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Schnauze, Wessi!: Schweigen ist Schwarz-Rot-Gold

Die Fälle Snowden und Lanz zeigen auch, wie viel Wahrheit die westliche Schreihalsgesellschaft erträgt. Wenn es drauf ankommt - nicht viel. Ein Schweigegelübde.

Von Holger Witzel

Das mit der Presse- und Meinungsfreiheit habe ich bis 1989 auch vollkommen überbewertet. Nach 22 Jahren ohne und etwa ebenso lange in Fron und Brot der westdeutschen Meinungsindustrie kann ich das ganz gut beurteilen. Wer nicht gerade die Haarfarbe von Bundeskanzlern oder die freiheitlich-demokratischen Geheimdienste in Frage stellt, ertrinkt in Pluralismus. Aufwand und Ergebnis stehen in keinem Verhältnis: Am Ende interessiert selbst der sogenannte NSA-Skandal keine Sau mehr - und Dissidenten wie Edward Snowden müssen für immer in freieren Ländern wie Russland Schutz suchen.

Das naive Entsetzen über seine Enthüllungen verstummte schnell. Geheuchelte Empörung ("Das geht gar nicht") wich betretenem Schweigen, auf das amerikanische "Nope" zu einem "No-Spy-Abkommen" kommt aus Berlin nur noch ein zerknirschtes "Na gut." Lediglich ein paar DDR-Bürgerrechtler appellieren noch "an die mündigen Bürger", Demokratie durch "servile Politik" nicht zu einer "Farce" werden zu lassen. Aber vielleicht ist das auch schon zu spät - oder zu gefährlich? Wenn lupenreine Demokraten wie der alte KGB-Agent Putin dem Westen vorführen, was Freiheit wert ist, kann sie nicht all zu viel wert sein. Auf der anderen Seite: Wie verzweifelt muss dieser Snowden sein, dass er ernsthaft an politisches Asyl in Deutschland dachte? Westler bleibt eben Westler: Vor lauter Glauben an die Freiheit erkennen sie deren natürlichen Grenzen im Alltag nicht mehr.

Dissidenten auf der Flucht

In Süddeutschland brauchen Rentner nur einen Leserbrief schreiben – schon lässt die CSU Zeitungsredaktionen durchsuchen. In Niedersachsen werden die Daten von Journalisten offenbar routinemäßig gespeichert Und wenn Marietta Slomka im ZDF aufgeblasene Wahllügner fragt, wieso Parteimitglieder plötzlich mehr Einfluss haben als die parteilose Mehrheit, gibt es prompt von den Blockflöten der CSU aufs Dach. Gesinnungsfragen, Staatsfernsehen, Dissidenten auf der Flucht – woran erinnert das nur?

Ihren Übermut fand Frau Slomka wahrscheinlich, nachdem sie vor ein paar Wochen über die Inflation der Meinungsfreiheit "im saturierten Westdeutschland" nachgedacht hatte. Damals beklagte die Moderatorin in einem Interview noch, dass sie - anders als Menschen in der DDR oder etwa "Joachim Gauck mit seinem Dissidenten-Image" (das zumindest durchschauen sie inzwischen!) - nie Gelegenheit hatte, auch mal den Rücken gerade zu machen: "Habe ich etwas riskiert, wenn ich meine Meinung gesagt habe? Musste ich Angst davor haben? Nein."

Ersatzdroge: das Dschungelcamp

Demnach sprechen Westdeutsche nur deshalb so selten die Wahrheit aus, weil sie damit zu wenig riskieren: Ohne Thrill keine eigene Meinung - das sind offensichtlich die Nachteile der gefühlten Freiheit. "Als Ersatz", meint die Leipziger Satirikerin Ulrike Gastmann, "haben sie eben Bungee-Jumping und das Dschungelcamp erfunden".

