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Schnauze, Wessi!: Der moralische Aufbau West

Seit fast 25 Jahren ist Ostdeutschland nicht nur Absatzmarkt und Deponie für drittklassige Beamte. Es dient dem Westen auch zur mentalen Selbststabilisierung. Über einen guten Zweck.

Von Holger Witzel

Saltzwedel, Sachsen-Anhalt, 2013: Vor der Journalistenkamera entfernt ein Mitarbeiter der Stadtreinigung eine Nazi-Parole von einer Häuserwand. Was sonst.

Saltzwedel, Sachsen-Anhalt, 2013: Vor der Journalistenkamera entfernt ein Mitarbeiter der Stadtreinigung eine Nazi-Parole von einer Häuserwand. Was sonst.

Zum Glück gibt es Neonazis, zum Glück in auch immer ein paar mehr. Und doch - so behauptet zumindest Rebecca Pates von der Uni Leipzig - beruht "der vielfach berichtete Befund einer höheren Fremdenfeindlichkeit auf einem erhebungstechnischen Fehler."

Allein der Titel ihres Buches, das den "Ossi als symbolischen Ausländer" untersucht, brachte der Politikwissenschaftlerin einige regionale Schlagzeilen und überregionalen Gegenwind ein. Wie die meisten Lehrstuhlinhaber im Osten ist die Herausgeberin zwar im Westen aufgewachsen. Dennoch schien sie es mit ihrer These irgendwie zu gut gemeint zu haben, dass alle Vorurteile gegenüber Ostdeutschen auch gut für den Westen sind - etwa "die Externalisierung (und Lokalisierung) der Fremdenfeindlichkeit und der Spezifizierung eines intrinsisch problematischen Deutschen". In barrierefreiem Deutsch: Der "Ossi" dient Gesamtdeutschland seit fast 25 Jahren als Prügelknabe und Sündenbock. Er ist der Problembär, auf den man alles schieben kann.

Das braune Gespenst

Dafür gibt es - auch außerhalb der universitären Indianerforschung - unzählige Beispiele: Gerade ist es mal wieder die mangelhafte Wirtschaftskraft Ostdeutschlands, die natürlich nicht damit zusammenhängt, dass westdeutsche Firmen hier nur Hungerlöhne zahlen. Fehlt in Dortmund Geld, weil man vor 1989 zu viele Kredite aufgenommen hat, machen Lokalpolitiker dort wider besseres Wissen den Solidarpakt verantwortlich. Ziehen ab und zu seltsame Parteien in ostdeutsche Parlamente ein, kann man mit ausgestrecktem Zeigefinger davon ablenken, dass die NPD in den 1960er Jahren auch in etlichen westdeutschen Landtagen saß oder knapp 20 Prozent der Hamburger 2001 unbedingt eine Witzfigur wie diesen Schill als Innensenator wollten. Ausgerechnet einen ostdeutschen Pfarrer - Gipfel der Niedertracht - schickt man indessen vor, um als Bundespräsident Auslandseinsätze abzusegnen. Und wenn - wie vor ein paar Tagen in Buchenwald - wieder mal Hitler gegrüßt wird, passt das eben auch ins gewohnte, für den Westen beinahe beruhigende Bild: Kennt man ja, typisch Osten. Nur wer die Meldung zu Ende liest, erfährt auch noch die Herkunft der geschmacklosen Krawall-Touristen – in diesem Fall Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Aber egal.

Im Grunde ist das sogar in Ordnung: Der Westen braucht eben immer Abziehbilder, vor denen er sich gruseln kann. Nichts liegt da näher als die entgegengesetzte Himmelsrichtung. Mal waren es die Hunnen, gerade sind es wieder mal die Russen; Türken, Juden oder andere nahe Ossis an der empfindlichen Grenze zwischen Orient und Okzident dienten auch schon oft als Abschreckung. Und seit 1990 nehmen Ostdeutsche diese Aufgaben ernst: Warum also nicht auch noch das braune Gespenst für alle spielen, damit sich Westdeutschland weiter einbilden kann, dort gebe es so etwas nicht mehr? Es wäre nur schön, wenn diese innerdeutsche Funktion endlich auch mal gewürdigt würde.

Die putzigen Prägungen

Die bedingungslose Kapitulation einer guten Idee reichte nicht. Das "Leben der Anderen", ihre Mangelwirtschaft, das Spitzelsystem und alles, was man noch so darüber hörte und las, stabilisierte das westdeutsche Selbstbild auch in den Jahren danach: Hatte man also doch nicht alles falsch gemacht, trotz Contergan-Skandal, obszönem Reichtum und ein paar Obdachlosen. Was für ein Glück außerdem, nach dem gemeinsamen begonnenen Krieg von den richtigen Siegermächten besetzt worden zu sein, samt Kaugummi und Marschall-Plan. Jetzt mussten nur noch die andern begreifen, wie man trotzdem so tut, als nähme man sein Schicksal in die eigenen Hände - richtig arbeiten lernen und so weiter. Wie schwer sich diese Ostler anfangs damit taten und trotzig auf ihre Eigenartigkeit beharrten, waren nur weitere Belege für ihr falsches Leben davor. Einfach unverbesserlich!

