HOME

Lodz: Die zwei Seiten des Ghettos

Henryk Ross, selbst Jude, hat von 1940 bis 1944 im Ghetto von Lodz fotografiert. Mit Glück überlebte er den Holocaust. Einen Teil der Bilder versteckte er, nun werden sie erstmals in Deutschland veröffentlicht.

Die Kamera von Henryk Ross war gedacht als Werkzeug zur reibungslosen Kontrolle der Bewohner des Ghettos im polnischen Lodz. Ross fotografierte von 1940 bis 1944 für die jüdische Selbstverwaltung, die im Auftrag der Nazis handelte. Er machte vor allem Porträtaufnahmen für die Ausweise der Ghettobewohner. Aber der junge Fotograf - selbst Jude - schaffte es, auch den Alltag der zeitweise rund 200 000 Bewohner des Ghettos zu dokumentieren. Für diese Bilder ohne jeden Auftrag riskierte er oft sein Leben. Sie zeigen das Leiden und Sterben im Ghetto.

Doch Ross nahm dort auch ganz andere Fotos auf, Bilder von wohlgenährten Kindern, von Liebespaaren und durchtrainierten Sportlern. Zwischen all dem Grauen gab es -für einige wenige - Kaffee und Kuchen. Jetzt sind viele dieser Aufnahmen erstmals in einem Fotoband erschienen ("Lodz Ghetto Album", zu bestellen über www.schaden.com).

Wer solche Bilder betrachtet, fragt sich unwillkürlich: Wie konnte es so etwas geben? Auf den ersten Blick passen sie nicht zu unserer Vorstellung vom industrialisierten Massenmord an den Juden. Erst wer genauer hinsieht, entdeckt, dass sich in der scheinbaren Lebensfreude oft Elend und Not ausdrücken.

Die Juden in Polens zweitgrößtem Ghetto mussten ihre Ausbeutung selbst organisieren. An der Spitze der Selbstverwaltung stand Chaim Rumkowski - ein Autokrat, der eine bis heute umstrittene Strategie verfolgte. Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat sie einmal so beschrieben: Um dem Henker zu entkommen, mussten die Juden ihm helfen. Um zu überleben, mussten sie nützlich für die Deutschen sein. In diesem Glauben trieb Rumkowski die Bewohner an, so viele Wehrmachtsuniformen zu nähen wie nur möglich. Er und seine Helfer taten, was die Deutschen wünschten. Auch als die Transporte in die Todeslager begannen. 1942 appellierte Rumkowski gar an die Ghettobewohner: "Gebt mir eure Kinder" - um sie in den Tod zu schicken. Denn die Deutschen forderten deren Deportation, ebenso wie die der Alten und Kranken.

Rumkowski setzte darauf, durch Kollaboration die Auflösung des Lagers hinauszuschieben, bis die Rote Armee es befreien würde. Sein Kalkül ging nicht auf. Im August 1944 wurde das Ghetto geräumt, Zug um Zug rollte in die Vernichtungslager. Als russische Soldaten die Ruinen im Januar 1945 erreichten, trafen sie nur auf einige hundert versprengte Ex-Bewohner. Rumkowski selbst war kurz zuvor in Auschwitz getötet worden. Insgesamt überlebten nur etwa 10 000 Bewohner des Ghettos.

Rumkowski und seine Helfer hatten sich mit ihrer Kooperation kleine Vorteile erkauft, manchmal sogar ein wenig Luxus. Gerade der Fall des Fotografen Ross, der 1991 in Israel gestorben ist, macht deutlich, dass es keine eindeutige Trennung zwischen Aufbegehren und Kollaboration gab. Ross arbeitete für das Statistikamt des Ghettos. Das gleiche Amt, das unter jüdischer Regie Listen für die Transporte in die Todeslager zusammenstellte. Aber Ross war zugleich im Widerstand. Er hatte den Mut, Deportationen zu fotografieren, Tote in den Straßen, verzweifelte Kinder, die im Dreck nach Lebensmitteln wühlen. "Ich wollte einen historischen Bericht über unser Martyrium hinterlassen", schrieb er 1987.

Als das Ghetto liquidiert wurde, vergrub Ross Bilder und Dokumente. Nur durch Glück überlebte er. Nach dem Krieg konnte er Tausende Negative bergen. Er veröffentlichte nur jene Fotos, die den Schrecken zeigen. Aber er hatte die Stärke, die anderen Bilder nicht zu zerstören. Sein Sohn überließ sie vor einigen Jahren dem Londoner Archive of Modern Conflict.

"Krieg und Völkermord

machten einen Helden aus ihm", schreibt der Historiker Thomas Weber in der Einleitung des Bildbandes über Ross. "Sein Leben stand für den moralischen Sieg des Guten über die Kräfte des Bösen." Und dann fragt er angesichts der neu aufgetauchten Fotos: "Ist das die ganze Geschichte?"

Zumindest ein Aspekt kommt hinzu. Er ist nicht neu, aber in Ross' Bildern eindrucksvoll dokumentiert: In Leid und Not können sich menschliche Beziehungen ebenso auflösen wie verstärken. Elend kann Solidarität erzeugen, aber auch Egoismus. Den relativen Luxus der jüdischen Oberschicht im Ghetto bezeichnete Elie Wiesel als ärgerlich und abstoßend. Aber auch die pummeligen Kinder und scheinbar unbeschwerten Liebenden auf Ross' Fotos sind Opfer geworden. Die meisten von ihnen starben in Auschwitz oder Chelmo. Bei manchem hatte der Holocaust die Seele lange vor dem Körper zerstört. Auch das lässt sich aus einigen Aufnahmen herauslesen, wenn man weiß, wann und wo sie entstanden sind.

Stefan Schmitz / print
Themen in diesem Artikel