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Professorin warnt Studenten: Von der Leyens Doktorarbeit ist ein gutes Beispiel - wie man nicht promovieren sollte

Von der Leyens Doktorarbeit nutzt der Wissenschaft: als Negativbeispiel. Die Medizinprofessorin Gresser erklärt ihren Doktoranden daran, was alles schief gehen kann - und wie es besser geht.

Von Alica Müller

Porträts von Ursula von der Leyen und Professor Ursula Gresser

Verteidigungsministerin von der Leyen muss momentan um ihren Doktortitel fürchten - die Professorin Ursula Gresser (rechts) verwendet ihre Dissertation schon als Negativbeispiel.

Dass es Ursula von der Leyen vielleicht lieber gewesen wäre, ihre Doktorarbeit wäre - wie bei so vielen anderen Studenten - nach der Promotion nie wieder gelesen worden, ist spätestens seit dem Wochenende klar. Nun aber wird ihr nicht nur vorgeworfen, plagiiert zu haben: Eine Professorin verwendet die Dissertation sogar als Negativbeispiel und verschickte sie an ihre Studenten.

Professorin erhielt Arbeit schon 2013 von Plagiatsjäger

Derzeit betreut die Münchner Internistin und Medizinprofessorin Ursula Gresser neun Mediziner auf dem Weg zur Doktorarbeit, 19 haben die  Promotion bereits erfolgreich bei ihr abgeschlossen. Am Montag schickte Gresser ihren aktuellen Kandidaten eine Mail. Inhalt: Wie man eine Dissertation nicht schreiben sollte - am Beispiel von Ursula von der Leyen. Die E-Mail können Sie hier im Wortlaut lesen.

Gressers Urteil über von der Leyens Dissertation ist vernichtend. "So etwas wäre bei mir nie durchgekommen“, sagte sie dem stern, "Die Hochschule in Hannover ist bei ihrer Entscheidung nicht zu beneiden – das kann man eigentlich nicht durchgehen lassen.“

Gresser kennt die Arbeit schon seit 2013, als Vroniplag-Gründer Martin Heidingsfelder  ihr die Promotion zuschickte - mit der Bitte, sie auf Plagiate zu prüfen. Aus Zeitgründen lehnte sie ab, sah aber gleich, dass etwas nicht stimmt: "Man sieht schon beim ersten Lesen Fehler und Unzulässigkeit."

Aufgebläht, schlecht gegliedert, falsch zitiert

In der Mail spricht Gresser von einer "aufgeblähten" Einleitung, schreibt von einer schlechten Gliederung und nicht gekennzeichneten Zitaten. "Es ist nicht ersichtlich, was die Doktorandin selbst gemacht hat", kritisiert sie. Es sei ein Fehler, Passagen aus Lehrbüchern einfach zu übernehmen. Zudem habe Urheberrechte verletzt, da sie Bilder in ihre Arbeit hineineinkopiert habe.

Die Schuld an der mangelhaften Arbeit gibt Gresser indes nicht von der Leyen, sondern ihrem Betreuern und Gutachtern: "Meines Erachtens nach wurde sie im Regen stehen gelassen." Sie vermutet sogar, niemand habe die Arbeit gelesen – "und das ist leider keine Ausnahme.“ In der Medizin gebe es oft schwache Doktorarbeiten, die "schnell zusammengeschrieben" werden und dann durchgewinkt werden. Bei von Leyen könnte auch der Name die Kritik gehemmt haben, spekuliert Gresser: "Es kann natürlich auch sein, dass es eine Rolle gespielt hat, dass sie die Tochter des Ministerpräsidenten ist."

Ursula Gresser ist außerplanmäßige Professorin der Ludwig-Maximilian-Universität in München und arbeitet als Gutachterin für Wissenschaftsjournale. Ihr fachlicher Schwerpunkt ist Rheumatologie und Innere Medizin. 2013 machte sie Schlagzeilen, als sie zum Fall Gustl Mollath twitterte und damit einen Polizeieinsatz auslöste.