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Hans-Martin Tillack: Geld von der Stiftung

Wer finanziert in Zukunft journalistische Recherchen, wenn die Redaktionsbudgets schrumpfen?

Über diese Frage diskutieren Journalisten und Medienexperten weltweit. Früher schien das Bedrucken von Papier hohe Einnahmen geradezu zu garantieren. Große Redaktionen wie der „stern“ können sich deshalb bis heute aufwändige Recherchen leisten. Aber was ist in Zukunft?

Oft als Alternative zitiert werden Stiftungsprojekte wie „Pro Publica“ in den USA: Dort finanzieren großzügige Mäzene die Arbeit investigativer Journalisten, die früher beim „Wall Street Journal“ oder der „New York Times“ angestellt waren.

In Deutschland kannte man das bisher nicht. Aber – was wenige wissen - auch deutsche Journalisten können an Stiftungsgelder kommen: Sie müssen sich dafür an journalismfund.eu wenden – ein im belgischen Zellik bei Brüssel ansässiges Projekt, das von verschiedenen Stiftungen finanziert wird. Zuschüsse gibt es zwar nur für Recherchen zu Themen, die mehr als ein europäisches Land oder die EU als ganze betreffen. Dafür sind die Fördersummen nicht zu verachten: In der jüngsten Runde waren insgesamt 50 000 Euro im Topf.

Obwohl den Initiatoren Brigitte Alfter und Ides Debruyne vor gut einem Monat sogar der renommierte Leipziger Medienpreis verliehen wurde, ist journalismfund.eu hierzulande bisher kaum bekannt. Ich selbst war seit Gründung des Förderfonds Anfang 2009 einer der vier Journalisten in der internationalen Jury, die über die Vergabe der Zuschüsse entschied. Darunter waren so bekannten Kollegen wie David Leigh vom britischen "Guardian". Nach den Regeln, die bei dem Fonds für die Jury gelten, werden die Namen ihrer Mitglieder erst nach deren Ausscheiden publiziert. Weil ich jetzt turnusgemäß für einen neuen Kollegen Platz gemacht habe, kann ich also jetzt erstmals öffentlich über meine Erfahrungen sprechen.

Inzwischen gibt es eine stolze Liste erfolgreicher Recherchen, die aus Mitteln von journalismfund.eu bezuschusst wurden: Slowenische Kollegen gingen dem illegalen Waffenhandel während der Jugoslawien-Kriege nach. Ein lettisch-irisches Team enthüllte die Praktiken krimineller Banden, die junge Frauen aus dem Baltikum für Scheinheiraten mit Nicht-Europäern nach Irland vermittelten. Und ein italienischer Kollege ging dem Missbrauch von EU-Geldern im Kosovo nach.

Interessant fand ich eins: Mit die besten Förderanträge kamen oft aus kleineren Ländern Osteuropas – also aus Staaten, wo es weniger große, gut ausgestattete Redaktionen gibt und daher der Bedarf an alternativen Finanzierungsquellen größer ist.

Und mit die erfreulichste Erfahrung war, wie oft wir uns in der Jury während unserer Skype-Konferenzen ohne viel Zögern einigen konnten, welche Vorhaben den Zuschlag erhalten sollten und welche nicht. Die Kriterien, was als taugliches investigatives Projekt gelten kann und was nicht, sind offenbar europaweit nicht sehr unterschiedlich.

Manchmal fielen uns die Entscheidungen aber auch nicht so leicht – zum Beispiel, weil die Antragsteller ihr Vorhaben nicht konkret genug beschrieben hatten. Wer nicht bereits über einige Kerninformationen verfügt und über einen Plan, wie sich die Story komplettieren lässt, dem gibt man naturgemäß ungern Geld. Und das, obwohl jeder weiß: Selbst mit einem Plan können Recherchen scheitern. Bewerber müssen also genau prüfen, ob es für ihren Antrag nicht noch zu früh ist. Ist die Recherche andererseits schon weiter fortgeschritten, braucht es vielleicht gar nicht mehr viel Förderung. Zugegeben eine Zwickmühle.

Für uns Journalisten in den traditionellen Redaktionen ist das Leben da heute noch leichter. Stiftungsprojekte wie journalismfund.eu sind wichtig. Aber ganz ehrlich: ich bin froh, dass ich für ein Blatt arbeiten kann, bei dem ich nur meine Vorgesetzten vom Sinn meiner Recherchevorhaben überzeugen muss – und nicht gleich eine ganze Jury.

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