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"Silver Star" / Europa-Park: Rennfeeling auf Europas höchster Achterbahn

Die mit 73 Metern höchste Achterbahn Europas bietet Nervenkitzel pur: Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern werden Fliehkräfte von 4 g erreicht.

Seit April 2002 erhebt sich der auf den Namen „Silver Star“ getaufte Riesencoaster mit seinen 1620 Schienenmetern in den badischen Himmel. Mit einer Höhe von 73 Metern und einer Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern darf der Europa-Park die höchste Stahlachterbahn Europas sein Eigen nennen. Trotz seiner gewaltigen Ausmaße ist der „Silver Star“ aber eine familienfreundliche Achterbahn.

Datenblatt "Silver Star"

Höhe

73 m

Schienenlänge

1620 m

Höchstgeschw.

130 km/h

Beschleunigung

4 g

Neigung erster Drop

70 Grad

Kapazität pro Stunde

1800 Gäste

Bremsen

Induktive Magnetbremse

Hersteller

Bollinger & Mabillard

Kosten

ca. 13 Millionen Euro

Coaster für jedermann

Wie passt das zusammen? Eine Antwort geben die Gesetze der Physik: Höhe und Geschwindigkeit können zwar in abenteuerliche Dimensionen vorstoßen, trotzdem die für die Intensität einer Achterbahn entscheidenden Beschleunigungswerte aber am Boden bleiben. Die auf die Fahrer wirkenden und wahrgenommenen "G-Kräfte" reichen beim „Silver Star“ von - 0,2g bis + 4g und sind damit noch ein gutes Stück entfernt von den nach dem "Stand der Technik" festgelegten Maximalwerten. Doch gerade die Höhe der Bahn beeindruckt: Wenn es fast 60 Sekunden lang den Lifthill hinauf geht, einen Meter nach dem anderen, die in den Himmel ragende Strecke einfach nicht aufhören will und der Zug von der Stahlkette immer weiter in die Höhe getrieben wird, können 70 Meter ganz schön hoch sein. Die Verpackung ist gigantisch, das zu erwartende Fahrgefühl bewusst gemindert.

Vom Boxenstop zum "Rennerlebnis"

Die Züge sollen an die Rennwagen der Formel 1 erinnern, Sponsor Mercedes-Benz macht’s möglich. Rund um den Eingangsbereich befindet sich eine Ausstellung zum Thema Motorsport: Ob die nachgestellte Szene eines Reifenwechsels an einem Formel 1 Boliden, der Kommandostand von McLaren Mercedes oder eine interaktive Spielecke für die kleinen Besucher - für Abwechslung ist gesorgt.Dann fährt der wuchtige Zug im Bahnhof vor, die Sitze sind zum Glück bequemer als die in einem Formel 1 Boliden. Viermal müssen alle 36 Bügel mindestens einrasten, dann kann die Startfreigabe erteilt werden. Der Start erfolgt Formel 1 typisch durch eine Ampel, die von Rot auf Grün schaltet. Der Zug wird durch eine leichte Rechtskurve geschoben, dem sich direkt der Lifthill anschließt. Dort wird der Fahruntersatz von der Kette völlig ruckfrei ergriffen und gen Scheitelpunkt gezogen. 2,5 Meter bewegt sich der Zug in der Sekunde voran, der eigentliche "Startpunkt" kommt immer näher.

64 Meter Talfahrt

Dann ist der höchste Punkt erreicht: In gut 70 Metern Höhe neigen sich die vorderen Wagen in Richtung Boden, die hinteren werden von der Kette in den Drop gepuscht, dann ist der Zug "frei" und nur noch dem Spiel der Kräfte überlassen. Es geht abwärts, (fast) ohne Boden unter den Füßen stürzen die Fahrgäste in die Tiefe. Der Zug legt einen gewaltigen Start hin, beschleunigt innerhalb von weniger als fünf Sekunden von knapp 10 auf fast 130 Stundenkilometer. Sekunden, die wie im Fluge vergehen.69 Grad misst die steilste Stelle dieser geradlinigen Abfahrt, die erst nach 64 Höhenmetern in einem weitläufigen Tal enden will. Dies spürt dann auch der Fahrgast, denn eine Belastung von 4g drückt ihn kurzzeitig in die Sitzschale, der Fahrtwind überall. Lange soll jedoch nicht auf dem Boden der Tatsachen verweilt werden, sieben weitere Auf- und Abfahrten wollen noch bezwungen werden.

Völlig schwerelos

Dem Tal schließt sich eine weite 90 Grad Linkskurve an, die gleichzeitig den zweiten, 54 Meter hohen Hügel erklimmt. Die Einfahrt erfolgt mit Top Speed, bis kurz nach dem Kurvenausgang, dem Scheitelpunkt des zweiten Hügels, verzögert der Rennzug auf 40 Stundenkilometer. danach geht es schnurgerade Richtung Horseshoe, einer Steilkurve, die eine 180 Grad Wendung vollzieht. Pfeilschnell schießt der Zug aus der High Speed Kurve und erklimmt die letzten Schienenmeter zum zweiten Drop. In 54 Metern Höhe vollzieht sich ein wahrhaftiger Parabelflug, der deutlich Airtime bietet. Die Macher des Parks sprechen beim Silver Star von sage und schreibe 20 Sekunden dieses besonderen Gefühls, welches den Fahrgast den Sitz nicht mehr unter sich spüren lässt. 20 Sekunden, die sich neben dem First Drop besonders auf den parabelförmigen Hügeln bemerkbar machen sollen.

