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Tagebuch einer Castor-Polizistin, Tag 4 Demonstranten zwischen Leichtsinn und Tränen


Mehr als 16.000 Polizisten sind im Einsatz, um den Transport der Castor-Behälter mit radioaktivem Müll ins niedersächsische Gorleben zu schützen. Für stern.de berichtet Polizeikommissarin Sarah Respondek von dem Großeinsatz. Die heiße Phase läuft.
Von Sarah Respondek, Dahlenburg

Tag 4

Es ist 2:30 Uhr - mein Handy klingelt und mir wird freundlich, aber bestimmend mitgeteilt, dass wir aufstehen müssen, um in unseren Einsatzraum zu fahren. Der Transport erreicht nun bald Niedersachsen. Ich muss gestehen, dass ich mir in diesem Moment gewünscht habe, dass der Anruf nur ein Traum sei.

Trotzdem: Schnell mache ich mich für den Einsatz bereit und ab geht es zu unserem Einsatzfahrzeug, wo meine Kollegen schon mit einem Kaffee auf mich warten. Ein erster Energieschub. Dann fahren wir zu unserem Einsatzort: der Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen. Da wir gut in der Zeit liegen, kann ich mir den Bahnhof bei der Gelegenheit gleich einmal näher anschauen.

Plötzlich fließen Tränen

Kurz bevor der Zug in unseren Einsatzraum gelangt, wird bekannt, dass sich drei Personen an die Gleise gekettet haben. Die unglaubliche Leichtsinnigkeit macht mich fassungslos.

Ab jetzt beginnt die heiße Phase - ich verfolge aufmerksam den Funkverkehr und notiere alle Feststellungen der Einsatzkräfte und die getroffenen Maßnahmen. Mehrere Funkkanäle laufen gleichzeitig, die Handys des Hundertschaftsführers und des Leiters der Führungsgruppe klingeln ständig - Spannung pur! Trotz der angespannten Situation klappt die Zusammenarbeit aber reibungslos. Dies ist bisher die anstrengendste Phase in diesem Einsatz - die Spannung unter den Einsatzkräften ist deutlich zu spüren.

Dann endlich rollt der Castor-Transport - unüberhörbar angekündigt durch Hubschrauberlärm - durch den Bahnhof. Ungefähr 150 Personen stehen an den Gleisen mit Plakaten in der Hand. Ein lautes Pfeifkonzert ist zu hören. Ich bin schon ein bisschen erstaunt, dass bei einigen Transportgegnern dann plötzlich Tränen fließen.

Den Castor von nahem sehen

Es ist schon interessant, endlich mal den Zug zu sehen, der unsere letzten Arbeitstage so geprägt hat. Als die Waggons dann durch den Bahnhof gerollt sind, geht es für unsere Einheit aber sofort weiter. Wir sammeln uns nördlich von Uelzen, fahren von dort nach Lüneburg und dann weiter nach Dahlenburg. Uns wird ein Anschlussauftrag in dem Bereich in Aussicht gestellt, über den heute wohl schon mehrfach in den Nachrichten berichtet wurde. Hier verharren wir – wir tragen mittlerweile alle unsere Schutzausstattung – ich bin gespannt was in dieser Nacht passieren wird, merke langsam, dass der Einsatz an die Substanz geht.

Über mir höre ich schon wieder den Hubschrauberlärm. Ich hoffe, dass den militanten Castorgegnern nicht jedes Mittel Recht ist, um zu verhindern, dass die Castoren das Zwischenlager erreichen. Denn auch in Uniform bin ich in erster Linie ein Mensch, der gesund wieder zu seiner Familie zurückkehren will. Ich hoffe, dass es in dieser Nacht friedlich zugeht und es - bei allen Beteiligten - keine weiteren Verletzten gibt.

Gerade wird unser Auftrag wieder geändert ...


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