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Jürgen Becker: Auf die kölsche Tour

Hier fängt alles mit K an, jedenfalls alles, was wichtig ist: Kirche, Karneval, Klüngel, Kunst, Kulinarik. Eine ungewöhnliche Rundfahrt mit Kabarettist Jürgen Becker durch seine Heimatstadt.

Von Marc Hasse

Es wird gleich um Knochen, Klerus und Klüngel gehen, um Karneval und Skandale, und am Ende wird gar das Lamm Gottes verspeist. Das klingt verrückt? Willkommen auf unserer kleinen Rundfahrt durch Köln! Unser Untersatz: ein grüner Unimog, Baujahr 1959, 30 PS. Unser Stadtführer: Jürgen Becker, ebenfalls Baujahr 1959, rotblaues Holzfällerhemd, Jeans, Wuschelfrisur, Kölns bekanntester Kabarettist. Montagmorgen, wir verdauen noch unseren Kaffee. Jürgen Becker ist hellwach. Vor zwei Stunden hat er seine Tochter zur Schule gebracht, danach ist er mit dem Unimog zur Sperrmülldeponie gefahren und hat dort die Reste seines Umzugs abgeladen. "1,5 Tonnen Schrott" türmten sich auf der Ladefläche, angeblich. Jetzt nehmen wir dort Platz. Becker ist gebürtiger Kölner, er will uns seine Lieblingsplätze zeigen. Krachend legt er den ersten Gang ein. Autofahrer hupen, Fußgänger winken. Die Kölner mögen Becker, weil er in seinen Programmen (unter anderem "Biotop für Bekloppte") die kölnische Lebensart auf die Schippe nimmt - oft respektlos ("Der Kölner kann nichts, traut sich aber alles zu"), unterm Strich aber wohlwollend bis liebevoll.

Bundesweit bekannt wurde er als Moderator der renommierten Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen" im WDRFernsehen. Zurzeit tourt er mit seinem neuen Programm "Ja, was glauben Sie denn?" durch Deutschland (Kostprobe: "Religion ist Hirnforschung ohne Abitur"). Dieser Exkurs ins Geistliche, schrieb die "FAZ", sei "kein purer Spott, sondern ein intelligenter und unterhaltsamer Vortrag, der nicht nur Fundamentalisten zu empfehlen ist. Da kein Blitz vom Himmel schießt, um den Kabarettisten zu erschlagen, kann das nur heißen, dass der Himmel Humor hat". Und weil das so ist, darf Jürgen Becker jetzt St. Ursula heimsuchen. Die Basilika gehört zu den zwölf großen romanischen Kirchen in Köln und gilt als bedeutende Reliquienstätte. Viele Touristen zieht es in die Schatzkammer des Kölner Doms; der Schatz von St. Ursula ist vergleichsweise wenig bekannt. Die Vorhalle ist schummrig beleuchtet, leicht könnte man den kleinen Eingang übersehen, durch den wir in die "Goldene Kammer" treten. In Schränken an den Wänden: Totenschädel, eingehüllt in Samt und Seide, geschmückt mit Gold, Silber und Perlen. Fast 700 dieser Reliquien sollen hier ruhen. Viele in Glaskästen, andere in Büsten verborgen. An den Wänden darüber: Tausende Knochen, geformt zu Mosaiken, Symbolen, Buchstaben.