Getragen von der Fliehkraft wird die Erdanziehung im Mittel beinahe ausgeschaltet und lässt somit fast absolute Schwerelosigkeit bei 0g erfahren, leichte negative g-Kräfte inbegriffen. Gut 4 Sekunden dauert alleine dieses Erlebnis beim zweiten Hügel und macht deutlich, dass Airtime auch sanft in Erscheinung treten kann. Anstatt einmal kurz aber heftig aus dem Sitz abzuheben, verweilt der Fahrgast bei Silver Star endlose Augenblicke zwischen Sitzfläche und Haltebügel. Ein Gefühl, als ob die Bewegungsbahn des Fahrgastes eine fast identische Parabel wie die Strecke beschreibt, nur eben entscheidende Millimeter oberhalb der Sitzfläche. Verstärkt wird dieses Fluggefühl durch die fehlende "Bodenhaftung" der Füße.

Horseshoe - Die 180-Grad-Wende

Der zweite Drop endet wie der erste, positive g's drücken die Fährgäste in die Sitze. Dann folgt der dritte und mit gut 50 Metern immer noch äußerst stattliche Hügel - wieder dieses Gefühl von Airtime - schließlich jedoch ein Programmwechsel: Der 39 Meter hohe Horseshoe, die 180 Grad Wende, stellt sich dem schnurgerade verlaufenden Streckenverlauf in die Quere. Nach Beendigung der dritten Abfahrt schwingt die Strecke leicht nach rechts, gleichzeitig beginnt die Auffahrt in das hufeisenförmige Fahrelement.Bis auf 120 Grad Querneigung legt sich der Zug in die "erhöhte" Kurve, die Köpfe der Fahrgäste zeigen dabei Richtung Erdboden. Nach dem Horseshoe folgt die Rückfahrt zum Stationsgebäude, wobei der erste Teil parallel zum zweiten und dritten Hügel verläuft: Wieder lässt eine Auffahrt den Zug in die Höhe schießen, mit 38 Metern immer noch höher als der Großteil aller Achterbahnen in Deutschland.Zur Ernüchterung vieler wurde kurz vor dem Scheitelpunkt eine mechanisch greifende Reduzierbremse eingebaut, die merklich die Geschwindigkeit des Zuges reduziert. Sinn und Zweck dieser von den Coasterfreaks als "Spaßbremse" titulierten Verzögerungseinheit ist eine Vereinheitlichung des Achterbahnerlebnisses, schließlich reagiert jedes Fahrwerk einer Achterbahn besonders auf Schwankungen der Außentemperatur/Witterung mit unterschiedlichen dynamischen Eigenschaften, sprich im Ergebnis mit differierenden Spitzengeschwindigkeiten.

Spaßbremse

Auffahrt Nummer sechs führt zur Blockbremse. In 34 Metern Höhe wurde diese platziert, um den am Ende des Lifthills begonnenen Blockabschnitt abzuschließen. Gebremst wird auch hier, doch gerade für die hinteren Reihen ist die folgende Abfahrt recht interessant: Während die vorderen Wagenelemente schon in der Abfahrt hängen und den Zug beschleunigen, befinden sich die hinteren Reihen noch auf dem nur minimal abschüssigen "Bremsplateau". Mit ungeheurer Wucht werden dann die letzten Wagen nach unten gerissen, die Fahrgäste erleben kurzzeitig aufgrund ihrer Massenträgheit wieder eine intensive Airtime.Drei bis vier Meter über den parkenden Autos schießt der Zug dann in dass nächste Fahrelement, eine dreiviertel, nach oben führende Helix. 270 Grad und ungefähr 20 Höhenmeter später haben die Fahrgäste einen guten Blick auf den First Drop. Wieder in horizontaler Position, sackt der Zug gen Boden, um anschließend den letzen, noch 23 Meter hohen Hügel zu erklimmen. Dann wieder ein Drop, der diesmal in eine Senke unterhalb des Lifthügels führt, wo eine scharfe S-Kurve auf den Rennzug wartet.Diese Schikane erscheint recht spektakulär, fährt sich aber äußerst weich. Dann blitzt es kurz zum Fotofinish auf, und der Zug fährt mit gutem Geschwindigkeitsüberschuss in die Schlussbremse. Das Abenteuer ist nach insgesamt zweieinhalb Minuten beendet, davon entfielen cirka 70 Sekunden auf die reine Fahrzeit (First Drop bis Schlussbremse).

Fazit

Und der abschließende Eindruck?! Die Fahrt kann gefallen, ist bis auf den ersten Up-Turn äußerst weich gestaltet und bietet gute Airtime. Dabei geht sie jedoch nicht an die Grenzen des technisch Machbaren, dies ist aber auch nicht gewollt. Silver Star passt in das Image des Familienparks, auch wenn sich die "ältere" Generation gerade von der wuchtigen Höhe abschrecken lassen wird. Europas höchste Achterbahn ist sicherlich nicht die spektakulärste auf diesem Kontinent, bietet aber dennoch eine gehörige Portion Fun.Mehr über Achterbahnen bei www.coastersandmore.de

Daniel Schoppen

Wissenscommunity