Zwischenruf Rasur der Wasserköpfe


Die Gewerkschaften laufen Sturm gegen die Reformen, weil sie selbst höchst reformbedürftig sind - Führungspersonal und Strukturen würden hinweggefegt. Aus stern Nr. 30/2004.

Warum kämpfen die Gewerkschaften gegen die Reformpolitik? Weil sie aufrecht empört sind über Ungerechtigkeiten? Ja, gewiss, auch. Aber ziemlich kalt. Weil sie den Untergang des Sozialstaats befürchten? Möglich. Sagen wir großzügig: lauwarm. Weil sie nur noch zu Protest in den Palästen der Politik fähig sind, aber nicht mehr aktionsfähig in den Hütten der Betriebe? Warm, sehr warm. Weil sie sich gegen den eigenen Untergang stemmen? Heiß. Weil sie kollabieren würden, falls der Reformprozess am Ende auch die Mitbestimmung und die Bindungskraft der Tarifverträge - die Säulen ihrer Macht - einrisse? Siedend heiß. Weil sie dann selbst einem dramatischen Reformprozess unterworfen wären? Höllenfeuerheiß.

Selbst dringend erneuerungsbedürftig

Wir sind am Punkt. Die Gewerkschaften fürchten Reformen, weil sie selbst dringend erneuerungsbedürftig sind, aber in einem Dilemma stecken: Sie erkennen die Not, sind aber zu geschwächt und zu mutlos für eine eigene Agenda 2010, denn die müsste ihre verkopften Strukturen wie ihr Führungspersonal hinwegfegen.

Ein Gorbatschow der Gewerkschaftsbewegung ist nirgends in Sicht. Gäbe es ihn, würde er seine Perestroika mit einer schonungslosen Analyse beginnen: Die Großfusionen des vergangenen Jahrzehnts - von den 16 DGB-Gewerkschaften blieb nur die Hälfte übrig - waren falsch. Sie erschienen als Ausweg aus Mitgliederschwund und Finanznot und wurden als Antwort auf die Megafusionen der Konzerne ausgegeben. Doch der Verlust an Klientel wurde nicht etwa gestoppt, sondern durch Seelenlosigkeit und innere Widersprüche der Apparate noch befeuert: Von 11,8 Millionen Mitgliedern Anfang der 90er Jahre blieben nur noch knapp 7,4 Millionen, allein 2003 gingen 330000 von Bord. Und wie in der Wirtschaft - Beispiel: Daimler-Chrysler - verzehren die Kolosse ihre Energie weitgehend im Handling interner Probleme.

Größter Gewerkschaftskonzern der Welt ist krisengebeutelt

"Dass man neue Gewerkschaften nicht am Reißbrett konstruieren darf, dass Mitglieder sich nicht verschieben lassen wie Aktienpakete, darüber werden manchen Funktionären noch die Augen aufgehen", schrieb 1998 der stellvertretende GEW-Vorsitzende Heinz Putzhammer. Musterfall: Verdi. Den Funktionären der aus fünf Organisationen zusammengenagelten Dienstleistungsgewerkschaft sind die Augen aufgegangen. Der größte Gewerkschaftskonzern der Welt ist krisengebeutelt, seit der Fusion 2001 lebt er von der Substanz: 250000 verlorene Mitglieder; 66 Millionen Euro Verlust 2003, 71 Millionen im Jahr zuvor; knapp 1000 der mehr als 4000 Beschäftigten sind überzählig. Resultat: fünf Prozent Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich und ein halbes Jahr fünf Prozent weniger Gehalt als Zwangsdarlehen für den Arbeitgeber.

Ein Notprogramm, das die Sozialdemagogie der Gewerkschaften als pure Heuchelei entlarvt. Wie auch die Weigerung, mit dem Verband der Gewerkschaftsbeschäftigten Tarifverhandlungen zu führen. Man dealt lieber mit dem Betriebsrat - der darf schließlich nicht zum Streik aufrufen. Genau das aber möchten die Gewerkschaften den Firmen verweigern. "Das geltende Recht schließt aus gutem Grund aus, dass Betriebsräte und Arbeitgeber über tariflich geregelte Arbeitsbedingungen verhandeln können. Sonst würde der Erpressbarkeit von Betriebsräten Tür und Tor geöffnet", tönt der DGB - Scheinheiligkeit par excellence. Der Trend aber führt längst zu betrieblichen Lohnvereinbarungen. Im Westen, schätzt Industriepräsident Michael Rogowski, sind nur noch 50 Prozent der Betriebe und 60 bis 70 Prozent der Belegschaften von Tarifverträgen erfasst, im Osten gar nur 15 Prozent der Firmen und 40 Prozent der Arbeitnehmer. Regieren Union und FDP in Berlin, könnte das System endgültig fallen.

Die Mega-Gewerkschaften, wasserköpfig und im Basisapparat personell ausrasiert, sind aber gar nicht in der Lage, allerorten an der Seite der Betriebsräte Lohnverhandlungen zu führen - und notfalls betriebliche Streiks zu organisieren. Sie sind draußen, während die Arbeitgeberverbände tariffreien Betrieben routiniert Hilfe anbieten. Gewerkschaften mit Zukunft müssten dezentralisierte Dienstleistungsagenturen sein: für Arbeitnehmer, etwa durch ergänzenden Versicherungsschutz bei Jobverlust, wie für Betriebsräte, durch Assistenz bei Verhandlungen. Graswurzel-Gewerkschaften mit breitem Geflecht und schmalem Blattwerk. Das aber hieße, die Apparate vollständig umzukehren, vom Kopf auf die Füße zu stellen. Eine Radikalreform, fast schon eine Revolution.

Hans-Ulrich Jörges print

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