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Podcast "heute wichtig" Klimaschützer kleben sich auf die Straße – ist das noch Aktivismus oder schon ziviler Ungehorsam?

Eine Klimaaktivistin der "Letzte Generation" wird von einem Polizisten von der Autobahnabfahrt in Berlin gezogen
Alles für den Klimaschutz: Eine Aktivistin der "Letzten Generation" wird von einem Polizisten von der Autobahn in Berlin gezogen.
© Paul Zinken / DPA
Immer wieder kleben sich Aktivist:innen auf Autobahnen fest, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Das nervt Menschen im Auto, kann aber einen gewissen Nutzen haben, meint stern-Redakteur Jonah Lemm. 

Die meisten Menschen in Deutschland fahren immer noch mit dem Auto zur Arbeit – und verbringen dadurch auch unfreiwillig viel Zeit darin. 2021 haben Pendlerinnen und Pendler im Durchschnitt 40 Stunden im Stau verbracht, 14 Stunden mehr als noch 2020. Diese Zahlen hat das Verkehrsanalyse-Unternehmen Inrix berechnet. Oft kann niemand was für den Stau, im Falle eines Unfalls zum Beispiel oder wenn zur Rush Hour morgens und abends schlicht viel Verkehr auf den Straßen ist. Wenn sich aber, wie diese Woche, Aktivist:innen auf die Autobahn kleben, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, haben viele Menschen wenig Verständnis. 21 Mitglieder der Gruppe "Letzte Generation" klebten sich rund um Berlin an verschiedenen Autobahn-Ausfahrten fest, andere Demonstrierende lösten Feueralarm im Bundestag und im Bundesverkehrsministerium aus. Die Klima-Aktivist:innen sagten dazu: "Die schallenden Sirenen verkünden das Offensichtliche: Wir befinden uns in einem Klima-Notfall und die Regierung hat die Pflicht, entsprechend zu handeln."

Ziviler Ungehorsam – eine Form des Protests  

Das ist nicht nur Protest, sondern ziviler Ungehorsam, sagt stern-Redakteur Jonah Lemm in der 380. Folge von "heute wichtig": "Für mich ist ziviler Ungehorsam ein vorsätzliches Brechen von Gesetzen mit einer moralischen Legitimation." Das können zum Beispiel festgeklebte Demonstrant:innen sein, oder auch mit "Fridays for Future" streikende Schulkinder. Diese Bewegungen können im Stau stehende Betroffene nerven. Sie haben die Gesellschaft aber auch positiv beeinflusst, so Lemm: "Es gab immer schon Formen von zivilem Ungehorsam, die am Ende dazu geführt haben, dass wir Positionen anerkannt haben als gesellschaftlichen Konsens." Beispiele: Die Frauenrechtsbewegung, Atomkraft-Gegner:innen oder die LGBTQ-Community.

Aktuell wenig Aufmerksamkeit für den Klimaschutz 

Dabei leidet im Moment insbesondere die Klimaschutz-Bewegung daran, dass andere Themen wichtiger erscheinen. Die Energiekrise zum Beispiel wirkt sich unmittelbar im Alltag vieler Menschen aus. Die Öffentlichkeit beschäftigt sich deshalb schlicht mit anderen Krisen wie dem Krieg in der Ukraine oder immer noch Corona, so Jonah Lemm: "Aktivismus lebt von Aufmerksamkeit. Das sind oft Minderheiten, die ihre Positionen durch besondere Protestaktionen artikulieren. Und wenn sie diese Aufmerksamkeit nicht bekommen, kann das im leeren Raum verpuffen." So haben es Aktivist:innen, die gerade in Lützerath für den Erhalt des Waldes kämpfen, schwerer als die Protestierenden 2018 im Hambacher Forst: "Letztendlich ist der erhalten geblieben. [...] Das wäre glaube ich niemals passiert, wenn es nicht zivilen Ungehorsam und die Aktivist:innen gegeben hätte, die dafür gekämpft haben", so Lemm.  

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mkb / les

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