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Streitgespräch: "Ich will agieren, nicht reagieren"

Sie engagiert sich für den Klimaschutz und gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, er sieht beim Umweltschutz erst einmal andere in der Pflicht. Für NEON stritten sich die 31-jährige Sigrid Oberer und der 23-jährige Matthias Ziesche in Warnemünde.

Drei Wochen vor dem Treffen der mächtigen Regierungschefs lud der stern zu einem etwas anderen Gipfelgespräch. Zehn Kilometer östlich von Heiligendamm sprach der Lagerarbeiter und Webdesigner Matthias Ziesche, 23, aus Dormagen mit der Diplompädagogin Sigrid Oberer, 31, aus Ingolstadt über Klimawandel, Engagement und eigene Verantwortung. Matthias Kiesche hatte in einem Web-Blog* geschrieben, dass sich erst einmal die Industrie um den Umweltschutz verdient machen müsse, bevor er bereit sei, zum Beispiel auf Flugreisen zu verzichten. Sigrid Oberer kümmert sich seit einem halben Jahr um die Vorbereitung von Protesten gegen den G 8-Gipfel. Die gelernte Bibiliotheksassistentin streitet dafür, dass eine andere Welt möglich ist, wenn sich jeder genügend engagiert**.

In einer neuen Umfrage für das Jugendmagazin NEON sagen 84 Prozent der Befragten, dass man beim Umweltschutz bei sich selbst anfangen sollte. Aber nur drei Prozent geben zum Beispiel an, schon mal aus ökologischen Gründen auf eine Flugreise verzichtet zu haben. Wie ist das bei Euch?

Matthias: Ich denke, der Einzelne kann nicht groß was verändern.
Sigrid: Das finde ich aber total schade. Du gibst Deine Verantwortung weiter und sagst, andere sollen etwas für Dich regeln.
Matthias: So würde ich es nicht sehen. Aber außer Energiesparen kann man doch nicht viel tun. Ich kann nicht gegen die große Industrie anstinken. Und dann höre ich von den Politikern, ich soll lieber in Deutschland Urlaub machen und mehr Fahrrad fahren. Soll doch die Großindustrie erst mal bei sich anfangen.

Sigrid: Wieso wartest Du auf andere Leute? Ich will agieren, nicht reagieren. Ich will meinen Handlungsspielraum erweitern.
Matthias: Klar, Umweltschutz ist wichtig. Aber immer mit Kosten verbunden. Erst die Ökosteuer, diesen Sommer diese City-Steuerplaketten. Dann zahle ich sogar noch dafür, zur Arbeit zu fahren. Die Politiker versuchen die großen Probleme auf uns kleine Leute abzuwälzen. Und die Konzerne können weiter ihren Dreck in die Luft jagen. Der größte C02-Ausstoß kommt doch nicht von privaten Autos, sondern von der Industrie.
Sigrid: Wundert dich das in diesem neoliberalen System? Ich finde es wichtig, nicht nur zu kritisieren, sondern auch über Utopien nachzudenken.
Matthias: Meine Utopie ist, mit 30 Jahren auszuwandern.
Sigrid: Mein Traum ist, dass jeder Mensch diese Möglichkeit hätte, sein Glück dort zu suchen, wo er will. Aber das ist für die meisten nicht möglich, aufgrund von Grenzen und Aufenthaltsgenehmigungen. Ich möchte unbequem bleiben und trotzdem glücklich werden. Aber nicht nur nach egoistischem Glück streben, sondern das Glück auch mit anderen teilen können.
Matthias: Das ist ein lobenswerter Gedanke, aber es wird nie so sein, dass jeder machen kann, was er will. Oder genug Geld dafür hat. Ich denke, das bleibt eine Utopie.
Sigrid: Wenn wir uns unsere Träume nicht nur ab und zu nebenbei erzählen würden, sondern gezielter und organisierter, dann könnten wir was ändern. Aber das ist anstrengend und passiert nicht einfach so.
Matthias: Was machst Du privat so für den Umweltschutz?
Sigrid: Ach, einiges. Aber ich will da gar nicht über die bekannten Klischees reden. Ich habe mal eine Zeitlang versucht, ohne Strom zu leben. Da wohnte ich in einem Bauwagen. Ich versuche auch weniger zu konsumieren und ernähre mich vegetarisch.
Matthias: Fährst Du ein Auto?
Sigrid: Nein.
Matthias: Na, war einen Versuch wert.

Matthias, trennst Du Müll?