"Dat hält ne Weile vor"

Nichts für empfindliche Naturen, das Ganze. Becker hingegen nimmt den Kopf in den Nacken, sein Zeigefinger schnellt umher, "beeindruckend, oder?" Ihm gefalle die morbide Schönheit der Kammer, sagt er, die Patina, das verblasste Gold der Reliquienbüsten. "Und mir gefällt der unverkrampfte, offene Umgang mit dem Tod, den die Menschen damals pflegten." Apropos Tod: "Wäre dies ein buddhistischer Tempel, dann würden an den Wänden nur Sandalen hängen - die Knochen brauchen die Jungs ja für die Wiedergeburt." Am meisten hat es Becker die legendäre Geschichte der Kirche angetan, die er - nur unwesentlich abgewandelt - in seinem Programm "Biotop für Bekloppte" thematisiert: Die Knochen an den Wänden der Goldenen Kammer sollen nämlich von der heiligen Jungfrau Ursula und ihren 11.000 Gefährtinnen stammen. Becker zündet eine weiße Kerze an, setzt sich unter einen Schrank mit Schädelreliquien und erzählt: Der Legende nach sollte Ursula den anglischen Königssohn Aetherius heiraten. Vor der Hochzeit machte sie mit ihren besten Freundinnen aber noch eine dreijährige Weltreise. Als sie endlich zurückkam, wurde Köln dummerweise gerade von den Hunnen belagert, die aus lauter Frust "et Ulla" und ihre Gefährtinnen niedermetzelten. Und den Aetherius gleich mit.

Ursula zu Ehren bauten die Kölner dann die Kirche, die heilige Jungfrau wurde zu Kölns Stadtpatronin. Elf schwarze Flammen im Stadtwappen erinnern bis heute an ihr Martyrium. Wohlgemerkt: Elf Gefährtinnen soll Ursula eigentlich nur gehabt haben, nicht 11.000, heißt es in den ersten Überlieferungen. Doch im mittelalterlichen Köln waren heilige Knochen die größte Touristenattraktion. Becker: "Die Kölner wussten: Wenn der Pilger zu den Knochen tingelt, der Groschen in der Kasse klingelt." Und da die Kölner ihre heiligen Knochen auch verkauften (offiziell nur das Gefäß drum herum, das Reliquienmonopol besaß der Papst), hätten sie die Knochen von Ursula und ihren elf Gefährtinnen schnell verscheuert und dann in ihrer Not aus elf Jungfrauen mal eben 11.000 gemacht - "dat hält ne Weile vor". Wir fahren zur zweiten Station. Es geht vorbei an der Oper, auf die Cäcilienstraße und hinunter zum Rheinufer, vorbei am Heumarkt, wo die Kölner Jecken am 11. 11. den Karneval eröffnen, hinauf auf die Deutzer Brücke, rüber ins rechtsrheinische Köln. Dort steht am Rheinufer der neue Büroturm "Köln Triangle" - visà- vis zum Kölner Dom am anderen Ufer. Der Aufzug bringt uns hinauf aufs Dach.

In Sachen Genuss sind die Kölner Weltklasse

Von der windgeschützten Aussichtsplattform in 103 Meter Höhe bietet sich ein beeindruckender Blick auf das Rheinpanorama mit Dom, Altstadt und Uferpromenade. Becker mag diese Aussicht, weil man von hier aus all die Geschichten sehen kann, den Klüngel und die Skandale, die auch Kölns neuere Geschichte so unterhaltsam machen. Zum Beispiel die Mülheimer Brücke, die Riehl und Mülheim verbindet: Sie sollte ursprünglich als Bogenbrücke gebaut werden und zwar von der Firma Krupp. Doch OB Konrad Adenauer plädierte für eine schlankere Hängebrücke. Die sollte ein Kölner Werk bauen (Felten & Guilleaume), dessen Direktor wie Adenauer zufällig der Zentrumsfraktion im Kölner Stadtparlament angehörte. Weil Adenauer aber nicht genug Unterstützung in der eigenen Partei fand, biederte er sich der Kommunistischen Partei an - und gewann mit deren Stimmen eine Mehrheit für das Projekt. Becker: "Fast überall, wo in Köln gebaut wird, gibt es Skandale." Das gilt wohl auch heute noch. Aktuelles Beispiel: die Nord-Süd-U-Bahn. Das zurzeit größte Bauprojekt der Stadt sollte ursprünglich 630 Millionen Euro kosten - inzwischen ist der Betrag auf 954 Millionen Euro angeschwollen.

