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Backpacker Hostels: Gute Nacht, Berlin!

Die Hauptstadt boomt - zumindest bei den preisgünstigen Herbergen. Rund 20 Backpacker Hostels buhlen um junge Gäste, für die es Wichtigeres gibt als Komfort, zum Beispiel nette Zimmernachbarn.

Hanae Ohno, 24, sitzt im "Hostel Clubhouse", vor sich die "Leiden des jungen Werthers". Japan und Goethe - klar: ein Klischee. Aber gleich wird sie nach unten gehen, in die "Kalkscheune", und ein Bier aus der Flasche trinken, zu Hause in Saitama ein Unding. Hanae will Dirigentin werden, sie hat ihren Professor besucht, der jetzt in Leipzig lebt, doch was wäre eine Reise nach Deutschland ohne einen Ausflug nach Berlin? Im Juni will Hanae wiederkommen.Für Asiaten, Amis - nach dem 11. September 2001 nicht mehr in der Überzahl -, Kanadier, Australier, Skandinavier und Lateinamerikaner ist die deutsche Hauptstadt unverzichtbare Station auf der Route London-Amsterdam-Prag-Wien-Florenz-Barcelona. Und weil das Geld auf einer solchen Tour möglichst weit reichen soll, suchen die Reisenden nach günstigen Unterkünften, so genannten Backpacker Hostels, denn die meisten von ihnen sind unterwegs mit einem Backpack, einem Rucksack. Hier in Berlin finden sie Herbergen, in denen es ein Bett im Schlafsaal schon ab neun Euro gibt, knapp zwei Dutzend solcher Unterkünfte bietet die Stadt, so viele wie in Restdeutschland zusammen. Auch wenn die Euphorie der Betreiber längst zu einem Überhang von 2000 Betten geführt hat, hält der Trend an: Gerade hat in einer Platte am östlichen Stadtrand nach Londoner Vorbild der "Generator" aufgemacht: 850 Betten, dazu viel Neon und Alu.

Gebettet inmitten von Szene oder Chic

Backpacker haben die Wahl: vom kargen "Alcatraz" mit Minimalkomfort, aber mitten im Kiez am Prenzlauer Berg, bis zum feinen "The Circus" am Rosenthaler Platz, mitten in Mitte, wo die Neuankömmlinge auch mal im soeben erworbenen Globetrotter-Look einchecken. Schon kollidiert die Welt der Schlafsäle und Selbstversorgerküchen mit dem neuen Chic der Stadt. Das "Lette'm Sleep" am Helmholtzplatz, in einer eher finsteren Toreinfahrt gelegen, sieht sich von Trendlokalen umgeben, die Gäste klagen über die hohen Preise in der Nachbarschaft. Auch in der Friedrichstraße arbeiten sich Büropaläste und Shoppingpassagen, die ewig gleiche Berliner Mischung, immer weiter nach Norden vor und in die Chausseestraße hinein. Ein so attraktives Hostel wie "Mitte's Backpacker", eine ehemalige DDR-Hutfabrik, könnte die Begehrlichkeiten von Investoren wecken. Zum Glück macht die New Economy, vor kurzem noch gierig nach solchen Altbauten, gerade Pause, und so mancher Hausbesitzer, der von gestylten Büroetagen träumte, rettet sich mit einem Hostel vor dem Leerstand.

