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An Bord der "Mir": Segeln wie zu Zeiten des Zaren

Zum weltgrößten Hafenfest war das russische Segelschulschiff "Mir" zu Besuch in Hamburg. Den beeindruckenden Großsegler kann man als Passagier in Aktion erleben. Dafür sollte man schwindelfrei sein und beherzt zupacken können.

Von Dagmar Gehm

Von der Brücke das erste Kommando: Kursänderung! Zu zwölft ziehen wir mit aller Kraft an den Tauen: Brassen heißt das in der Seglersprache. Ächzend drehen sich die Rahen in die optimale Windrichtung. Knatternd nehmen 26 Segel Wind auf, blähen sich auf 2771 Quadratmeter Fläche. Die Kommandos sind nicht schwer zu verstehen - auch wenn sie auf Russisch kommen. Zar Peter der Große hatte seine Flotte von den Holländern ausstatten lassen und ihre Ausdrücke übernommen. So heißt das Großsegel "Groot", der Klüwerbaum "kluiverboom", Gaitau wird zur "Gijtow".

Gleich nach Perestroika hatte ich zum ersten Mal auf dem schneeweißen Dreimast-Vollschiff "Mir" - übersetzt: "Frieden" - angeheuert. Seitdem können zahlende Gäste auf längeren Reisen oder auf Tagestörns auf Großseglern aus dem Ostblock mitfahren. So werden die Kosten der Schulschiffe in den ausländischen Häfen gedeckt.

Klettern wird zur Droge

Böen fetzen in die Segel, die "Mir" krängt, das heißt, sie hängt mit schöner Schräglage in den Wellen. Befehl von der Brücke: "Obere Segel bergen!" Vor mir laufende 49,50 Meter Mast. Endlos. Da soll ich rauf? Mitsegler Peer hatte mich noch beruhigt: "Wenn Du Deine Angst auspowerst, ist das wie eine Droge." Bei mir setzt die Wirkung der Droge beim Aufentern eher zögerlich ein. In den steilen Wanten (Strickleitern) packt mich kein Rausch, sondern profaner Schwindel. "Babuschka", foppen die Kadetten, "bist Du Weihnachten endlich oben?"

Plötzlich der Sieg über die Höhenangst auf der Bram, etwa 41 Meter über dem Wasser. Wind pfeift mir um die Ohren, ich bin unendlich stolz: Master der Masten! Und anerkennendes Schulterklopfen der Jungs. Sergej schenkt mir einen Matrosenkragen, auf der Rückseite die Widmung: "For our sea sister Dagmar". Die ganze Wache hat unterschrieben. So sind sie, die russischen Seeleute - mit ihrem sentimentalen Megaherz, rausgestülpt auch unter miefenden Socken zwischen Koje und Spind, wo Walodja abends die Quetschkommode spielt, vom Rest der Freiwache mitgesungen - akustisches Stethoskop zu ihrer Seele. Heute probt manchmal eine Kadettenband an Bord, samt Schlagzeug und E-Gitarren. Die Verständigung zwischen den Kadetten und den Mitseglern klappt auf Englisch, das sie auf der Marineakademie lernen.

Leninorden gegen Uhren aus dem Westen

Vor 20 Jahren waren auch Tauschgeschäfte an der Tagesordnung: Leninorden, Koppel, Matrosenhemden wurden gegen Zigaretten und Uhren aus dem Westen eingehandelt. Staatseigentum der Handelsmarine, das eigentlich nicht veräußert werden darf. Doch die Heuer der Jungs ist schmal. Auch heute noch. Den Trainees sind inzwischen Klettergrenzen gesetzt, die an der ersten Saling, eine Plattform am Mast, gesteckt werden. Und auch das nur in Begleitung eines Mannschaftsmitglieds. "In die Rahen dürfen Mitsegler nicht mehr steigen. Es sei denn, sie können ein Zertifikat vorweisen", sagt Ulrich Glantz, Generalagent der "Mir" für Deutschland. Nur auf dem Klüverbaum vor dem Bug, unter den ein Netz gespannt ist, kommt ein Hauch von "Titanic-Feeling" auf. Dafür gibt es seit sechs Jahren eine Trainee-Brücke direkt unter der eigentlichen Kommandobrücke. Hier können Mitsegler die Position ablesen, Karten studieren und sich von der Mannschaft in die Welt der Nautik einweisen lassen.

