR-Fahne - Binsenweisheiten klarstellen wie etwa: "Die DDR ein Unrechtsstaat? Aber sicher doch!"

Beide Seiten brauchen das immer mal zur Selbstbestätigung Es hilft gegen irritierende Bekenntnisse wie von Angela Merkel, wonach die ost- wie westdeutsche Musterschülerin "gern in der FDJ" war. Irgendwann fragt auch Gustl Mollath niemand mehr, ob ihn ein Rechtsstaat in die Psychiatrie sperrte - oder ob dieses eingebildete Gebilde vielleicht nur so heißt, weil es jedem SS-Juristen schneller vergab als einem hauptamtlichen Stasi-Pförtner.

Schöne Kindheit gibt es überall

So strickt jeder an seinen Legenden. Sieht den Balken nicht vor lauter Splittern in den Augen der anderen. Und genau da muss man aufpassen: Denn an eine schöne Kindheit erinnern sich auch Menschen in Nordkorea oder Niederbayern, das hat nichts zu sagen.

Ähnlich Mechanismen kann man in psychiatrischen Selbsthilfegruppen oder revanchistischen Traditionsvereinen beobachten: Alle wissen, dass sie eine Dachschaden haben, aber wenigstens sind sie nicht allein damit. Sie reden über Dinge, die Außenstehende nie ganz begreifen können. Manche schämen sich sogar etwas, dass sie es so lange ausgehalten haben, von einer scheinbar guten Sache überzeugt - aber wehe, das hält ihnen ein Fremder vor.

Inzwischen streut der ostdeutsche Sandmann auch westdeutschen Kindern öffentlich-rechtsstaatlichen Sand in die Augen. Offiziell hungert niemand. Vielen können sich sogar ausgefallen Reisewünsche wie Mallorca oder mit der Bundeswehr in alle Welt erfüllen, sofern ein Flieger funktioniert. Wer genug Ecclestones in der Tasche hat, muss sich auch wegen der angeblich unabhängigen Justiz keine Sorgen machen. Dieses "Freiheitsgefühl", wie es unser gemeinsamer Bundespräsident neulich vorsichtig im Zusammenhang mit der rechtsstaatlichen NSA-Überwachung nannte, ist nicht mit gefühlter Freiheit zu verwechseln. Erst recht nicht mit DDR oder FKK.

Vorbestimmter Lebenslauf

Schlimmer als Ost-Jeans oder Engpässe in der Bademode waren in meiner Erinnerung die zuständigen Stellen für alles und jeden, dieses vorbestimmte Leben auf Schienen: Kindergarten und Schule, danach Lehre oder Studium, alles eine einzige Gehirnwaschmaschine. Selten nach Eignung oder Neigung, sondern stets nur nach Wohlverhalten und "gesellschaftlichem Bedarf".

Im Westen nennt man das Angebot und Nachfrage, angepasste Arschkriecher gelten als flexible Führungspersönlichkeiten. Allein der sogenannte Markt bestimmt über Lebensläufe. Und weil dabei angeblich jeder seines Glückes Schmied ist, sucht niemand die Fehler im System, sondern immer zuerst bei sich. Das ist der raffinierteste Unterschied. Deshalb implodiert dieses System vielleicht erst in zwei oder 22 Jahren, wenn auch dort die Verschleißgrenze an Rückgrat und kollektivem Selbstbetrug erreicht ist. Aber wer so etwas einmal erlebt hat, gibt die Hoffnung nicht auf und sieht überall erste Zeichen dafür.

Die DDR ging auch daran zu Grunde, was sie ihren Leuten antrainiert hatte, an Gewohnheit, "Augen zu und durch" und einer diffusen Angst vor dem, was möglich wäre. Es geht seinen sozialistischen Gang, war das geflügelte Wort dafür. Heute würde man vielleicht "Alternativlosigkeit" dazu sagen.

Möglicherweise verkläre ich das, aber in "meiner" DDR war am Ende sogar die Langeweile größer als die Angst vor dem eigenen Mut. Und das ist eine Erfahrung, die ich auch Westdeutschen gönne: Man muss nicht ewig über Geheimdienste jammern, sondern kann sie auch einfach mal besetzen. Einen ungerechten Rechtsstaat abzuwickeln, sollte sogar noch einfacher sein, als eine Diktatur. Insofern lasse ich mir auch die schönste Erinnerung an den Unrechtsstaat nicht nehmen: Wir haben ihn selbst abgeschafft.

Holger Witzel pöbelt auch auf Twitter zurück.

Gerade ist mit "Heul doch, Wessi" der dritte Sammelband seiner Texte erschienen.

Themen in diesem Artikel