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Schnauze Wessi!: Verwestlicht, verblödet, verseucht

Nach sechs Jahren "Schnauze Wessi" ist nun Schluss. Nicht etwa, weil der innerdeutsche Nahost-Konflikt kein Thema wäre. Der Autor fürchtet, zunehmend wie ein Westler zu klingen. Eine Kapitulation.

Von Holger Witzel

Holger Witzel hisst die weiße Fahne. Kapitulation oder Tempo-Ersatz für Heulsusen aus dem Westen?

Holger Witzel hisst die weiße Fahne. Kapitulation oder Tempo-Ersatz für Heulsusen aus dem Westen?

Dass sie die Schnauze nicht halten können, war ja vorher klar. Dennoch habe ich den häufigsten Einwand auf meine Beiträge zur Völkerverständigung nie verstanden: Ost oder West spiele doch langsam keine Rolle mehr, hieß es immer wieder - für junge Leute schon gar nicht. Und davon abgesehen, dass ich von 20jährigen oft das Gegenteil höre, ist dieses Argument beinahe zynisch, wenn man nur mal an die Säuglingssterblichkeit denkt. Die ist in Westdeutschland nämlich eklatant höher als unter Neugeborenen in Osten, wie eine Untersuchung der Uniklinik Magdeburg ergab. Für die Allerjüngsten kann es also überhaupt nicht egal sein, ob sie in Leipzig oder im mittelalterlichen Westen zur Welt kommen. Für sie geht es dabei immerhin um Leben und Tod!

Bevor der zweite übliche Einspruch kommt: Diese Statistik ist schon deshalb unverdächtig, weil ihr Urheber die übliche Karriere vorweisen kann. In Ostwestfalen geboren, hat er in Marburg Medizin studiert und lange in Münster herumgedoktert, bevor er in Magdeburg Direktor der Uni-Kinderklinik wurde. Für diesen oft belegten Zusammenhang von West-Herkunft und Ost-Posten - das ist der dritthäufigste Einwand - wurde mir häufig Missgunst unterstellt. Zuweilen musste ich sogar mit gespieltem Entsetzen die Frage zurückweisen, woher dieser Hass auf Westdeutsche kommt. Jedenfalls würde ich es eher enttäuschte Liebe oder - noch zurückhaltender - natürlich gewachsene Menschenverachtung nennen, aber selbst das verkneife ich mir inzwischen.

Erkenntnistheoretische Schranken

Vor ziemlich genau sechs Jahren hieß es auf www.stern.de erstmals "Schnauze Wessi". Damals überraschte dieser Ton noch ein paar Leute. Mich auch. Zumindest "Wessi" gehörte vorher nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Ich nannte sie "Angeber", "Klugscheißer" oder bei Ausnahmen "Ausnahme" - je nach dem. Überhaupt benutze ich die Begriffe "Ossi" und "Wessi" bis heute nicht gern, weil sie den Zustand der innerdeutschen Beziehungen verniedlichen. Man sagt ja auch nicht Opfi oder Mördi, Arschlöchi oder Sklavi. Trotzdem war es - so schrieben zumindest viele Leidensgenossen - auch ein gewisser Trost, dass mal einer nach Kräften zurückstänkerte. Und bis auf zwei Texte - von wegen Zensur oder Systempresse - durften sogar alle erscheinen!

Bei Lesungen ist das vornehmlich ostdeutsche Publikum dagegen oft enttäuscht, dass ich immer noch so viel Verständnis und Mitleid für das skurrile Verhalten der westdeutschen Landsleute aufbringe und nach der ersten Kolumnensammlung mit dem zweiten Büchlein sogar dafür plädierte, ihnen noch eine Chance zu geben. Wieso denn noch eine, empören sich viele, die hatten ihre Chance! Und so traurig es ist: Gegen diese hartnäckigen - weil nicht zueletzt berechtigten - Ressentiments ist leider wenig auszurichten.

Die eigentlich Betroffenen erreichten die Texte und Bücher dagegen kaum. Philosophen sprechen in diesem Zusammenhang von "erkenntnistheoretischen Schranken", die moderne Sozialpädagogik von "Förderbedarf" oder geistigen Reserven. Wenigstens haben einige ab und zu aufgejault. Ihnen ist nun der dritte und letzte Sammelband gewidmet. Er heißt "Heul doch, Wessi!" und erscheint im Ostberliner Eulenspiegel Verlag. Auch das ist - wenn man so will - mehr Kapitulation als Heimkehr, nachdem ich es zunächst besonders subversiv fand, Westdeutsche in einem West-Verlag zu verunglimpfen. Aber für solche Feinheiten haben sie... - ach: egal! Vermutlich haben sie "Schnauze Wessi" sogar für Satire gehalten.

