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NS-Zwangssterilisation: Der "Erbgesundheitsrichter"

Rund 400 000 Menschen wurden im Dritten Reich zwangssterilisiert. Wie die meisten NS-Mediziner wurde auch der Psychiater Werner Villinger nie vor Gericht gestellt. Stattdessen brachte er es zum Rektor und erwarb das Große Bundesverdienstkreuz.

Als Chefarzt der Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld schickte der Psychiater Werner Villinger (1887-1961) in der NS-Zeit Behinderte zur Zwangssterilisation. Als Sachverständiger des Bundestagsausschusses für Wiedergutmachung wandte sich der Mediziner später vehement gegen eine finanzielle Entschädigung der Opfer. Mit den Zwangssterilisationen so genannter "erbkranker" Menschen durch die Nationalsozialisten begann vor 70 Jahren ein beispielloses Medizinverbrechen. Rund 400 000 Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche wurden Historikern zufolge zwischen 1934 und 1945 zwangsweise unfruchtbar gemacht. Auf ihre offizielle Rehabilitierung warten die Opfer noch heute.

"Das Nazi-Gesetz, mit dem ihr Leid begann, ist vom Bundestag bis heute nicht für nichtig erklärt worden", sagt Margret Hamm, Geschäftsführerin des Bundes der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten in Detmold.

"Auch unangepasste Menschen waren betroffen"

Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Es bildete die Grundlage für die Eingriffe an Behinderten und psychisch Kranken, Gehörlosen, Blinden oder Alkoholsüchtigen. "Auch unangepasste Menschen waren betroffen", sagt die Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann von der Universität Jena.

An den so genannten "Erbgesundheitsgerichten" entschieden von den Nazis ausgewählte Mediziner über die Sterilisation, speziell ermächtigte Ärzte führten sie aus. Allein in Thüringen wurden rund 16 000 Menschen zwangssterilisiert.

Gutachter während der NS-"Euthanasie"

Werner Villinger meldete nach Erkenntnissen von NS-Forschern von 1934 bis 1936 insgesamt 2854 Bewohner der Bodelschwinghschen Anstalten zur Zwangssterilisation. Von 1937 an entschied er als "Erbgesundheitsrichter" im westfälischen Hamm selbst über die Eingriffe. Damit empfahl er sich für Höheres: Während der NS-"Euthanasie" schickte er ab 1941 als Gutachter Behinderte zur Ermordung in die Gaskammern, was kurz vor seinem Tod 1961 öffentlich wurde.

Wie die meisten NS-Mediziner wurde Villinger nie vor Gericht gestellt. Im Entnazifizierungsverfahren als "entlastet" eingestuft, brachte er es stattdessen in der Bundesrepublik zum Rektor der Universität Marburg und zum Großen Bundesverdienstkreuz. Die finanzielle Entschädigung seiner Opfer tat er Historikern zufolge am 13. April 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung als "Entschädigungsneurosen" ab. Erst 1998 hob die Bundesrepublik die Beschlüsse der Erbgesundheitsgerichte offiziell auf.

Zwangssterilisierte nicht als NS-Verfolgte anerkannt

"Trotzdem gelten Zwangssterilisierte bis heute nicht als NS-Verfolgte", kritisiert Margret Hamm. In Westdeutschland durften sie erst 1980 eine Einmalzahlung von 5000 Mark als Entschädigung beantragen. "Nur 14 000 Betroffene haben eine solche Zahlung tatsächlich erhalten." Die DDR strich die Zwangssterilisierten 1952 aus der Liste der NS-Verfolgten und nahm ihnen damit jeden Anspruch auf Entschädigung. Im vereinigten Deutschland haben die Opfer seit 1990 Anspruch auf eine bescheidende monatliche Beihilfe von derzeit rund 61 Euro.

Die wirtschaftliche Situation der Zwangssterilisierten ist schlecht", weiß Margret Hamm. "So genannte Erbkranke" wurden in der NS-Zeit ja auch von jeder weiterführenden Schule ausgeschlossen, nach dem Krieg erhielten sie deshalb oft nur schlecht bezahlte Hilfsjobs." So seien viele der geschätzten fünf- bis zehntausend heute noch lebenden Betroffenen auf Sozialhilfe angewiesen oder müssten mit einer "ganz kleinen Rente" auskommen. Vor allem aber litten sie psychisch unter dem Leid, das ihnen angetan wurde.

Katrin Zeiß / DPA