Matthias:

Ich muss, dafür sorgt meine Freundin. Ich würde es aber selbst nicht so konsequent durchziehen. Die Ökos sind immer so verbissen.

Sigrid:

Ich glaube, das negative Image hat immer noch mit der Katastrophenpädagogik der 80er Jahre zu tun, mit den Bildern von heulenden Kindern auf Demos vor Atomkraftwerken.

Mathias:

Ja, zuerst haben sie geschrieben, die Welt ist nicht mehr zu retten, sie geht in 40 Jahren unter, jetzt heißt es, wir können noch den Untergang aufhalten, wenn wir uns alle beschränken. Ich denke, in den 70er und 80er Jahren wurden die Weichen für die Vernichtung der Erde gestellt. Da war ich noch nicht auf der Welt.

Sigrid:

Wenn man den Medien glaubt, ist die Welt schon öfter untergegangen als die Zeugen Jehovas es jemals vorhergesagt haben. Ich bin aber nicht so pessimistisch. Dann kommst du ja wirklich in eine Stimmung, dass man nichts mehr ändern kann. Ok, jetzt ist der G8-Gipfel in Heiligendamm und die Amerikaner haben schon gesagt, dass sie keine drastischen Schritte zum Klimaschutz unterstützen werden. Aber es geht nicht nur um diese Scheinverhandlungen, sondern dass wir uns äussern und nicht resignieren. Ich freue mich auf die Diskussionen mit Aktivisten aus aller Welt.

Matthias:

Aber auf euch hört doch keiner, außer wenn vielleicht Bono singt.

Sigrid:

Oh ja, ganz schlimm. Diese Leute promoten sich als Weltverbesserer und schütteln einem Tony Blair die Hand, der beim G 8- Gipfel von 2005 von einem "historischen Schuldenerlass" sprach. 40 Milliarden Dollar in vierzig Jahren, für 18 Länder. Wenn man das mal nachrechnet, dann kann man nicht einmal von einem Tropfen auf dem heißen Stein reden. Das ist so eine Augenwischerei, wenn die guten Weißen den armen Schwarzen helfen - die beruhigen doch nur ihr schlechtes Gewissen.

Matthias:

Stimmt. Aber groß verschlechtern kann sich die Welt nicht mehr. Die Erde ist im Eimer: die große Katastrophe rückt immer näher. Ich weiß ja nicht, ob die Erde irgendwann explodiert.

Sigrid:

Ach, die Erde hat schon viel mehr erlebt. Ich denke, es wird immer so schlimm dargestellt, weil sich Berichte darüber vielleicht auch gut verkaufen.

Belastet es Euch persönlich, dass sich die Erde erwärmt und die Gletscher verschwinden?

Matthias: Momentan nicht. Ich merke nur, dass ich überschwemmt werde von Informationen und plötzlich 20.000 Probleme im Kopf haben soll.
Sigrid: Die Frage ist doch, was fange ich mit all den Informationen an. Die Nachricht dass die Gletscher schmelzen, macht uns zu Empfängern einer Meldung, mehr nicht. Ich will lieber über Lösungen sprechen, und da sind wir schnell beim Thema Arbeit.
Matthias: Okay, ich arbeite von morgens sechs bis nachmittags um drei in einem Lager und danach als Webdesigner.
Sigrid: Und dann bist Du wahrscheinlich zu müde, um dich zu engagieren. Weil die meisten nach der Arbeit so erledigt sind, dass sie keine Energie haben, aktiv zu werden, für die Gesellschaft zum Beispiel. Warum machen wir uns alle so wahnsinnig mit unseren 40 Stunden-Jobs? Wir leben in einem Wohlstand, der größer ist als im Rest der Welt. Wenn wir es soweit geschafft haben, muss es doch eigentlich mal einen Moment geben, wo man diesen Druck nicht mehr so fühlt.
Matthias: Man hat doch die Angst, in einem halben Jahr keine Arbeit mehr zu haben. Wenn ich arbeitslos bin, kann ich keine Miete mehr zahlen, das Auto muss weg, das Motorrad. Und ich kann nicht mehr mal eben spontan nach Paris oder London fliegen wie jetzt. Ich will meinen Lebensstandard eben halten.
Sigrid: Ich finde es schwierig, Leuten vorzuschreiben, welche Bedürfnisse sie zu haben haben. Andererseits hat Konsum aber auch Folgen, nicht nur ökologische.

Sigrid, was Du in einer Woche an CO2 sparst, verfliegt Matthias in einer Stunde...

