Die Geschichte der Deutschen Neue Ahnen braucht das Land


Wir lieben das Mittelmeer und die Brücken von Prag. Wir fühlen uns als Europäer - kein Wunder, genau das waren wir schon immer. Ein Rückblick auf prägende Zeiten.

Zum Beispiel Franz Kafka. Der Versicherungsjurist, Sohn einer jüdischen Familie, der an der Deutschen Universität Prag studiert hatte, war erst österreichischer, ab 1918 tschechoslowakischer Staatsbürger. Seine Werke - er war einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts - schrieb er auf Deutsch. Ist er Deutscher?

Und wie steht es um Karl den Großen, den Prototyp eines deutschen Kaisers? Die Franzosen nennen den Frankenherrscher Charlemagne und sehen ihn mit Recht als Ahnherrn auch ihrer Nation.

Oder der Staufer Friedrich II., war er Deutscher? Es ist gesichert, dass er fließend Arabisch, Griechisch, Italienisch parlierte, aber nicht, ob er Deutsch beherrschte. Dabei war er gekrönter deutscher Kaiser, obschon er sich lieber in Italien als nördlich der Alpen aufhielt. Auch so ein Mann schrieb nationale Geschichte.

Und heute Gerald Asamoah, auf-gewachsen bis zum 12. Lebensjahr in Ghana und das Gegenteil eines blonden, blauäugigen Germanen. Ist der Nationalspieler deswegen etwa kein richtiger Deutscher?

Es wird schnell spannend und widersprüchlich, wenn man fragt, wer eigentlich ein Deutscher ist, was überhaupt Deutschland ist. So spannend und widersprüchlich, wie es die Geschichte dieser Nation im Herzen Europas ist.

Eine Geschichte, die um Christi Geburt mit dem Sieg germanischer Heerhaufen über römische Legionen in den Wäldern und Sümpfen Norddeutschlands beginnt und unsere Vorfahren zwar frei, jedoch ein paar Jahrhunderte zivilisatorisch minderbemittelt und hoffnungslos zerstritten zurücklässt.

Als im Mittelalter ein christliches Reich entsteht, das sich politisch und sprachlich grob mit dem deckt, was heute Deutschland ist, heißt es Heiliges Römisches Reich. Seine Herrscher wollen mehr sein als deutsche Könige und mit dem Besitz Italiens das Erbe des antiken Imperiums antreten. Sie übernehmen sich, und das geschwächte Reich fällt allmählich auseinander. Die Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten beschleunigen den Zerfall. An deutschen Gemeinsamkeiten bleiben die Sprache, ein schwacher Kaiser und sonst nicht viel mehr übrig.

Die Schwäche des Reichs hat ihre Vorteile: Der Flickenteppich aus Hunderten mehr oder minder souveräner Staaten und Herrschaften ist zu Großmacht-Gehabe gar nicht fähig. Und Nationalismus ist ihm fremd: Die Tschechen im Königreich Böhmen gehören zur Reichsfamilie wie lange Zeit die französischen Lothringer. Die Hugenotten, aus Frankreich vertrieben, werden in Preußen integriert.

1806 stirbt das alte Reich. Napoleon siegt in Europa und mit ihm die Idee des Nationalstaats. Erst danach fängt man bei uns an, "Deutschland, Deutschland über alles" zu singen. "Von der Maas bis an die Memel. Von der Etsch bis an den Belt." Doch als es 1871 dann klappt mit dem ersten deutschen Nationalstaat, ist er ein erweitertes Preußen. Österreich, nach Bismarcks Willen in einem Bruderkrieg besiegt, ist draußen, und zwölf Millionen Deutsche sind es damit auch.

Das zweite Deutsche Reich ist wirtschaftlich erfolgreich und politisch laut. An der Schwelle zur Moderne - 1905 formuliert Albert Einstein die Relativitätstheorie - produziert es eine eigentümliche Mischung aus Vergangenheitsverklärung und Weltmachtstreben. Das Germania-Denkmal wird gebaut und eine hochgerüstete Schlachtschiff-Flotte. Kaiser Wilhelm II. gibt die Losung aus: "Wo der deutsche Aar seine Fänge in ein Land geschlagen hat: Das Land ist deutsch und wird deutsch bleiben!"

Zur geistigen Aufrüstung dient auch ein neues Geschichtsverständnis. Der Lauf der Dinge wird nun im Nachhinein so interpretiert, als hätten die Germanen schon unter Arminius für das Deutsche Reich gefochten. Die Nazis perfektionierten die Legende.

Die Frage nach der deutschen Schuld im Hitler-Staat hat völlig zu Recht seit 1945 unsere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beherrscht. Der Blick zurück öffnet aber noch weitere Horizonte. Aus dem wiedervereinigten Deutschland, in dem eine ehemalige FDJ-Funktionärin Bundeskanzlerin ist, das Absingen des Deutschlandlieds kein revanchistischer Akt mehr und in dem ein ebenholzfarbener Fußballer zur Begeisterung aller für Schwarz-Rot-Gold Tore schießt, betrachten wir unsere Vorfahren nicht mehr nur als ewige Abfolge teutonischer Recken, ja selbst ihr Name ist nur ein Zufall der Geschichte. Denn wohl nur, weil es römischen Schreibern zu kompliziert war, zwischen Chatten, Cheruskern, Brukterern, Tenkteren und so weiter zu unterscheiden, gaben sie der ganzen Völkerschar den Namen eines der kleinsten Stämme: Germanen.

Teja Fiedler print

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