Berlin lockt die Globetrotter

Erfrischend, im Berliner Jammertal auf ausländische Besucher zu treffen, die von der Stadt fasziniert sind, der Kollision von Vergangenheit mit Kugellöchern und einer hastig aufgebauten Gegenwart, hier Reichstag mit den Inschriften der russischen Eroberer, dort Sony-Zeltdach. Mehr als Schinkel und Pergamonaltar locken die Tatorte jüngster deutscher Geschichte, Mauer, Bücherverbrennung und Führerbunker oder Erinnerungsstätten wie das Jüdische Museum. Taly, Alan und Alvaro, drei jüdische Chilenen, spüren dem Schicksal ihrer emigrierten Eltern bis nach Auschwitz nach. Peter Weißbach vom "Hostel Odyssee" hat Backpacker erlebt, die Ahnenforschung quer durch Europa bis ins ferne Irkutsk betrieben, unterwegs gern das Bauhaus-Museum mitnehmen, aber nicht "den antiken Krempel".Seine Gäste bestaunen den Widerspruch im Stadtbild zwischen Gucci und Punk, Brache und Glasfassade und freuen sich über die im Vergleich zu Paris, London und Amsterdam niedrigen Preise, Clubs mit freiem Eintritt und Tequila für zwei Euro. Wo gibt's das noch? Sie haben Stadtpläne, auf denen wie bei DDR-Karten West-Berlin, bis auf Kreuzberg, nur weiße Fläche ist - Zeugnis für die mangelnde Attraktivität der alten Frontstadt - und Dictionaries, die "Please may I fondle your buttock?" phonetisch korrekt mit "Durfde icch ear hintA tile knitten?" übersetzen. Sie streifen zum Checkpoint Charlie und übers Gelände der "Topographie des Terrors", Himmlers planierte SS-Zentrale, sie finden die Stadt rüde und schmutzig, spontan und verblüffend.

Hochburgen des internationalen Austausches

In den Herbergen fördern dann Erfahrungsaustausch, ethnische Vielfalt und gemischte Duschen Kontakte, aber wer nachts ein "hinteA tile knitten" möchte, geht eher leer aus. Auch ein Single Man wird im Siebener-Schlafsaal zwischen Besucherinnen aus Irland, Indien, Dänemark oder Kanada die Erfahrung machen, dass die Bettnachbarin entweder das Nachtleben der 250 Clubs ausgekostet hat und morgens erschöpft aufs Lager fällt oder sich nach anstrengenden Tagestouren schon früh in die Bettdecke eingerollt hat. Für alle Fälle aber sind an den Rezeptionen Kondome für 2,50 Euro zu haben.Vor zehn Uhr morgens ist im Hostel nichts los, dann hat sich auch Jukka von Boehm aus Helsinki erholt von fünfeinhalb Stunden Richard Wagner in der Deutschen Oper und einem Club mit afrikanischer Musik danach. In zweieinhalb Wochen ist der 21-Jährige quer durchs Land von Mainz bis Plauen gefahren und hat mal eben 15 Wagner-Opern mitgenommen, das Libretto unterm Arm. Den Amerikaner Jon-Fredric West als Siegfried fand er in Berlin "total unmusikalisch, und dann dieses schreckliche Deutsch".

Nur Profis bestehen in dem "knallharten Geschäft"

Obwohl Weltläufe wie 11. September, Elbe-Hochwasser, Asienkrise oder Devisenbewirtschaftung in Südamerika auf die Reservierungen durchschlagen, lockt der Hostel-Boom in Berlin weiterhin Geschäftemacher an. "Aber die Zeiten, als jeder in einer alten Motorradfabrik nur Betten hinstellen konnte, sind vorbei", sagt Oliver Winter von "A&O Hostels". "Das ist ein knallhartes Geschäft geworden und muss von Profis gemanagt werden." Kopfjäger fangen Backpacker, heute mit mehr Geld in der Tasche als vor ein paar Jahren, oft schon am Bahnhof Zoo ein, locken mit Dusche/WC auf den Zimmern oder werben Jugendherbergen ganze Gruppen ab.Harte Bandagen, doch die meisten Reisenden haben sich schon vorher entschieden, durch Empfehlungen in Reiseführern wie "Lonely Planet" und "Let's go" oder den über 11.000 Websites zum Stichwort Hostels. Grob und günstig - noch trägt der Charme alter Kinositze, einer Rezeption aus Ziegelsteinen sowie Tipps für illegale Partys. Manager Eric van Dijk vom "Generator" setzt dagegen eher auf Marketing, futuristisches Design und Internet-Café. "Wer den schlechtesten Standard hat, fliegt raus", sagt Jörg Noll vom "Transit Loft".

Wolf Thieme

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