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ZEITZEUGE: Eine Frau für die »Tagesschau«?

Dagmar Berghoff erinnert sich an den Anfang ihrer Karriere als Tagesschausprecherin.

Mai 1976, morgens kurz nach zehn. Ich moderiere gerade die damals sehr beliebte Radiosendung »NDR 2 von 9 bis halb eins«. Ein Kollege ruft ins Studio: »Telefon für dich, Karl-Heinz Köpcke.« Er hätte auch sagen können »Hollywood für dich«, das wäre zu der Zeit der gleiche Joke gewesen.

Karl-Heinz Köpcke war der unnahbare Megastar der »Tagesschau«, die Inkarnation aller Nachrichtensprecher, einer, der sich unmöglich für eine kleine Moderatorin und Fernsehansagerin interessieren konnte. Doch er war's leibhaftig: »Sie haben eine ganz angenehme Stimme«, sagte er, »sehen Sie denn auch einigermaßen aus? Wir wollen Sie für die 'Tagesschau' testen.«

Eine Frau für die »Tagesschau«? Unvorstellbar! Im ZDF hatte zwar Wibke Bruhns fünf Jahre zuvor als allererste Sprecherin »Heute« präsentiert, aber nach anderthalb Jahren aufgehört. Danach blieb das Nachrichtengeschäft wieder reine Männersache. Im Grunde war auch Köpcke überzeugt, daß eine Frau bei traurigen oder entsetzlichen Meldungen in Tränen ausbrechen daß zumindest ihre Stimme zittern würde, kurz, daß keine Frau imstande wäre sachlich, objektiv, fast emotionslos das Weltgeschehen über den Bildschirm zu bringen.

Immerhin, es klappte, ich wurde engagiert, und am 16. Juni hatte ich bei den Nachmittagsnachrichten mit einer Meldung über die Entführung eines amerikanischen Diplomaten im Libanon Premiere. Obwohl das Team mich sehr freundlich aufnahm, fühlte ich mich in den ersten Monaten immens unter Druck. Ich hatte das Gefühl besonders gut und perfekt sein zu müssen und auf Anhieb die gleiche fehlerlose Leistung bringen zu müssen wie meine männlichen Kollegen - um für uns Frauen ein für allemal den Weg zu ebnen für diesen Beruf.

Es dauerte, bis nicht bei jedem kleinen Verhaspler, bei einer falschen Betonung die Welt für mich zusammenbrach und ich Stunden brauchte, um innerlich wieder ruhig zu werden. Zum Glück hatte ich immer starke Nerven - ohne die hätte ich diesen Beruf nie ergreifen können - , so daß man mir äußerlich mein Herzklopfen nicht anmerkte bei einer unpassenden Pauseneinlage wie: »Helmut Kohl eröffnete die Internationale Automobilausstellung. Anschließend brach der Kanzler. Äh,... zu einem Rundgang auf.« Oder mein »verdrehter« Ausflug in die Luftfahrt: »Die Größe der neuen Rüsendüsen ist erstaunlich...äh, nein...Düsenrüsen...nein...Düsenriesen ist erstaunlich.«

Lustig ist so was erst im nachhinein. Dann lacht man natürlich selber und speichert die Panne im beruflichen Anekdotenschatz; zusammen mit der berühmten Studiofliege, die auch bei mir einmal herumschwirrte, sich aber glücklicherweise knapp neben das Blatt und nicht mitten darauf setzte. In der Sekunde, wo so etwas passiert rauscht einem nur das Blut durch den Körper, man will da heil wieder rauskommen und hat keinerlei Sinn für die Komik der Situation. Die »Tagesschau« wird ja niemals vorher aufgezeichnet, sondern immer live gesendet. Man kann also nichts von dem zurücknehmen, was gerade über den Bildschirm läuft: die Reaktion auf technische Pannen, auf einen zerberstenden Scheinwerfer, auf eigene Fehler. Andererseits ist das die einzige Möglichkeit, etwas »menschlicher« zu sein beim ansonsten sachlichen Nachrichtenton.

Wenn ich mir heute die »Tagesschau« von vor 20 Jahren anschaue, fällt mir auf, daß wir Sprecher damals sehr viel mehr zu tun hatten. Wir waren fast die Hälfte der Sendezeit im Bild. Heute ist die Sendung sozusagen »schneller« geworden zwei Drittel sind Filmeinspielungen oder Korrespondentenberichte, die Sätze der Sprecher sind kürzer, die Sprache ist moderner und weniger offiziell. Geblieben ist das Blatt von dem wir lesen im Gegensatz zu den Moderatoren die mit dem Teleprompter arbeiten. Dabei wird der Text von der Kamera abgelesen, was durch den ständigen Blickkontakt zum Zuschauer persönlicher wirkt. Trotzdem halte ich das Blatt für die ehrlichere Art, die vielen unterschiedlichen Meldungen, Daten, Zahlen und Namen sachlich zu präsentieren. Wir »Tagesschau«-Sprecher sind allerdings inzwischen die einzigen in der gesamten Fernsehlandschaft die nur das Blatt benutzen - und auch bei uns wird sich das wohl demnächst ändern. Ich war damals die erste Frau in der »Tagesschau«, seit drei Jahren bin ich die erste Chefsprecherin. Frauen haben sich durchgesetzt im Nachrichtenwesen. Wenn das Karl-Heinz Köpcke noch miterlebt hätte ».

DAGMAR BERGHOFF. ERSTE »TAGESSCHAU«-SPRECHERIN.

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