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"Dr. Sommer" im Interview: "Penisse, die Verschiedenes vorhaben"

Martin Goldstein hat als "Dr. Sommer" Generationen von Jugendlichen aufgeklärt. Als der Psychotherapeut 1969 damit anfing, war das Thema Sex mehr als ein Tabu - ein Interview.

Herr Goldstein, der 68er-Generation wird nachgesagt, sie habe die Sex-Revolution ausgelöst und die sexuelle Befreiung ermöglicht. Hat sie?

Das wäre schön, wenn es so wäre. Das ist zwar nicht eingetreten, aber immerhin hat sie die Freiheit bewirkt, das Sexuelle ins Gespräch zu bringen.

Wie das?

In den Generationen vorher war Sex ein Tabuthema. Es gab sie nicht einmal - beziehungsweise es durfte sie nicht geben. Und wenn, dann vorwiegend in Form von Warnungen, Drohungen und negativen Informationen. Man hatte ja nicht einmal eine Sprache für Sex. Wörter wie Glied, Scheide, Hoden - die gab es nicht. Und so etwas wie Selbstbefriedigung schon gar nicht. Das haben die 68er durchbrochen. Die haben zwar auch keine große Sprache dafür erfunden, außer den bekannten paar Sprüchen, ...

... wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment ...

... zum Beispiel, ja. Doch trotz dieser Sprachlosigkeit haben sie viel bewirkt. Allein schon dadurch, dass deren Tabubruch keine Rückkehr mehr in die bleierne Zeit davor ermöglichte.

Gebührt den 68ern der alleinige Verdienst? Schon vorher gab es Versuche, sich dem Thema Sexualität sachlich zu nähern.

Das fing schon mit den Kinsey-Reports in den 50er Jahren an. In den 60er Jahren erschienen die ersten Aufklärungsbücher, vor allem in Schweden, die in einem erzählenden und wohlwollenden Ton den Jugendlichen die Sache näherbrachten. Und dann kamen 1969 Kentler, Bittner, Scarbath, Gerds, Goldstein, Hoppe, damals sehr bekannte Pädagogen, die das Buch "Für eine Revision der Sexualpädagogik" veröffentlich haben. Darin haben wir erstmals wissenschaftlich in Worte gefasst, wie man die Kommunikation über Sex ändern könnte. 1971 habe ich dann mein zweites Buch herausgebracht, das als das erste Aufklärungsbuch galt und welches erstmals Fotos zeigte - anstelle von Strichzeichnungen. Das war schon eine Art Revolution. So etwas wurde damals alles möglich.

Wie sind denn die Menschen damals überhaupt aufgeklärt worden?

Erstens gar nicht. Man hat sich mit gleichaltrigen unterhalten. Nur: Die wussten es ja meist auch nicht besser. Die Eltern waren auch nicht unbedingt eine große Hilfe, deren Fähigkeit mit ihren Kindern über Sex zu sprechen, gibt es ja bis heute nicht. Andere Erwaschene sind besser geeignet. 1969 hat die damalige Gesundheitsministerin Käte Strobel dann den Sexualkundeatlas herausgegeben - als Beginn der systematischen Sexualerziehung. Der war damals und ist auch heute noch umstritten, vor allem weil nur Fakten und Wissen vermittelte wurde - anstelle über Erlebnisse zu sprechen.

Und da haben Sie 1969 mit der Dr. Sommer-Rubrik begonnen?

Genau. Wir haben es damals in zweierlei Form gemacht, einmal mit den Briefen bei Dr. Sommer, und anderseits mit Dr. Alexander Korff, der sich immer nur einem Thema angenommen hat. Wichtig war uns, dass wir Erlebtes berichten und besprechen, ohne zu werten oder zu schimpfen. Diese Struktur war neu und gab es damals nicht. Unsere Erlebnisebene war weder im Sexualkundeatlas noch in meiner Vorgängerrubrik "Knigge für Verliebte" vorhanden. Das war nur Richtlinienpädagogik von der Stange: Was ist gut, was böse, was ist sündig, was tut man und was nicht?

