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"Anne Will" Emmanuel Macron siegt - und bringt Anne Will aus dem Konzept

Anne Will, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Publizist Alfred Grosser sitzen in der Talksendung "Anne Will".
Mit Ursula von der Leyen (M.) und Alfred Grosser (r.) diskutierte Talkmasterin Anne Will (l.) das Wahlergebnis in Frankreich
© ARD
Wird Macrons Sieg Europa verändern? Keiner kann's wissen, geredet wird trotzdem darüber. Das Schlusswort bekommt Ursula von der Leyen. Sie kündigt einen "Säuberungs- und Reinigungsprozess" bei der Bundeswehr an.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Anne Will nennt ihn mehrmals und ganz locker aus der Hüfte "der junge Mann". Was vielleicht auch bedeutet: So sehr viel mehr weiß man noch nicht über ihn, der sich nun, mit klarem Vorsprung,  Frankreichs Präsident nennen kann, der tatsächlich jüngste in der Geschichte des Landes. Emmanuel Macron ist 39 Jahre alt. Vor erst einem Jahr gründete der Investmentbanker die politische Bewegung "En Marche". Hätte er das nicht getan, dann hätte er nicht zur Wahl gestanden. "Und ohne Macron hätten wiederum wir ganz schön blöd dagestanden", sagt SPD-Politikerin Gesine Schwan. Auch sie spricht am beim Will-Talk am Sonntagabend mit zum Thema "Frankreich nach der Wahl - Wie verändert das Europa?" Natürlich lässt sich einwenden: Muss man sich denn unbedingt öffentlich-rechtlich zusammensetzen und orakeln? Muss man im Vagen und Ungewissen herumstochern? Anders gesagt: So richtig ergiebig wurde diese Diskussion nicht. Oder noch anders: Langweilig war's.

Marine Le Pen ist es nicht geworden. Wäre sie heute Präsidentin, dann hätte der 92-jährige Publizist Alfred Grosser vielleicht gar nicht mit im Studio gesessen. "Dann wäre ich wahrscheinlich in die Seine gesprungen", sagt er lachend. Anne Will sieht's ohne Humor: "Das ist nicht lustig." Zum Streiten gibt's auch nicht viel - ausnehmend alle in der Runde sind Europa-Befürworter. Und alle sind sich einig: Der Macron-Sieg ist ein Grund zu feiern. Es handle sich um einen "großartigen Tag für Frankreich und für Europa", wie Ursula von der Leyen sagt. Weiter spricht die Verteidigungsministerin von einem "guten Beispiel dafür, dass man mit Europa wieder Wahlen gewinnen kann." Trotz der Euphorie warnt sie aber auch: "Wir dürfen uns nicht zurücklehnen." Deutlich wird im weiteren Verlauf auch: Die französischen Reformen werden auch Deutschland Geld kosten. Man müsse, so Schwan, Macron denn auch "auf Augenhöhe helfen".

Emmanuel Macron als Frodo Frankreichs?

Wie wichtig ihm Europa ist, zeigt der neue Präsident auch bei seinem Gang vor das Volk - tausende Anhänger haben sich, wie eine Live-Schalte zeigt, vor dem Louvre versammelt.  "Super, dass Macron mit der Europa-Hymne zur Bühne kommt", kommentiert Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel, ebenfalls Talkgast. Grosser hingegen versucht es erneut mit Humor: "Da bekommt die Familie Karajan wieder Geld." Eine Anspielung darauf, dass die Europa-Hymne aus der Neunten Symphonie von Beethoven auch von Karajan dirigiert wurde. Anne Will findet's wieder nicht lustig. Sie bemerkt stattdessen, und das mit nachdrücklicher Stimme, Macron würde so gehen als spüre er die große Last auf seinen Schultern. Es scheint die Lieblingserzählung der Moderatorin zu sein: Der junge Held mit der großen Bürde. Man kennt das Sujet ja. Unter anderem aus Herr der Ringe. Ist Macron also der Frodo des heutigen Frankreich?

Klar, leicht wird er es nicht haben. Immerhin elf Millionen Franzosen haben Le Pen gewählt. Wie mit dieser rechtsextremen und europafeindlichen Stimmung im eigenen Lande umgehen? Nettel verweist außerdem darauf, dass im Juni die Parlamentswahlen stattfinden, die darüber entscheiden, welche Macht der Präsident in den kommenden Jahren ausüben kann. Macron ist dabei auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen, da er mit  "En Marche" außerhalb des etablierten Parteienspektrums steht. Dass sich Macron, wie Grosser sagt, "zuerst um die Benachteiligsten" kümmern werde, und unter anderem in der Banlieue mehr Geld in Bildung investieren wolle, spreche zwar für ihn, andere Pläne hingegen seien kritisch zu bewerten: "Er will die Mitbestimmung in Betrieben." Das sei "furchtbar", weil es die Gewerkschaften ausheble. Grosser befürchtet, dass es im Herbst Protestmärsche geben werde.

Ursula von der Leyen hat das Schlusswort

Anne Will kündigt mitten in der Diskussion einen harten Bruch an. Der Grund: Nun sei von der Leyen schon mal da und weil sie da sei, müsse sie natürlich etwas zum jüngsten Bundeswehrskandal sagen. "Was ich bereue, ist, dass ich nicht deutlich genug gesagt habe: Die ganz große Mehrheit der Truppe leistet hervorragenden Dienst und ist hochanständig." Will kritisiert, dass von der Leyen sich nicht schon eher zu Wort gemeldet habe. "Haben Sie das Problem unterschätzt?", so Will. "Ja", sagt von der Leyen.  Und warnt, man sei noch längst nicht durch: "Es wird noch viel hochkommen." Das weitere Statement mutet befremdlich an und beschwört dunkelste Vergangenheit herauf. Die Verteidigungsministerin sagt, dass innerhalb der Bundeswehr ein "Säuberungs- und Reinigungsprozess" stattfinden müsse. Sie hat damit das Schlusswort. Das nicht so hätte stehen bleiben dürfen.


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