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Dalsland-Kanu-Marathon: Bis zum letzten Schlag

Paddeln über einen schwedischen See, das muss ein Vergnügen sein, keine Frage. Aber vier Gewässer hintereinander? 55 Kilometer am Stück? Ganz schön hart, der Dalsland-Kanu-Marathon.

Von Alf Burchardt

Das heiße Wasser schießt aus allen Rohren, im Duschraum steht der Dampf zum Zerschneiden dicht. Aus der einen Ecke fragt eine matte Stimme: "Warum tun wir uns solch eine Schinderei eigentlich an?" Ein Weilchen rauscht es wieder ungestört, sechs Kerle lassen das Wasser auf Kopf und Schultern prasseln und hängen ihren Gedanken nach. Dann kommt es aus den Schwaden rechts neben dem Fenster: "Weil es so schön ist. Hinterher."

Klar, so heißt es immer wieder gern nach einer sportlichen Plackerei, aber diese hier, der "Dalsland Kanot Maraton +", ist schon eine ganz besondere. Das Plus steht für die fast 13 Kilometer, die noch obendrauf kommen auf die klassische Marathon-Distanz; hier bedeutet das also: 55 Kilometer paddeln, allein oder zu zweit, Tausende von Schlägen im Kajak oder Kanadier über vier Seen in der westschwedischen Provinz Dalsland, Tausende von Schlägen, die sich anfühlen, als durchpaddelte man alle 1000 Seen dort.

Los geht es an einem Samstagmorgen um acht Uhr vor dem Herrenhaus in Baldernäs. Der Fernsehmoderator Ingvar Oldsberg, in Schweden populär wie Thomas Gottschalk bei uns, hat das Anwesen vor kurzer Zeit gekauft, er gibt auch den Startschuss. Ein Schwarm von Booten zieht los in Richtung Norden, in der ersten Reihe die richtig Guten, die Eliteklasse, dahinter die vielen, vielen Hobbypaddler. Unschwer zu erkennen, wer so etwas öfter macht: am Trinkrucksack für die schnelle Flüssigkeitsaufnahme zum Beispiel. Oder am Seil, mit dem das Paddel locker am Boot befestigt ist, damit es beim Kentern nicht wegtreibt. Doch es gibt auch Kanuten, die aussehen, als wollten sie nur eine kleine, gemütliche Runde drehen. Sie kommen ohne High-Tech-Sportkleidung aus; ein altes gestreiftes Oberhemd unter der Schwimmweste tut es auch.

Über 600 Paddler sind unterwegs, im Jahr davor, da fand das große Paddeln zum ersten Mal statt, waren es etwas mehr als 300. "Wir wollen der größte Kanu-Marathon der Welt werden", sagt Anders Bring vom Touristenbüro Bengtsfors, einem Städtchen mit 10 000 Einwohnern, wo auch das Ziel ist. "Der zweitgrößte in Europa sind wir schon." Der größte? Der fällt ihm grad nicht ein. Aber was er noch genau weiß: Wie er vor zehn Jahren hier im Hotel Dalia saß und auf den See blickte. "Da dachte ich mir, wie toll es doch aussehen würde, wenn Hunderte von Kanus auf das Hotel zusteuern würden."

An diesem Morgen sind die Boote vom Hotel noch ein ordentliches Stück entfernt. Die Strecke über den ersten See ist sechseinhalb Kilometer lang, an seinem Ende liegt das Feld dicht beieinander - das war bislang eine leichte Übung. Mühselig dagegen: das Boot jetzt 300 Meter über Land zu schaffen, über Sand, Gras und Stein und noch einen Hügel hinauf. Die Erfahrenen haben ein Wägelchen dabei, auf das sie ihr Gefährt laden. Beim Einlassen in den nächsten See kommt die Sonne hervor, alle fühlen sich wieder stark. Die Verpflegung auf den Tischen bleibt unbeachtet liegen.

Endlich ist was los in dieser ruhigen Gegend

See Nummer zwei heißt Svärdlång, weil er lang und schmal ist wie ein Schwert: 13 Kilometer mal 200 Meter. Auf der Brücke gleich am Anfang und am Ufer, wenn die Fichten einmal Platz lassen, stehen Zuschauer und feuern die Kanuten an. Die Dalsländer haben ihren Kanu-Marathon von Anfang an geliebt; endlich ist etwas los in dieser etwas zu ruhigen Gegend. Früher war hier mal mehr Leben, da gab es einige Fabriken, die Zubehör für Autos herstellten. In den vergangenen Jahren schloss Werk um Werk, Tausende von Menschen verloren ihre Arbeit. Inzwischen hat eine Firma wieder eröffnet und stellt statt Autoteilen Kanus her: Jetzt soll der Wassersport, der Tourismus, die Zukunft von Dalsland sein.