So herzlich Jürgen Becker den Kölner Klüngel veralbert -richtig ärgern kann er sich über die "Selbstbesoffenheit" seiner Heimatstadt. "Andere Städte machen ihre Sache oft besser." Er verweist auf ein Interview, das kürzlich im "Kölner Stadt-Anzeiger" erschien. Darin beschrieb der Psychologe Stephan Grünewald die Befindlichkeit des Kölners so: "Einerseits will er Metropole sein, am liebsten das Zentrum der Welt; gleichzeitig will er die Gemütlichkeit einer Kaffeebud bewahren." Wenn man von der Aussichtsplattform über Köln blickt, wird klar, was gemeint ist: Denkt man sich den riesenhaften Dom weg - nun ja ... Doch selbst wenn es nicht zur Weltstadt reichen sollte; selbst wenn der 1. FC Köln nicht irgendwann die Champions League gewinnt: In Sachen Genuss sind die Kölner Weltklasse, das sieht auch Becker so. Das ganze Jahr über jagt ein Fest das nächste - und Besucher aus ganz Deutschland feiern mit: Sie bewundern im Juli das prächtige Feuerwerk "Kölner Lichter" am Rhein, sie tanzen mit schrill gekleideten Lesben und Schwulen beim Christopher Street Day, sie lachen sich schlapp beim Köln Comedy- Festival im Oktober (siehe "Tipps + Adressen"), und natürlich schunkeln und trinken sie im Karneval. Jürgen Becker wird denn auch wieder versöhnlich: "Man akzeptiert Verrücktheiten hier viel stärker als anderswo - das mag ich sehr an Köln."

"Das Lamm Gottes! Möchte vielleicht jemand ein Stück?"

Wir fahren zurück über die Deutzer Brücke. Es geht am Ufer entlang, vorbei am Schokoladenmuseum und am Deutschen Sport- und Olympia-Museum. Beide Ausstellungshallen liegen an der Spitze des alten Rheinauhafens, der gegenwärtig zu einem schicken Wohngebiet umgebaut wird. Becker biegt ab. Ein Park, Altbauten in Ocker- und Pastellfarben, kleine Cafés, urige Kneipen. Wir sind in der Südstadt. In dem "Veedel" rund um den Chlodwigplatz herrscht ein fast dörfliches Flair. Wer hier mit einem Latte macchiato in der Sonne sitzt, versteht, warum Köln auch die "nördlichste Stadt Italiens" genannt wird. Jürgen Becker wohnte hier in den 80er Jahren in einer WG; damals studierte er Sozialarbeit an der FH. Heute lebt er im beschaulichen Bayenthal, kommt aber immer noch gern in die Südstadt, hier ist er für viele "der Jürgen". Im "Café Römerpark" schreibt Becker seine Sketche; mittags isst er am liebsten in der "Rosticceria Massimo", einem italienischen Stehimbiss ("kein Klo, super Essen"). Im Fenster hängt eine Ferrari- Flagge, neben dem Eingang stapeln sich Wasserkästen, es duftet nach gedünstetem Knoblauch, Tomaten und Basilikum. Kein Gericht kostet hier mehr als zwölf Euro - wer große Küche will, speist 50 Meter weiter im "Capricorn (i) Aries". Doch bei Massimo, dem römischen Wirt, geht es geselliger zu. Die Gäste drängen sich um einen großen Tisch in der Mitte des Raumes. Becker zerteilt lustvoll das noch leicht blutige Lammkarree auf seinem Teller und sagt: "Das Lamm Gottes! Möchte vielleicht jemand ein Stück?"

Tipps + Adressen

Es gibt viel mehr als Karneval

Anschauen

Köln Triangle Panorama:

Aussichtsplattform in 103 Meter Höhe am Deutzer Rheinufer, Ottoplatz 1.

