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Zwischenruf: Der Ein-Euro-Banker

Wegen der Finanzmarkt-Katastrophe will Josef Ackermann für dieses Jahr auf einen Bonus verzichten. Das ist nicht mehr als ein PR-Gag der Deutschen Bank. Um das Ethos der Banker neu zu begründen, wäre ein ernsthaftes Zeichen fällig.

Von Hans-Ulrich Jörges

Kann ein Mann im Amt bleiben, der sich selbst zum Gesicht der Finanzkrise in Deutschland gemacht hat - und den nun eine ganze Nation zornig anstarrt? Er könnte, wenn er zum Gesicht der Einsicht und des Wandels der Finanzmärkte nach der großen Krise würde.

Kann ein Banker noch Banker sein, der vor gut einem Jahr - unmittelbar vor der Krise also - verkündet hat, die Finanzmärkte seien heute "so viel stabiler", dank "innovativer Finanzinstrumente" wie Derivate und Verbriefungen und dank "neuer Akteure wie Hedgefonds"?

Er könnte, wenn er eine wegweisende Rede hielte, die mit solchen Irrtümern aufräumt, wenn er seine Mitschuld bekennen und um Vertrauen für seine Absicht bitten würde, den Finanzmärkten eine verantwortungsvolle Rolle zuzuweisen, befreit von irrwitzigen, unkontrollierbaren Risiken.

Kann ein Experte noch Gehör erwarten, der Tage vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers verkündet hat, "der Anfang vom Ende" der Finanzmarktkrise sei erreicht?

Er könnte, wenn er öffentlich eingestehen würde, dass die Anarchie der Märkte selbst seine Urteilsfähigkeit überfordert hat, dass es niemanden mehr gab auf dem Globus, der wusste, was sich abspielte.

Kann der Chef der Deutschen Bank weiter Respekt verlangen, der ein überaus ehrgeiziges Renditeziel von 25 Prozent vorgegeben und sein Haus deshalb in die Hände wurzelloser Investmentbanker gegeben hat?

Er könnte, wenn er das Renditeziel auf immer noch überaus ehrgeizige 15 Prozent herunterschrauben und die Bank neu begründen würde als verlässliche, konservativ kalkulierende Adresse geschätzter Privatkunden.

Kann Josef Ackermann trotz allem nicht bloß bis 2010 - da läuft sein Vertrag aus - an der Spitze der größten deutschen Bank stehen, sondern auch noch darüber hinaus?

Er könnte, wenn er vom Saulus zum Paulus würde, versprechen könnte, als gewandelter Mann die Wandlung seiner Bank, ja der Bankenwelt schlechthin in Angriff zu nehmen.

Kurzum: wenn sich Ackermann neu erfinden würde. Wenn er all das abstreifen könnte, was Bankiers zu Bankern werden ließ und den Adelstitel der Wirtschaft zu einem Fluch, was den Inbegriff der Seriosität in den Ruch des Abenteurertums taucht, wenn nicht gar des Halbkriminellen - und einen Fernsehkommissar von Verhaftung träumen lässt. Wenn er also außerordentliche Charakterstärke angesichts außerordentlicher Irrtümer bewiese. Wenn er als gescheiterter Führer Führung aus dem Scheitern übernähme. Dafür aber spricht rein gar nichts. Nach der Krise, sagt er, könne man grundsätzlich "wieder solche Renditen erzielen": 25 Prozent. Das aber ginge nur mit den alten Methoden. Meint er das ernst - der Schweizer, der sich Verdienste erworben hat, weil er die Deutsche Bank in Deutschland hielt -, soll er abtreten, spätestens 2010, denn er würde zum falschen, zum gefährlichen Vorbild.

Ackermann bleibt Saulus. Die Krise ist ihm nicht zum Damaskuserlebnis geworden, er ist nicht bekehrt. Mit einem PR-Gag glaubt er davonkommen, das Publikum beeindrucken zu können. Der Banker, der im vergangenen Jahr 14 Millionen Euro verdient hat, will nun, im Jahr der Krise, einstellig werden. Einstellig statt zweistellig bei den Millionen. Verzicht verkündet er - aber nur auf seinen Bonus, auf den Teil seines Einkommens, der erfolgsabhängig ist.

Man muss das wenden, um die trübe Wahrheit freizulegen: Er verzichtet auf das, was ihm ohnehin nicht zugestanden hätte. Denn woran lässt sich Erfolg messen? Am Gewinn der Bank, der aber ist im Krisenjahr dramatisch eingebrochen. Oder am Börsenkurs, der aber ist um etwa 60 Prozent gefallen - eine rasante Enteignung der Eigentümer.

Ich habe Josef Ackermann einmal gefragt, das war schon mitten in der auflaufenden Krisenflut, warum er als reicher Mann überhaupt 14 Millionen verdienen müsse, warum es nicht auch sieben oder neun Millionen täten. Er brauche das Geld gar nicht, hat er geantwortet, er lebe bescheiden - und das stimmt -, aber die ehrgeizigen jungen Leute in der Bank verlören ihre Motivation und den Respekt vor ihm, wenn er nicht nähme, was möglich sei.

Heute hätten seine jungen Leute - und die Jungen, Hungrigen in den anderen Banken - etwas ganz anderes vom ihm zu lernen, etwas viel Bedeutenderes: Ethos. Ehre und Würde, Pflicht und Verantwortung eines Bankiers, Vorbild und Wertebindung eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Dafür ließe sich ein Zeichen setzen: Josef Ackermann arbeitet in diesem wie im nächsten Jahr, während der Steuerzahler haftet, für einen symbolischen Euro, einen Euro für jedes Jahr. Höher kann Sittlichkeit nicht entlohnt werden.

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