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit - zumindest hätten Frau Slomka und Herr Snowden wissen können, dass die ganze auch im wilden Westen ein schnelles Pferd braucht. Unsereins musste das nach dem kurzen und - man kann sagen - nicht unangenehmen aufrechten Gang 1990 erst wieder lernen: So teilt einem die Stasiunterlagenbehörde heute zwar ohne Zögern mit, wer IM Notar war - aber schreiben darf man es nicht. Ein Bundespräsident kann zwar sagen, dass es der Bundeswehr im Ausland auch um wirtschaftliche Interessen geht - aber danach nicht mehr Präsident sein. Unter dem durchsichtigen Deckmantel der Satire kann ich sogar jedem Idioten "Schnauze Wessi" an den Kopf knallen – meinen Vorgesetzten aber nicht mal sinngemäß. Selbst wenn es die Wahrheit ist - ich meine: wäre.

Der Maulkorb ist das Weihnachtsgeld

Ich könnte schon, klar. Vielleicht wären die Konsequenzen sogar überschaubarer als zu notariellen Stasi-Zeiten. Dennoch schränken mich gewisse Abhängigkeiten gegenüber Banken und hungrigen Kindern ein. Der Maulkorb ist das Weihnachtsgeld, der Überziehungskredit, die lange Leine: Reden ist Silber, Schweigen ist Schwarz-Rot-Gold. Jeder muss auch heute zusehen, wie viel Meinung er sich leisten kann.

Vergangene Woche dachte ich zum Beispiel kurz daran, den Talkshow-Gentlemen Markus Lanz und Uli Jörges ein eigenes #link;www.stern.de/schnauze;"Schnauze Wessi"# zu widmen. Aber dann fiel mir zum Glück noch rechtzeitig auf, dass Lanz Italiener und Jörges mein Chef ist. Seine Eltern haben ihn zudem als Kind in den Westen verschleppt. Dort hat er das Lautsprechen verinnerlicht und vermutlich auch, dass die Wahrheit die Wahrheit der Wahrheit ist. Auch deshalb begnügte ich mich im stillen Protest damit, Sahra Wagenknecht künftig auf Twitter zu folgen - eine Idee, auf die ich zu DDR-Zeiten nie gekommen wäre. Und ich kann nur hoffen, dass dies keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen hat.

Meinungen, vielleicht gemeingefährlich

Bei Twitter scheint ohnehin Vorsicht geboten. Zwar wünschen sich die Medienkonzerne "content" aus allen Rohren, aber seltsamerweise twittern viele Kollegen, wie sie in ihren Profilen betonen, "hier nur/meist/überwiegend privat". Heißt das, Journalisten haben beruflich eine andere Meinung? Ist es am Ende gemeingefährlich, sich mit einer Meinung gemein zu machen? Ist das die Meinungsfreiheitsfalle, in die selbst erfahrene Meinungsfreischärler wie Günter Grass immer wieder tappen?

Nur weil er selbst jeden Scheiß mitgemacht hat, empören sich alle, wenn der Nobelpreisträger eine FDJ-Funktionärin eine "FDJ-Funktionärin" nennt. Die Grünen trauen sich plötzlich nicht mehr, für die Menschenrechte von Pädophilen einzutreten. CSU-Leute dürfen deren Menschenrechts-Sprecher nicht mehr "Vorsitzender der Pädophilen-AG" nennen. Die eifrigen Pressekammern in Hamburg und Westberlin verbieten inzwischen sogar regelmäßig Behauptungen, die gar nicht aufgestellt wurden. Es reicht schon, "wenn beim unbefangenen Durchschnitts-Leser" – so die Umschreibung für den typischen Medienkonsumenten West – ein entsprechender Eindruck entsteht.

So verschwimmen die Grenzen, Tatsache und Meinung. Und falls jetzt der Eindruck entstanden sein sollte, in diesem in jeder Beziehung meinungsfreien Land, herrsche so etwas wie Zensur, dann distanziere ich mich ebenso grundsätzlich wie grundgesetzlich davon. Am Besten mit dem unverdächtigen Zitat eines Westdeutschen: "Die Zensur", bonmotete Ulrich Erckenbrecht 1991, "findet heute durch die Medien statt."

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.