Die "Mir" ist nicht irgendein Windjammer. Unter der Führung von Kapitän Viktor Antonov wurde sie zum schnellsten Großsegler der Welt, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 19,4 Knoten. 1992 wurde sie Gesamtsieger in der "Grand Regatta Columbus 92-Quincentenary" zur 500-jährigen Entdeckung Amerikas. Sie gewann auch später unter dem jetzigen Kapitän Yury Galkin viele Regatten bei den "Tall Ships' Races". Als Zugeständnis an die Passagiere gibt es inzwischen eine Bar mit freiem Alkoholausschank. Ohne Mannschaft und Kadetten, versteht sich. Blaue Jungs, die nie blau sein dürfen. Nur im Hafen kreist kräftig die Wodkaflasche.

Schwielen und Schweiß statt Schminke

Wie die russischen Jungs sind auch die Passagiere in karger Koje untergebracht - Stockbetten in Zwölf-Mann-Kabinen. Als Luxusvariante wurden zwei Doppelkabinen eingerichtet. 48 Passagiere sollen maximal das Verhältnis zu 40 Mann Stammbesatzung und maximal 96 Kadetten wahren.

Segelalarm! "All hands on deck!" Auch meine. Rein in die Kluft, Gurte übergezerrt. Keine Zeit für Schwamm und Schminke - stattdessen Schwielen und Schweiß. Der Wind pfeift letzte Reste von Müdigkeit aus dem fahlen Schlafgesicht. Früher konnten die Jungs, die zwischen 17 und 22 Jahre alt sind, nicht nachvollziehen, warum westliche Mitsegler viel Geld dafür bezahlen, um an Bord arbeiten zu dürfen. Sich in drei Wachen mit einteilen lassen - darunter die beinharte "Hundewache" zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens. Dass sie sich freiwillig zum schweißtreibenden Brassen (Segel in den Wind drehen) melden oder lustvoll den Kniefall beim Deckschrubben proben.

Heute sagt der 19-jährige Vitali aus St. Petersburg bei der Ruderwache auf der Brücke: "Die 'Mir' ist eine Brücke in die Vergangenheit. Wir lernen hier, wie die alten Seefahrer bei Wind und Wetter gesegelt sind - ganz ohne technische Geräte. Für die Mitsegler und uns ist das eine großartige Gelegenheit, das einmal nachzuvollziehen. Mir hat mal ein 80-jähriger Passagier gesagt, dass diese Fahrt die Krönung seines Lebens sei."

Vitalis Kamerad Boris (19) hat nicht nur über die Seefahrt sondern auch über sich selbst einiges gelernt: "Ich hatte am Anfang wahnsinnige Höhenangst. Dreimal bin ich mit dieser Angst aufgeentert, langsam, Schritt für Schritt. Dann hat es irgendwann "klick" gemacht, und jetzt genieße ich dort oben das unglaubliche Gefühl der Freiheit. Ich habe mich sogar freiwillig auf die Royal (oberste Rah) gemeldet."