So schlug die Enttäuschung des Ostens über den Westen langsam in Enttäuschung des Westens über den Osten um: Wieso konnten sich diese seltsamen Menschen nicht einfach ein Beispiel an ihren erfolgreichen Landsleuten nehmen? Am Vorbild konnte es naturgemäß nicht liegen, sonst hätte man ja das eigene System in Frage stellen müssen. Und so ersparten die Fehlzünder aus Dresden und Torgelow, wie es der Soziologe Thomas Ahbe in seinem Aufsatz "Die Konstruktion der Ostdeutschen" beschreibt, den Westdeutschen auch noch jede kritische Reflexion über ihr eigenes Leben und die Schablonen, in denen sie denken.

Mit Leuten, die erst unbedingt Westler werden - aber dann doch keine sein wollten, konnte etwas nicht stimmen. Ihre scheinbaren Defizite und oft putzigen Prägungen dienen seitdem als zusätzlicher Zement für das positive Selbstbild des Westens: "Den ", so Ahbe, "werden jene Eigenschaften zugeschrieben, welche die Westdeutschen - wenn man ihrem Eigenbild folgt - erfolgreich abgelegt haben, nämlich Autoritarismus und gefügige Verantwortungslosigkeit, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Indifferenz gegenüber Nationalsozialismus."

Die Rabenmütter

Auch diese Projektionsfläche für verdrängte Schwächen sind wir gern - zur Not sogar Rabeneltern, wenn es dem Westen hilft, weiter zu glauben, dass die Frau besser zu Hause bleibt, statt Kinder in Kindergrippen zu Nazis drillen zu lassen. Dass man alles schaffen kann, wenn man nur arbeiten will... bitte! Wir sind das beste Beispiel für alles, was insgesamt schief läuft. Wir dienen der deutsch-deutschen Distinktion. Und trinken sogar von rheinischen Kühen, wenn die Kölner Molkerei nur "Mark Brandenburg" draufschreibt.

Ostdeutsche beschweren sich nicht mal darüber. Es war die "Märkische Allgemeine", die diesen "Etikettenschwindel" anprangerte. Und diese Zeitung - das nur der Vollständigkeit halber - gehört zur Verlagsgruppe Madsack in Hannover. Schickt also ruhig weiter alles rüber, eure Milch, eure Nazi-Komplexe, eure Zeitungen! Wir nehmen sogar Vollzeitjobs für 800 Euro brutto an, damit ihr euch darüber aufregen könnt, dass die Miete trotzdem das Amt zahlen muss. Von eurem Geld.

Peer Steinbrück und Gerhard Schröder hatten für ihren Wahlkampf in den neuen Bundesländern immer eine verschollene ostdeutsche Cousine in petto. Die Nummer zog nicht durchgehend.

Peer Steinbrück und Gerhard Schröder hatten für ihren Wahlkampf in den neuen Bundesländern immer eine verschollene ostdeutsche Cousine in petto. Die Nummer zog nicht durchgehend.

Die Wahlkampffläche

Als Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 den Boden für solche Jobs bereitete, bemühte er für seine Ostpolitik neben Putin gern seine ostdeutschen Halb-Cousinen. Die beiden lustigen Frauen aus Eisenach waren im Wahlkampf zur Stelle, die dritte - eine hauptamtliche Stasi-Dolmetscherin - durfte ihn nur mal heimlich im Kanzleramt besuchen.

Grundsätzlich müssen also selbst Verwandte im Osten nicht mehr peinlich sein. Vor allem Cousinen aus Thüringen - so steht es offenbar in der PR-Bibel der wiedervereinten Sozialdemokratie - kommen immer gut an. Sie sind besser als Brüder und Schwestern. Nicht zu nah, trotzdem ist Blut dicker als Hochwasser. Und so entdeckte auch Peer Steinbrück, bevor ihm im Wahlkampf 2013 alle Felle davonschwammen, den Osten. Er sei als Diplomat gewissermaßen selbst "Bürger in der DDR" gewesen, verriet er in einem schleimigen Interview mit der "Zeit", lobte das "positive Erbe der DDR" und berief sich schließlich ebenfalls auf eine Thüringer Cousine - sogar eine "ersten Grades".

Die schwierige Verwandschaft

Der Kanzlerkandidat wollte damit einen Fehler ausbügeln, nachdem er seiner Konkurrentin eine DDR-biografisch bedingte Visionslosigkeit vorgeworfen hatte. In Bezug auf Frau Merkel hatte er vielleicht sogar Recht, aber weil das nicht überall gefeiert wurde, räumte er außerdem ein, "dass wir alle nach 1989 sehr viel mehr Verständnis hätten aufbringen müssen". Zum Beispiel auch für ehemalige SED-Mitglieder: "Das", so Steinbrück, "geschah oft mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man in Bayern in die CSU eintrat oder im Ruhrgebiet in die SPD."

Schwer zu glauben, dass es im Westen solche Opportunisten gab! Aber so diente die DDR sogar noch mal nachträglich der Relativierung ähnlicher Zustände im Westen. Dann kam auch bei Steinbrücks Familienaufstellung noch heraus, dass die Stasi stets mit am Kaffeetisch saß, wie der Mann seiner Cousine einräumte. Und alles war wieder gut. Osten eben.

Der Autor pöbelt auch auf Twitter. In diesen Tagen erscheint "Heul doch, Wessi" - der dritte Sammelband seiner Kolumnen.