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Zwischenruf: Der Misstrauens-Mann

Hans Eichel ist der Prügelknabe der Regierung. Er verdient eine Verteidigung - denn Kanzler und Kabinett lassen ihn im Stich. Und das ruiniert das Vertrauen in alle. Aus stern Nr. 22/2004

Wo Vertrauen fehlt, regiert Unsicherheit, ja Angst", sagt Johannes Rau in seiner letzten "Berliner Rede". Und: "Ohne Vertrauen werden wir unsere Probleme nicht lösen. Erst Vertrauen schafft das Klima für wirtschaftlichen Erfolg, für wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt, für technische Innovation." "Was in Deutschland zur Zeit fehlt, damit es wieder aufwärts geht, ist die Ressource Vertrauen", schreibt Gesine Schwan in der "FAZ". Und: "Vertrauen gewinnen Personen, denen man Wahrhaftigkeit, Mut und Gerechtigkeit, aber auch Kompetenz zuschreibt."

Rau und Schwan, der scheidende Präsident und die Kandidatin für seine Nachfolge, beide Sozialdemokraten, analysieren scharf - und zielen doch ins Anonyme. Der eine darf, die andere will dem Objekt des Misstrauens keinen Namen geben - ist er doch dessen Präsident, und Mäßigung gebietet ihm die Verfassung, sie seine Auserwählte und Loyalität ein Gebot des Anstands. Die Gedanken aber sind frei und schwer und aufwühlend.

Der Satz ist wörtlich zu nehmen

"Wo Vertrauen fehlt, regiert Unsicherheit, ja Angst", sagt der Präsident. Der Satz ist wörtlich zu nehmen, er führt auf klarer Spur zum Problem - zur Regierung. Dem Volk fehlt Vertrauen, weil das Land unsicher und ängstlich regiert wird. Das wiederum pflanzt Unsicherheit und Angst ins Volk. Den Regenten, sekundiert die Kandidatin, mangelt es an Wahrhaftigkeit, Mut, Gerechtigkeit und Kompetenz. Mit anderen Worten: Das Land stagniert und trudelt, weil ihm vertrauenswürdige Führung fehlt. Eine Nation macht Dienst nach Vorschrift. Sie steht im Bummelstreik. Nicht die lahme Binnenkonjunktur, nicht die Sparwut der Deutschen, nicht ihre Unlust zum Konsum blockieren den voodoohaft beschworenen Aufschwung. Das sind bloß Symptome der Krankheit, die einen anderen Namen trägt. Die Regierung ist Deutschlands Wachstumsbremse. Sie hat das Guthaben an Vertrauen verbraucht und kassiert Misstrauen. Gerade in diesen Wochen quellen ihre Kassen davon über.

Am Kassenwart, an Hans Eichel, macht sich alles fest, besser gesagt: wird alles festgemacht. Der Minus-Mann ist der Mann des Misstrauens. Sein hilfloses Schlingern, sein (selbst-)entwürdigendes Klammern am Amt, sein bizarr linkisches Auftreten verlocken dazu, ihn zu prügeln. Nur ihn. Das ist einfach. Zu einfach aber und zu ungerecht, um ihn nicht auch zu verteidigen.

Der Held passt nicht mehr zum Drama

Hans Eichel wurde nach Oskar Lafontaines unheimlichem Abgang als Hauptdarsteller eines Stücks geholt, das andere längst für ihn geschrieben hatten. Es trug den Titel: Sparen für den Aufschwung. Jetzt, in höchster Not, haben wiederum andere ein neues Stück verfasst. Es heißt: Schulden für das Wachstum. Nun aber passt der Held nicht mehr zum Drama, das lässt ihn so verrückt verdreht erscheinen - die Chance, der Truppe den Rücken zu kehren, hat er verpasst. Nun wird er vom Regisseur an die Rampe geschoben, um die Buhs und die Tomaten des Publikums auf sich zu lenken. Und die Nebendarsteller verschwören sich auf offener Bühne gegen ihn: Von dem lassen wir uns nichts mehr sagen! Am Ende ist das Vertrauen in die gesamte Truppe ruiniert. Man traut ihr nicht mehr. Man traut ihr alles zu.

"You may never get to touch the Master, but you can tickle his creatures", schreibt der amerikanische Autor Thomas Pynchon. Du magst den Meister nicht zu fassen kriegen, doch seine Kreaturen kannst du kitzeln. Der Meister, der Kanzler, verhält sich, als läse er Pynchon - er flieht und überlässt sein Geschöpf öffentlicher Marter. Welche Statur soll ein Finanzminister haben, wenn er den Kanzler nicht hinter sich hat? Er zuckt, er zappelt, er zerfließt. Ein Bild des Jammers.

Gerhard Schröder kämpft für sich, für sich ganz allein, um Vertrauen. Eilt wie aufgezogen durchs Land, plaudert an Schulen, vertilgt Bratwürste, schmückt sich mit Henning Mankell, dem Krimiautor. Als hätte er mit dem Ensemble abgeschlossen. Lächelt, lächelt, lächelt. Verzweifelt über den Verlust an Vertrauen, der ihn seit der Wahl 2002, als es angeblich nichts zu reformieren gab, im Ranking der politischen Sympathie auf den achten von zehn Plätzen zurückgeworfen hat - nur noch zwei Ränge vor Eichel. Jeder für sich - und die Demoskopie gegen alle. Gesine Schwan zitiert Niccol˜ Machiavelli: "Will es aber das Schicksal, dass das Volk zu niemandem Vertrauen hat, wie es manchmal der Fall ist, wenn es schon früher einmal durch die Umstände oder durch die Menschen getäuscht worden ist, so stürzt es unaufhaltsam in sein Verderben." Schade fast, dass sie nicht Präsidentin wird.

Hans-Ulrich Jörges / print