Was war denn böse und sündig?

Ich hatte in der "Bravo" etwas über Selbstbefriedigung geschrieben. Dass sie völlig normal und keine Sünde sei, und nicht krank mache, vor allem aber stand da drin: Auch Erwachsene onanieren. Den Beitrag hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährende Schriften sofort indiziert. Als Grund haben sie den schönen Satz geschrieben: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

Haben sich die sexuellen Bedürfnisse nach 1968 geändert? Oder hat man sie zumindest anders formuliert?

Nun ja, früher wusste man eben wenig, heute, technisch, fast alles. Aber das Wissen der Jugendlichen entspringt selten den eigenen Erfahrungen, sondern aus dem Fernsehen, aus Zeitschriften oder der Musik. Der Zwang, sich sexuell unterdrücken zu müssen ist mittlerweile weg. Das ist hat sich ungekehrt. Mittlerweile gibt es den Zwang sich sexuell betätigen zu müssen.

Es gibt also weiter Aufklärungsbedarf?

Ja. Das liegt vor allem an der Art der Kommunikation, die wir pflegen. Wir sind eine individualistische Gesellschaft, da geht es um den Einzelnen und weniger um die Beziehungs- also Liebesfähigkeit. Zu jeder Beziehung aber gehört Kommunikation. Das strahlt mehr aus als das Praktizieren von Sex. Es liegt aber auch an der herausgehobenen Stellung der Männer, deren Vorstellung von Sexualität mehr genital ist als das Ganzkörpergefühl der Frauen. Das würde auch zur Kommunikation gehören.

Das stützt die These nach der es den hauptsächlich männlichen "Revoluzzern" damals vor allem darum ging, mit möglichst unverbindlich mit möglichst vielen Frauen zu schlafen.

Ein typisches Phänomen war das Buch "Sex-Front" von Günter Amends Buch aus dem Jahr 1970. Es war sehr männlich: Die Randzeichnungen zeigen vor allem Penisse, die Verschiedenes vorhaben. Schon Wilhelm Reich (Begründer der Körperpsychotherapie, Red.) wollte deutlich früher von der männlichen Sexualität weglenken, hin auf die Beziehung zwischen den Menschen. Sein Werk ist heute immer noch aktuell. Sinngemäß sagte er: Habt Kontakt mit den Frauen und vögelt nicht nur herum.

Viele Homosexuelle haben sich mit den Idealen der 68er schwer getan. Haben denn Minderheiten wie Schwule, Lesben oder Transsexuelle dennoch von deren Bewegung profitiert?

Ja, der Anfang mit all den Tabus zu brechen wurde von den 68er bestärkt. Und die so genannten Vorbehalte gegen Sex die dahinter standen, wurden plötzlich wertlos. Der Mut, etwas Drastisches zu machen, wurde damals ernorm gefördert. So hat die Evangelische Kirche 1971 eine Denkschrift verfasst, in der Homosexualität als normales menschliches Verhalten bezeichnet wird. Diese Auffassung hat sich dann ja in viele gesellschaftlichen Schichten verzweigt - auch wenn es etwas länger gedauert hat.

Wo steht denn die Sexualität heute? Gibt es noch was zu tun?

Weniger im sexuellen Bereich als wie gesagt in der Kommunikation. Die Ich und Du-Beziehung, also die Art und Weise wie man miteinander fühlt und spricht sowie vor allem, das man miteinander sprechen muss, ist in der Gesellschaft noch nicht durchgedrungen. In der Politik als auch im zwischenmenschlichen Bereich ist es üblicher, lautstark auf die Mängel der Anderen zu verweisen, damit man sich die eigenen nicht eingestehen muss. Das ist Gewalt statt Kontakt.

Interview: Niels Kruse
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