Auf einem Hang am Südzipfel des dritten Sees stehen Streicher und geigen den Sportlern was; einige Kilometer weiter haben sie die Orgel aus der Kirche geschoben, bis an die Wasserkante, zwei Lautsprecherboxen zum See ausgerichtet, ein Mann in Schwarz spielt auf. Weiter, weiter! Was ist denn das da vorn? Ein Kollege mit silbernem Haarkranz? Wäre doch gelacht, wenn der nicht einzuholen wäre. Einige kräftige Schläge - geschafft! Ein freundliches Nicken und dann vorbei. Aber solch ein Zwischenspurt rächt sich sofort mit einem bösen Reißen in den Armen. Es dauert ein Weilchen, bis das Paddel wieder im gleichmäßigen Takt ins Blaue taucht.

Nur noch 20 Kilometer

Im kleinen Ort Gustavsfors geht es zum letzten Mal über Land, nur wenige Meter, doch inzwischen scheint das Boot doppelt so schwer. Drei Seen sind geschafft. Die Paddler füllen noch mal ihre Flaschen auf, stopfen Bananen und Brötchen in sich hinein, verstauen Müsliriegel in den Booten. Zwei Massagebänke stehen bereit, einmal Muskeln durchkneten ist im Startpreis inbegriffen, doch beide Bänke sind belegt. Also: Rauf aufs Wasser, einen Seitenarm entlang, dann öffnet sich der letzte See. Ab jetzt geht es Richtung Süden mit einem lauen Lüftchen im Rücken, noch rund 20 Kilometer.

Der Horizont verschwimmt, irgendwo da vorn muss das Ziel sein. Die Landschaft? Wahrscheinlich noch immer wunderbar. Doch das ist jetzt egal, die Arme schmerzen, an den Händen wachsen Blasen, der Hintern sucht vergebens nach einer komfortablen Sitzposition. Die Basecap ist nass, sie hat viel Schweiß aufgesaugt, was sie nicht schluckt, rinnt über die Stirn in die Augen. Wo war noch mal das Ende des Sees? Es muss doch eine Ideallinie geben! Gibt es offenbar nicht. Ein Paddler wird von einem Motorboot gezogen, das ist so etwas wie der Besenwagen beim Radrennen.

Zielschluss ist 13 Stunden nach Start

Noch eine Biegung und noch eine, dann, endlich, taucht die Zielfontäne von Bengtsfors auf. Magnus aus Malmö hat sie als Erster gesehen, als Sieger in der Eliteklasse der Herren war er mit seinem Einerkajak nach vier Stunden und 19 Minuten im Ziel. Doch die wahren Helden trudeln viel später ein. Das sind jene, die nur gelegentlich paddeln und heute wissen wollten, wie weit ihre Kräfte reichen. So wie Linn, 25, und Rikard, 31, aus Nordby in Norwegen. Sie waren beide mit ihren Einerkajaks nach zehn Stunden, 22 Minuten im Ziel. "Dass es hart wird, wussten wir", sagt Rikard, "aber so hart..." Oder Maria, die zehn Stunden, 48 Minuten unterwegs war. Sie paddelt gern mal, ganz gemütlich, mit Fernglas und vielen Pausen. "Das hier heute war alle Schmerzen wert", sagt die 45-Jährige.

Um 21 Uhr, 13 Stunden nach dem Start, sollte das Ziel spätestens schließen. Doch so lange müssen die Helfer nicht warten. Als Letzter kommt nach elf Stunden und 29 Minuten Tomas an. Er ist Sportlehrer, er hätte auch schneller sein können, aber weil er es sich nicht zu einfach machen wollte, ist er in einem Wildwasserkajak gestartet. Mit so einem kurzen Ding kann er prima auf wilden Wellen tanzen, aber ums Verrecken keine zügige Linie paddeln. Links, rechts, links, rechts: Tomas muss die doppelte Strecke zurückgelegt haben. "Ich wusste, ich würde lange brauchen, aber dafür habe ich die Natur genossen", sagt er.

Während Tomas sein Kajak aus dem Wasser zieht, ist ein paar Meter weiter, einen kleinen Hang hinauf, die Party schon im Gange. Um 18 Uhr hat sie begonnen, kurz darauf stehen alle schon auf den Bänken. So ein Tag muss gefeiert werden! Die Band hat Büchlein mit Texten verteilt, doch die sind nicht nötig. Die Lieder, egal ob schwedisch oder englisch, kennen sie alle hier. Linn und Rikard haben Flusskrebse mit Wodka runtergespült, jetzt fließt das Bier. Ihre Hände, ihre vorhin noch so lahmen Arme wedeln über dem Kopf und klatschen den Takt zu AC/DCs Gassenhauer "TNT".

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