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Wackersdorf: Blutige Schlachten gegen den "WAAhnsinn"

In den 80er Jahren war Wackersdorf bundesweit das Zentrum des Widerstands von Kernenergie-Gegnern. Bis zu 70 000 Menschen strömten zu den Demonstrationen gegen den "WAAhnsinn", darunter viele gewaltbereite Autonome.

Wo es einst blutige Schlachten am Bauzaun gab, knattern heute Freizeit-Rennfahrer um die Kurven. In der 5000- Seelen-Gemeinde Wackersdorf in der Oberpfalz ist in den vergangenen Jahren ein für die Größe des Ortes riesiges Gewerbegebiet entstanden. Dort haben sich nicht nur zahlreiche Firmen angesiedelt, es werden auch PS-Fans zu einer der größten deutschen Kart-Rennstrecken gelockt. Zu verdanken hat dies die Gemeinde der ehemals in Wackersdorf geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA).

In den 80er Jahren war Wackersdorf bundesweit das Zentrum des Widerstands von Kernenergie-Gegnern. Die deutschen Energiekonzerne wollten in dem ehemaligen Braunkohlerevier eine Anlage zur Aufarbeitung verbrauchter Brennelemente errichten, etwa zehn Milliarden Mark hätte der Bau verschlungen. Die Ankündung des Projektes führte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Bis zu 70 000 Menschen strömten zu den Demonstrationen gegen den "WAAhnsinn", darunter viele gewaltbereite Autonome. Brennende Autos auf der einen Seite waren ebenso an der Tagesordnung wie Wasserwerfer mit Tränengas auf der anderen.

Rund 3400 Strafverfahren gegen Atomgegner

1986 tobten die schlimmsten Auseinandersetzungen an dem 4,8 Kilometer langen Sicherheitszaun rund um das WAA-Areal. Hunderte Menschen wurden verletzt, ein Polizist starb bei einem Hubschrauberabsturz. Die Krawalle beschäftigten jahrelang die Gerichte: Erst Mitte der 90er Jahre wurde der letzte WAA-Fall abgeschlossen, bis dahin hatte es rund 3400 Strafverfahren gegen Atomgegner gegeben.

Der Schwandorfer Ex-Landrat Hans Schuierer hebt hervor, in der Bevölkerung habe es damals eine breite und friedliche Protestbewegung gegeben. "Es waren ja nicht nur Chaoten da, wie das dargestellt wurde", sagt der SPD-Politiker, der damals in vorderster Reihe der WAA-Gegner stand. Seine Behörde verweigerte dem Projekt die Baugenehmigung, woraufhin der bayerische Freistaat die Planung an sich riss und das Landratsamt quasi entmachtete. Noch immer spricht Schuierer von "Atommafia" und prangert die Technik an. "Wenn es darauf ankäme, würden die Bürger heute genauso gegen so eine menschenverachtende Plutoniumfabrik kämpfen wie damals."

Im Mai 1989 legten die deutschen Stromunternehmen das umstrittene Großprojekt zu den Akten. Die Konzerne bringen seitdem ihre Brennelemente in die Wiederaufarbeitungsanlagen im britischen Sellafield oder in La Hague in der Normandie. Für die Firmen wurde die WAA zum größten Flop ihrer Geschichte. Sie setzten nicht nur 300 Millionen Mark im Taxöldener Forst bei Wackersdorf in den Sand, sondern mussten zusammen mit dem Bund und dem Land Bayern insgesamt fast 1,5 Milliarden Mark an "Wiedergutmachung" zahlen. Mit den Mitteln wurde das große Industriegebiet erbaut, in dem unter anderem BMW einen Innovationspark errichtet hat.

"Ein guter Tausch"

"Heute haben wir 3500 Arbeitsplätze im WAA-Gelände und dazu noch weitere bei Zuliefererfirmen", berichtet Altlandrat Schuierer. Bei der WAA hätten höchstens 1600 einen Job gefunden, sagte er. "Das war also ein guter Tausch, es hat sich wirklich gelohnt."

14 Jahre nach dem Aus für das Projekt haben sich die meisten der ehemals zahlreichen Protestgruppen aufgelöst. Lange nach dem WAA-Ende kam es bei den Atomgegnern jedoch noch zu einem heftigen Streit um das rund 200 Aktenordner und mehrere tausend Dias umfassende Archiv einer Bürgerinitiative aus Schwandorf. Das Anti-WAA-Archiv mit Flugblättern, Zeitungsartikeln und Schriftwechsel wurde ausgerechnet an den bayerischen Staat übergeben, den die WAA-Gegner wegen der Unterstützung des Atomprojektes einst zum Intimfeind erklärt hatten. Die Unterlagen lagern nun im Staatsarchiv Amberg.

Ulf Vogler/DPA

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