Sigrid:

...warum sollte ich auf Matthias böse sein? Ich finde es blöd, wichtige Themen so zu personalisieren. Es geht darum, darüber zu reden, wie wir alle in einem bestimmten System agieren. Und dieses System ist falsch. Der Kapitalismus hat bisher noch nicht gezeigt, dass er menschenwürdig ist. Dass er so ist, dass es allen besser geht. Da wir Menschen dieses System geschaffen haben, können wir es auch gemeinsam ändern.

Matthias:

Wie denn?

Sigrid:

Es würde zum Beispiel sehr vielen Menschen helfen, wenn die Festung Europa nicht weiter ausgebaut wird und die Auffanglager für Flüchtlinge verschwänden. Wir sollten uns auch mal über den Begriff Effizienz unterhalten: dem wird heute alles Leben untergeordnet. Wir brauchen keine Reformen, sondern einen Systemwandel. Und das bedeutet eine schwere Zeit. Das haben doch viele Deutsche erlebt, als der Sozialismus zusammengebrochen ist.

Matthias:

Ich war sechs Jahre alt, als die Mauer geöffnet wurde. Ich fand die DDR gut, die Kinder waren versorgt, es gab nicht die große Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Aus meiner kindlichen Sicht ging es den Leuten besser.

Sigrid:

Interessant, so reden viele. Und trotzdem steht das System Sozialismus überhaupt nicht mehr zur Debatte.

Ist die linke Utopie am Ende?

Sigrid:

Ich glaube, sie hat noch gar nicht angefangen.

Matthias:

Ich denke, ja. Und ich glaube, viele aus den alten Bundesländern haben Angst davor, so zu leben, wie ihre Brüder und Schwestern in der DDR.

Sigrid:

Der sogenannte real existierende Sozialismus beruhte ja darauf, dass wenige über viele bestimmten. Meine Utopie geht immer in Richtung Gleichberechtigung. Aber die sehe ich hier in unserem demokratischen System auch nicht. Jetzt haben die Franzosen einen neuen Präsidenten gewählt, und 47 Prozent waren gegen ihn. Doch er allein bestimmt nun und die Nein-Stimmen fallen unter den Tisch. Ist das in Ordnung?

Matthias:

Wir wählen eine Partei und danach haben wir nichts mehr zu sagen.

Was habt ihr gewählt bei der letzten Bundestagswahl?

Matthias:

SPD.

Sigrid:

Moment, ich weiß jetzt nicht, ob das strafbar ist, was ich gemacht habe. Ich bin in die Wahlkabine und habe auf den Zettel geschrieben: "Ich kann in diesem System nichts wählen". Nein, das ist doch noch erlaubt, oder?

Matthias:

Mit dieser Haltung läufst Du gegen eine Gummiwand.

Sigrid:

Das ist auch anstrengend. Ich habe keine Mainstream-Medien hinter mir, zum Beispiel. Ich hab mich übrigens auch sehr schwer getan, hier mit euch zu reden. Und weiß, dass ich mich vielleicht ärgern werde, wenn das Interview dann gedruckt ist.

Sigrid, in der Zeit, in der Du dich ärgerst, spaziert Matthias über die Champs Elysées und macht Urlaub.

Matthias:

Genau. Ich mache mir keinen Stress. Warum sollte ich meine Zeit verschwenden, wenn ich das Leben auch genießen kann. Ich denke, auf eine Art und Weise wirst Du Dein Engagement auch genießen…

Sigrid:

...genau, das ist der Punkt.

Matthias:

Aber was für ein Aufwand, andere überzeugen zu wollen. In der Zeit kann ich irgendwo Urlaub machen, schön am Strand liegen und entspannen. Ich habe ja nicht den Stress, den Du hast.

Sigrid:

Aber wofür brauchst Du die Entspannung? Irgendwo hast Du dann trotzdem Stress, sonst bräuchtest du die Entspannung nicht.

Matthias:

Ja, man entspannt sich doch, wenn man nicht arbeiten braucht.

Sigrid:

Für mich gibt es diese Definition von Arbeit und Entspannung nicht so. Ich versuche, die Macht darüber zu behalten, was ich tue.

Matthias, beneidest du sie darum?

Matthias:

Darüber könnte man sie beneiden.

Du könntest Dich ja Sigrid anschließen.

Matthias:

Ach, sie fliegt doch nicht mit nach Paris.

Sigrid:

Aber wir könnten trampen.

Interview: Florian Gless und Uli Hauser / print