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Zwischenruf: Die Irrtümer der Grünen

Die ökologische Idee verstrickt sich in ihren Widersprüchen - und verlangt neue Antworten auf Hunger, Energiemangel und Klimakatastrophe. Bevor in schwarz-grünen Bündnissen noch mehr Unheil angerichtet wird.

Von Hans-Ulrich Jörges

Sie sind die Kinder des Überflusses. Sie hatten immer die Wahl, zwischen vielen Optionen. Und sie wählten stets die sanfteste, die schonendste, die friedlichste, die ethischste. Vor drei Jahrzehnten begann der Aufstieg der Grünen, der Triumph ihrer Idee. Sie veränderte die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik - und das Denken. Weltweit. "Nein, danke" war die Formel, mit der die Kinder des Überflusses ihre Wahl trafen. Es begann mit: "Atomkraft - nein, danke". Inzwischen tränkt das "Nein, danke" jede Debatte. Gentechnik, Stammzellforschung, Kohle - nein, danke. Um die großen Neins schwirren viele kleine, immer mehr. Neins zu Autobahnen, zu Flughäfen, zu Agrarfabriken, zu Konservierungsstoffen, zur Sterbehilfe, zu McDonald's, zu Coca-Cola, zu Tabak, zu Alkohol, zu Zucker ... Nein, danke!

Das Nein hat vieles, das groß schien, klein gemacht. Raubte Legitimation, stellte infrage. Und machte Kleines groß. Das, was die Grünen gewählt hatten. Jeden Begriff, der sich mit Öko- oder Bio- koppeln ließ. Ökostrom, Ökoautos, Biofleisch, Biomärkte, Bionade. Bio adelt jedes Geschäft.

Fast unbemerkt wuchs die kleine, sanfte, sympathische Ökonomie zu einer gewaltigen Macht heran, zu einem öko-industriellen Komplex. Windmühlen zu Windparks, Sonnenkollektoren zu Solarkraftwerken. Es mangelte nicht an Geld für die gute Sache. Der Staat gab mit offenen Händen, es ging ja um nicht weniger als die Zukunft. 153 000 Euro Subventionen pro Jahr kostet heute jeder Job in der Solarindustrie - 78 000 ein Arbeitsplatz im Steinkohlenbergbau. Aus den Grünen, die jeden Propagandisten des alten Wirtschaftens mit einem einzigen verbalen Handkantenschlag matt setzen, mit dem hässlichen, klebrigen Wort "Lobbyist", wurden selbst Lobbyisten dieses öko-industriellen Komplexes.

Die Zeiten des Überflusses aber sind nun vorüber. Die Erde ist ein Ort immer drückenderen Mangels. Weil die Bevölkerung auf dem Globus jedes Jahr um 75 Millionen wächst - und mit ihr der Ernährungsbedarf bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent. Weil die Schwellenländer - China, Indien, Brasilien - gewaltigen Hunger haben, nach Essbarem und Energie. Weil sich die Inder nun eine zweite Mahlzeit am Tag leisten können, und die Chinesen nicht mehr nur Reis verzehren wollen, sondern auch Fleisch. Also steigen die Preise für Nahrung und Energie, rasant. Also ist die Inflation zurückgekehrt nach Europa. Also gibt es Revolten dort, wo die Armen nicht mehr mitbieten können. 850 Millionen sind unterernährt.

Und die Grünen geraten in Widersprüche. Die platzen auf in dieser Zeitenwende, dramatisch. Das vertraute "Weniger ist mehr" klingt zynisch in den Ohren Darbender. Was gestern noch sanft und ethisch erschien, ist heute brutal und sündig: Biosprit aus Essbarem. "Während sich manche Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen viele andere darum, wie sie ihren Magen füllen können", sagt Weltbank- Präsident Robert Zoellick. Der öko-industrielle Komplex rodet Regenwälder in Brasilien, um Zuckerrohr für Treibstoff anzubauen, kauft Mais in Amerika, damit Europäer ökologisch korrekter Auto fahren können. Perversion einer Idee.

In Deutschland haben die Grünen der SPD den Ausstieg aus der Atomkraft abgetrotzt. Nun trotzen sie der CDU den Verzicht auf Kohlekraftwerke ab. Hamburg ist das Fanal dafür, dort opfert die CDU erstmals ein Kraftwerk. "Das Aus von Moorburg erfolgt strikt nach Recht und Gesetz", sagt Jürgen Trittin - es soll trickreich zu Tode "genehmigt" werden. Die Deutsche Energie-Agentur indes fürchtet, dass 12 000 Megawatt fehlen, wenn bis 2020 nicht 15 Kohle- oder Gaskraftwerke neu gebaut werden. Gas aber wird immer teurer, und niemand möchte von Russland abhängig sein, 40 Prozent kommen schon von dort.

Energiemangel, Hunger und Klimakatastrophe rufen nach anderen Antworten. Ja zu längeren Laufzeiten von Kernkraftwerken - Abschaltung alter Meiler und Übertragung ihrer Restlaufzeiten auf neuere, Öffnung der Option auf den Bau von Reaktoren sichereren Typs, um Zeit zu gewinnen für alternative Energien. Ja zu Windparks auch auf See. Ja zu modernen, umweltschonenden Kohlekraftwerken, kombiniert mit Fernwärme - à la Moorburg. Ja also zu einem Energiemix mit allen Optionen, sonst werden alte Klimakiller unverzichtbar. Ja auch zur Gentechnik, für ertragreichere Ernten und eine wirksamere Medizin.

Die Propheten des neuen Denkens brauchen selbst neues Denken. Den Ausstieg aus der Philosophie des Ausstiegs. Denn Fortschritt ist keine Verheißung von vorgestern, Technik kein Teufelswerk. Die Welt tritt ein in eine neue Ära der Wissenschaft - ihr Raum, Richtung und Ziel zu geben, statt sie zu blockieren, ist Aufgabe von Politik. Die grüne Idee muss anders konkret werden - oder sie wird reaktionär.

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