Ungesichert, aber seemännisch korrekt

Auch ich will es noch mal wissen - 19 Jahre nach meiner "Erstbesteigung" der Masten. Zum Glück kann ich ein Zertifikat vorlegen, Kapitän Galkin ist einverstanden. Ich entscheide mich für den Hauptmast. Zügig klettere ich bis zur ersten Saling (Plattform). Eigentlich drückt die Mannschaft bei den Trainees mal ein Auge zu, wenn sie sich durch die bequeme Luke zwängen. Doch inzwischen hat mich der Ehrgeiz gepackt, und so winde ich mich - völlig ungesichert, aber seemännisch korrekt - frei schwebend nach hinten gekippt an der Außenkante entlang über die Saling. Die Untermars-Rah wäre jetzt schon zum Greifen nah, doch ich will noch höher hinaus. Vorbei auch an der nächsten Rah, bis zur Unterbram, etwa 40 Meter über dem Wasser. Auf schwankendem Tau hangele ich mich hinüber zur Rah, einer Querstange zum Mast, an der die Segel befestigt sind. Hier darf ich mich endlich per Karabiner sichern.

Neben mir hängen noch vier Kadetten über dem Baum und zerren das Segeltuch hoch. Jedesmal kippt dabei das Fußpferd (Draht unterhalb der Rah) weit nach hinten, so dass wir fast waagrecht über der Rah liegen. Boris macht mich lose, damit ich an ihm vorbei bis ans Ende der langen Holzstange balancieren kann, da, wo kein Deck mehr unter mir liegt. Vieles mag sich seit meinem ersten Törn auf dem Windjammer geändert haben, geblieben ist die Faszination. Nur noch das Meer um mich herum. Der Wind, die Weite und sonst gar nichts. Mit russischen Seeleuten zusammen arbeiten, auf einem Schiff, das "Frieden" heißt.

Weitere Infos
Schiffsdaten: 1987 in Gdansk (Danzig) gebaut, als eines von sechs Schwesternschiffen. Eigentümerin der "Mir" ist die Admiral Makarov Maritime State Academy in St. Petersburg, eine der besten Seefahrtshochschulen Europas. Länge über alles: 109,40 Meter, Breite 14 Meter, Segelfläche 2771 Quadratmeter bei 26 Segeln. Alle drei Masten sind über der Wasserlinie 49,50 Meter hoch.
Preis pro Tag an Bord, inklusive vier Mahlzeiten: 85 Euro
Fahrten nach dem Hafengeburtstag:
Hamburg - Larvik, 10. bis 15. Mai, Larvik - Travemünde: 17. bis 20. Mai, Travemünde - Wilhelmshaven: 21. bis 28. Mai. Wilhelmshaven - Heringsdorf: 31. Mai. bis 7. JuniHeringsdorf - Binz: 8. bis 10. Juni. Binz - Stettin: 11. bis 12. Juni. Stettin - Kiel: 14. bis 19. Juni. Kiel - Gdynia 28. Juni bis 2. Juli. Gdynia - St. Petersburg: 5. bis 11. Juli, St. Petersburg - Turku: 14. bis 23. Juli, Turku - Klaipeda: 26. bis 31. Juli. Klaipeda - Warnemünde: 3. bis 6. August, Warnemünde - Cuxhaven: 9. bis 15. August, Cuxhaven - Delfzijl: 17. bis 22. August, Delfzijl - Bremerhaven: 25. bis 28. August, Bremerhaven - Travemünde: 30.8. bis 5. September, Travemünde -St. Petersburg: 7. bis14. September.
Buchung: Firma Murmansk - Transnautic, Ulrich Glantz, Tel. 04107/4889, Fax: 04107/877443, Handy: 0173/6017840, www.mir-segeln.de.
Regatten: Die "Mir" nimmt an etlichen Regatten und Windjammer-Treffs teil, wie der Windjammer Regatta Ostsee von Gdynia/Polen über St. Petersburg nach Klaipeda/Litauen, vom 5. Juli bis 3. August, der Hanse Sail in Rostock-Warnemünde, vom 6. bis 9. August oder der Delfsail in Delfzijl/Niederlande, vom 22. bis 26. August.
Weitere Schulschiffe zum Mitsegeln: Alexander von Humboldt, Christian Radich, Dar Mlodziezy, Kaliakra, Kruzenshtern, Sedov, Sørlandet, Stad Amsterdam, Statsraad Lehmkuhl.

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