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Wulff und die Medien: Vorsätzliche Täuschung

Christian Wulff ist kein Opfer der Medien. Wichtiger ist die Debatte, wie viel Geben und Nehmen zwischen Wirtschaft und Politik erlaubt ist. Eine Replik auf den Zwischenruf von Hans-Ulrich Jörges.

Von Hans-Martin Tillack

Nein, Christian Wulff ist nicht über zu viel Transparenz gestürzt. Genauso wenig übrigens wie Peer Steinbrücks Probleme damit begannen, dass er seine Vortragshonorare offenlegte. Das Gegenteil ist wahr, in beiden Fällen. Steinbrück schuf eine Debatte, weil er Forderungen nach Offenlegung seiner Honorare erst als Zumutung abwehrte. Wulffs Probleme begannen, als er versuchte, etwas zu vertuschen, von dem er meinte, es nicht erklären zu können.

Richtig ist: Christian Wulff ist tief gefallen. Doch unser Mitgefühl sollte uns nicht verführen, die Geschichte umzuschreiben. Erinnern wir uns, wie alles anfing: Mit einem zinsgünstigen Hauskredit über eine halbe Million Euro, der Wulff im Herbst 2008 von der Frau seines Unternehmerfreundes Egon Geerkens gewährt wurde. Seit Juni 2009 recherchierte der stern - wie einige andere Redaktionen - in der Frage, wer dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten sein neues Haus in Großburgwedel finanziert hatte. Im Februar 2011 fragten wir erstmals im Bundespräsidialamt an.

Wulff richtete damals aus: Kreditgeber für das Haus "war und ist" die BW-Bank in Stuttgart. Er erweckte damit einen falschen Eindruck - und das in voller Absicht. Wer einmal täuscht, der hat Misstrauen verdient. Als im Herbst 2011 klar wurde, dass es vor der BW-Bank doch einen anderen Darlehensgeber gab, blieb keine andere Interpretation als diese: Der Bundespräsident hatte etwas zu verbergen.

Darum schrieben wir über diesen merkwürdigen Kreditvertrag und gingen bald darauf weiteren Vorwürfen nach. Allzu viele erwiesen sich als wahr. Allzu oft hatte Wulff Gefälligkeiten von Leuten angenommen, die sich als Freunde ausgaben, aber zugleich eigene Interessen verfolgten. Und allzu häufig versuchte er dann, sich mit Halb- oder Garnichtmehrwahrheiten aus der Affäre zu ziehen.

Den Stoff liefern andere. Und Wulff lieferte viel

Wulffs Verfehlungen wurden von den Medien also aufgedeckt, aber nicht erfunden. Medien haben eine Wirkung - wenn sie etwas zu berichten haben. Den Stoff liefern andere. Und Wulff lieferte viel. Es stimmt, manche Journalisten jagen am liebsten im Rudel. Auch manche große Medien spielten Bekanntes noch ein zweites Mal als Enthüllung hoch. Doch eine Debatte, in der es nichts Neues zu berichten gibt, stirbt rasch von selbst wieder ab. Im Fall Wulff war das anders; die Hinweise nahmen kein Ende.

Der stern hat in dieser Debatte nicht hinterhergeplappert. Wir waren diejenigen, so bilanzierte es kürzlich ein Buchautor, die neben "Bild" die "zentralen Vorwürfe gegen Wulff recherchiert" haben. Und: Nichts von den Tausenden von Zeilen, die der stern zu Wulffs Affären veröffentlicht hat, wurde vor Gericht attackiert.

Die Ermittler klagen Wulff nun an - so wie es andere Staatsanwälte bei vergleichbaren Wohltaten für andere hohe Amtsträger anderswo ebenfalls getan haben. Selbst hohe Bundesbeamte dürfen in diesem Land keine Geschenke mit Amtsbezug annehmen, die mehr als 25 Euro wert sind. Wer Ministerpräsidenten mit kleinen Gaben und geschäftlichen Hintergedanken anfüttert, macht sich strafbar. Das sagt das Gesetz, so sind die Regeln. Auch Wulff kannte sie.

Einen Sinn gewinnt die Debatte am Ende aber nicht daraus, ob der Expräsident vom Landgericht verurteilt wird. Einen Sinn hatte die Diskussion, wenn wir nun endlich grundsätzlicher darüber reden, wie viel Geben und Nehmen zwischen Politik und Wirtschaft wir wollen.

Seit Jahren wächst bei Bürgern der Eindruck, manche in der politischen Klasse hielten nicht genug Distanz zur Wirtschaft, ja, ließen sich kaufen. Wie sagte es dieser aufstrebende niedersächsische Oppositionspolitiker im Jahr 1999: "Es darf gar nicht erst zur Korruption kommen, sondern es muss der Anschein von Korrumpierbarkeit, von Abhängigkeiten, von Sponsoring von Politik und Politikern vermieden werden." Ja, der Satz stammte von Christian Wulff. Ja, er hatte recht.

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