Die Datsche in Sachsen-Anhalt in den Händen eines Bayern

Ostler sind in ihren Augen sonst zurückhaltend und still. Sie machen sich am liebsten unsichtbar wie früher, und obwohl das unter lauter lauten Westlern nicht als Tugend gilt, möchte auch ich diese Erwartungen in Zukunft wieder erfüllen. Im persönlichen Umgang kann ich sogar Respekt und Höflichkeit heucheln - was Arbeitsleben und Kapitalismus eben so verlangen. Weil die meisten dermaßen von sich überzeugt sind, kaufen sie mir das auch immer noch ab.

Dachte ich wirklich, ihre selbsttrügerische Selbstgewissheit mit etwas Besserwisserei erschüttern zu können? Was für ein Selbstbetrug meinerseits! Da sieht man mal, wie sehr wir schon verseucht sind. Verblödet, verwestlicht - es muss eine Art Stockholm-Syndrom sein, dass man sogar Denkmuster unbewusst adaptiert. Anfangs womöglich, weil man sie auch für normale Menschen hielt. Später in der Hoffnung, dass sie dann vielleicht etwas verstehen. Zuletzt nur noch aus Selbsterhaltungstrieb. Eine Vergewaltigung bleibt eine Vergewaltigung, auch wenn man sie euphemistisch Wiedervereinigung nennt. Niemand will hinterher hören, er/ sie / es hätte es doch selbst so gewollt oder gar herausgefordert! Opfer ist, wer sich als Opfer fühlt. Und selbstverständlich entschuldige ich mich auch gleich wieder für diesen Vergleich. Wie gesagt: Ich bin ja wieder unsichtbar.

Es war alles nur Verbitterung, Neid und Enttäuschung. Was immer einem der Westen unterstellt, sobald man ihn durchschaut, stimmt. Außerdem habe ich es nur für Geld gemacht und lege hiermit offen, dass ich mir davon eine Datsche in Sachsen-Anhalt gekauft habe. Raten Sie mal von wem?! Richtig: Ich habe gewissermaßen ehemaliges Volkseigentum restituiert, das sich ein Bayer unter den Nagel gerissen hatte. Und das ausgerechnet von den Almosen, die mir westdeutsche Verleger von dem Gewinn abgaben, für den ich ihresgleichen beschimpfte. Bevor Sie sich oder mich nun fragen, ob das nicht pervers sei - fragen Sie lieber mal, wo mein sauer verdientes Geld am Ende wieder gelandet ist?!

"Ost ist Ost, West ist West"

Spätestes seit ich weiß, dass zwei westdeutsche Kollegen an einem Buch mit dem originellen Titel "Schnauze Ossi" arbeiten, war mir klar, dass ich damit aufhören muss. Als wenn der Osten seit 1990 je etwas anderes gehört hätte! Als wenn Ostdeutsche nicht genau das vor 1989 ausgiebig geübt hätten - und sich der stille Zorn gegenüber Chefchen und Hausbesitzern auch danach schnell wieder als nützlich erwies. Als wenn nicht alle Welt von Amerika und seinen Nachahmern seit Jahrzehnten "Schnauze, naher, ferner, mittlerer Osten!" hört, weshalb die Verachtung des Westens auch global kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist.

"Ost ist Ost, West ist West", schrieb schon der britische Kolonialdichter Rudyard Kipling, "sie werden nie zueinander kommen." Sein Dschungelbuch änderte daran so wenig wie der Einigungsvertrag oder meine Wutanfälle. Vielleicht werde ich noch ein wenig bei Twitter, auf Facebook oder live herumpöbeln, sofern mich mutige Veranstalter weiter zu Lesungen einladen. Ansonsten bedanke ich mich herzlich bei allen Lesern, vor allem bei den Heulsusen aus dem Westen. Kaufen Sie ruhig auch das neue Buch, verschenken sie es mit einem Päckchen Tempo - und glauben Sie mit bitte: Es war nicht alles Quatsch! In Wahrheit verläuft die Grenze zwischen Aldi-Nord und Aldi-Süd.