Basilika St. Ursula:

Romanische Kirche, Ende 2004 nach Renovierung wieder eröffnet. Ursulaplatz 24, Besichtigungen unter Tel.: 0221/ 139 28 38, www.heilige-ursula.de.

Museum Ludwig:

Ausstellungshalle für Moderne und Zeitgenössische Kunst. Pop-Art, Expressionismus, Russische Avantgarde, bedeutende Picasso-Sammlung. Bischofsgartenstr. 1, Tel.: 0221/22 12 61 65, www. museenkoeln.de/museum-ludwig.

Römisch-Germanisches Museum:

Kölns archäologisches Erbe, Funde von der Urgeschichte bis zum frühen Mittelalter. Römische Prunkgläser, Schmuck-Kollektion. Roncalliplatz 4, Tel.: 0221/22 12 44 38, www.museenkoeln.de/roemischgermanisches- museum.

Schokoladenmuseum:

Von der Kakaobohne bis zu Praline; Schokobrunnen zum Naschen. Am Schokoladenmuseum, Tel.: 0221/931 88 80, www.schokoladenmuseum.de.

Deutsches Sport- und Olympia- Museum:

Von der Antike bis zur Moderne, multimedial inszeniert. Im Zollhafen 1, Tel.: 0221/33 60 90, www.sportmuseum.info.

Events

Köln Comedy-Festival: Deutschlands Top-Comedians sorgen für gute Laune. Noch bis 3. November, www.koelncomedy.de. Lange Nacht der Kölner Museen: Am 3. November, 19 Uhr bis 3 Uhr früh öffnen über 40 Museen und Galerien ihre Türen, Shuttle-Busse, www.museumsnachtkoeln.de. Karneval: Die "fünfte Jahreszeit" wird am 11. 11. um 11.11 Uhr auf dem Heumarkt eröffnet. www.koelnerkarneval.de.

Essen & Trinken

Rosticceria Massimo: Jürgen Beckers Lieblingsitaliener in der Südstadt. Probieren: "Penne Comunista". Alteburger Str. 41, Tel.: 0221/ 348 96 01. Capricorn (i) Aries: Nur vier Tische, französische Küche, 1 Michelin-Stern. In der Brasserie nebenan sind die Gerichte günstiger (ab 17 Euro). Alteburger Str. 34, Tel.: 0221/32 31 82, www.capricorniaries.com. Bosporus: Edles orientalisches Restaurant im türkischen Viertel am Hansaring. Weidengasse 36, Tel.: 0221/12 52 65, www.bosporus.de.Le Moissonnier: Jugendstil- Brasserie mit sensationeller Küche. Krefelder Str. 25, Tel.: 0221/294 79, www.lemoissonnier.de.

Wohnen

Hopper Hotel et cetera: Designhotel in ehemaligem Kloster. Frühstück in früherer Kapelle oder im lauschigen Innenhof. Brüsseler Str. 26, Tel.: 0221/924 40-0, www.hopper.de; DZ/F ab 125 Euro. Lint Hotel: Fünf Gehminuten vom Dom. DZ 42, 43, 51 und 52 haben Balkon mit Blick auf den Vorhof der romanischen Kirche Groß St. Martin. Lintgasse 7, Tel.: 0221/920 55-0, www.lint-hotel.de; DZ/F ab 129 Euro. Hotel im Wasserturm: Luxushotel hinter denkmalgeschützten Mauern. Innenarchitektur von der französischen Stardesignerin Andrée Putman. Verglastes Dachrestaurant mit Panoramablick. Kaygasse 2, Tel.: 0221/ 200 80, www.hotel-im-wasserturm. de; DZ ab 215 Euro.

Info Jürgen Becker

Tourplan zum aktuellen Programm "Ja, was glauben Sie denn?" unter www.juergen-becker-kabarettist.de.

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