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Überwachung: Wenn der Bürger zurückspitzelt

Mit dem Datenschutz nimmt es der Staat nicht sonderlich genau und wird damit zum schlechten Vorbild. Zunehmend schnüffeln auch Bürger ihre Nachbarn genüsslich aus - mit ausgeklügelten Methoden.

von Björn Maatz und David Böcking

Das Geheimnis glücklicher Ehen ist so einfach. "Erteilen Sie sich gegenseitig eine Ortungsgenehmigung, dann hat Eifersucht keine Chance", rät das Onlineportal Ehebruch 24. Wer das Handy seiner besseren Hälfte auf der Homepage registrieren lässt, kann den Ehepartner bis auf 50 Meter genau aufspüren - dessen vorherige Einwilligung vorausgesetzt. Das sei der "Liebesbeweis des neuen Jahrtausends", heißt es auf der Website.

Telefonüberwachung, Nummernschild-Scanning, Datenspeicherung - wenn es um "Big Brother"-Methoden geht, steht meist der Staat am Pranger. Doch die Zeiten haben sich geändert: Der Bürger spioniert zurück. Immer mehr Beschwerden über spitzelnde Privatleute gebe es, sagt Meike Kamp, Leiterin "Datenschutz im nicht-öffentlichen Bereich" beim Datenschutzbeauftragten Schleswig-Holsteins.

Bürger nehmen Nachbarn ins Visier

In fast jedem dritten Fall klagen Bürger über heimlich aufgestellte Videokameras. Immer wieder fühlen sich Privatleute von ihren Nachbarn ausspioniert. Kameras gibt es ja inzwischen in jedem Baumarkt. "Überwachungstechniken werden immer günstiger", sagt Kamp. Die Beschwerden überprüfen die Datenschützer per Hausbesuch. Es gebe "im nichtöffentlichen Bereich ganz erhebliche Schwierigkeiten", sagt auch Baden-Württembergs oberster Datenschützer Peter Zimmermann.

Klar, wer die Deutschen beim Schnüffeln inspiriert. "Der Staat ist ein schlechtes Vorbild", sagt Werner Lohl, Datenschutzbeauftragter des Berufsverbands Deutscher Psychologen. Die öffentliche Videoüberwachung oder die Datenspeicherung auf der neuen Gesundheitskarte böten reichlich Anregungen auch für das Spitzeln zu Hause. Dazu kommen neue technische Möglichkeiten - die natürlich auch für Kriminelle interessant sind. So wurde in Bottrop gerade ein Mann verhaftet, der 53 Schlecker-Filialen überfallen hatte. Mithilfe von Google Earth hatte er im Internet die Standorte der Drogeriekette ausfindig gemacht, die möglichst weit entfernt von einer Polizeiwache sind.

Der Fingerabdruck des Innenministers

Einen wahren Coup landeten die Hacker des Chaos Computer Clubs, die von einem Wasserglas den Fingerabdruck von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sicherten und in ihrer Mitgliederzeitschrift veröffentlichten. Sie folgten dabei dem Prinzip der "Sousveillance" (Unterwachung), das der kanadische Informatiker Steve Mann erdacht hat.

Bürger sollen demnach die Obrigkeit mit ihren eigenen Mitteln kontrollieren - etwa indem sie an kameraüberwachten Orten selbst filmen. Es sei "im Prinzip eine positive Entwicklung, dass Bürger sich zur Wehr setzen", sagt der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix. Ob Schäuble das auch so sieht? Immerhin mit Tratsch und Klatsch hat der Minister Erfahrung - er wuchs in dem 4000-Seelen-Dorf Hornberg im Schwarzwald auf.

FTD
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