HOME

Niederbayern: Für Augen, Seele und Kehle

Kunstliebhaber, die auch eine Maß Bier schätzen, sind hier richtig. Zwischen Regensburg und Passau finden sie in Niederbayern abseits der Touristenpfade so viele barocke Kirchen und private Brauereien, dass die Tour ein Genuss wird.

Schwester Doris wuchtet mit starken Armen 50-Liter-Fässer aufeinander. Bier kann ganz schön schwer sein. Wäre die stämmige Braumeisterin keine Nonne, würde sie wahrscheinlich fluchen. So aber ruft sie göttlichen Beistand an und stemmt das nächste Fass. Der Draht nach oben ist kurz im Kloster Mallersdorf. Gleich gegenüber der Brauerei, wo unter der Leitung von Schwester Doris pro Jahr 3000 Hektoliter Vollbier vergoren werden, steht ein Gotteshaus von so beschwingter Schönheit, dass selbst gemeinhin ungläubige Seelen hier schwer der Versuchung widerstehen, himmelwärts zu streben. Von außen sieht die blendend weiße Klosterkirche St. Johannes mit ihren Doppeltürmen zwar eher nüchtern aus. Doch wie bei einer Perlmuschel ist es das Innere, was glänzt. Ein Kirchenschiff, in dem architektonische Geometrie fast verschwindet hinter einer bewegten Rokoko-landschaft in Gold und Stuck. Wo steinerne Heiligenfiguren scheinbar schwerelos über goldgerahmten Altarbildern schweben und barocke Deckengemälde dem Auge des Betrachters einen Blick in höchste Himmelssphären vorspiegeln. Über dem Hochaltar schwingt St. Michael neben dem Engel der Apokalypse sein Schwert gegen den siebenköpfigen Teufel, der sich wie ein giftiger, geflügelter Wurm auf einem Pfeiler windet. Der Altar ist ein Werk des Bildhauers Ignaz Günther, und das bedeutet ganz große Kunst. Grosse Kunst, die trotzdem noch immer ziemlich im Verborgenen blüht. Kloster Mallersdorf liegt in Niederbayern. Recht abseits und weit weg vom weltberühmten weißblauen Klischee der Lederhosen, der überquellenden Geranienbalkone und der Kitsch-Schlösser des Märchenkönigs Ludwig. In der Mallersdorfer Klosterkirche schieben sich keine Touristenscharen durchs Kirchenschiff. Hier hat der Besucher den steinernen Rokokojubel noch fast für sich allein, kann jeder ungestört stille Zwiesprache halten mit dem lieben Gott. Oder mit der Schönheit.

Und anschließend bei Bier und Brotzeit wieder ins Irdische zurückfinden. Niederbayerisches Rokoko hat den großen Vorteil, dass es fast immer in Symbiose mit niederbayerischem Bier auftritt. "Ja, ja, die Mönche haben schon was vom Hopfen und Malz verstanden", sagt engelhaft lächelnd Schwester Doris, von der auch der klassische Satz stammt: "Bier is g'sund, solang man's net sauft." Saufen steht dabei für unmäßiges Trinken. Im Landstrich zwischen Kelheim und Passau reihen sich bemerkenswerte Barock- und Rokokokirchen nur so aneinander. Man wundert sich, warum bisher noch niemand auf die Idee kam, diese Überfülle zur "Niederbayerischen Barock-Route" zu erklären. Nicht weniger dicht als die Abfolge prächtiger Gotteshäuser ist die Kette zünftiger Brauereien. Ihre Zahl in Niederbayern liegt irgendwo zwischen 50 und 60. Viele sind Familienbetriebe, und die meisten treten in Verbindung mit einem hauseigenen Bräustüberl auf, wo man sich mit dem Gerstensaft den Genius Loci pur reinziehen kann.

So lassen sich auf der Tour quer durchs behäbige Bauernland Gucken und Schlucken wunderbar kombinieren. In Weltenburg etwa, wo Mönche bereits ums Jahr 1050 Bier in der ältesten namentlich bekannten Brauerei der Welt siedeten. Von den Kastanien im Biergarten des Klosters sind es nur ein paar Schritte bis zur Abtei-Kirche, auf deren Hochaltar ein goldstrotzender St. Georg den teuflischen Drachen erlegt. Oben aus der Kuppel sieht die Heilige Dreifaltigkeit in einem schwindelerregenden Fresco dem gottgefälligen Tun zu. Weltenburg ist das meistbesuchte Meisterwerk des Spätbarocks in Niederbayern. Das liegt auch daran, dass der spektakuläre Canyon, den die Donau hier durch die Kalksteinfelsen des Juraberg-lands gesägt hat, als touristische Drauf-gabe mitgeliefert wird. Sowie der Rundbau der Befreiungshalle hoch über dem Fluss. Diesen Tempel der Befreiung der "Teutschen" vom Joch Napoleons ließ der bayerische König Ludwig I. im frühen 19. Jahrhundert errichten. Wahrscheinlich geplagt vom schlechten Gewissen. Immerhin hatten die Bayern dem französischen Kaiser jahrelang treu beigestanden und erst recht spät die Seiten gewechselt. Südlich von Weltenburg beginnt die Hallertau, das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Kein Wunder, dass sich hier die Brauereien häufen. Allein in einem Städtchen wie Abensberg stellen drei Familienbetriebe den sprichwörtlich "edlen Gerstensaft" her. Heute trifft das so nicht mehr zu: Es handelt sich zunehmend um Weizensaft. "Weißbier gilt als frischer, leichter, moderner", sagt Leonhard Salleck, der Chef der Brauerei Kuchlbauer, die nur noch Weizenbier produziert.

Durch sein Haus gibt es regelmäßig Führungen. Unterhaltsame Betriebsbesichtigungen dieser Art veranstalten inzwischen viele der niederbayerischen Brauhäuser. Beim Kuchlbauer überrascht ein Extra: Im Bierkeller schmückt die originalgetreue Reproduktion von Leonardo da Vincis "Abendmahl" eine Wand. Salleck hält das Meisterwerk des Renaissancemalers für das größte Gemälde schlechthin und hat darüber sogar ein Buch geschrieben. "Brezen, Bier und Leonardo, da kommt doch jeder Besucher auf seine Kosten", sagt der geschäftstüchtige Brauer. Keine 15 Kilometer weiter liegt in Rohr die Wallfahrtskirche "Mariä Himmelfahrt" still und leuchtend unter der Vormittagssonne. Die Tür ist offen, im Inneren ist kein Mensch, und zur Darstellung der Himmelfahrt Marias über dem Hochaltar fällt einem als Vergleich aus der Musik nur Mozart ein. Die entschwebende Jungfrau in luftiger Höhe scheint alle Erdenschwere abgelegt zu haben. Das steinerne Wunder ist ein Werk des jüngeren der Gebrüder Asam. Dieses Brüderpaar hat in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrere der niederbayerischen Kirchen ausgestaltet. Dabei vergaß es seine Auftraggeber nicht: Hinter der auffahrenden Maria prangt das weiß-blaue Rautenwappen der bayerischen Herzöge. Die Asams und ihre Virtuosität auch in Altenmarkt, in Straubing und in Aldersbach. Spätbarocke Beschwingtheit anderer Architekten, Bildhauer und Maler in Loh nahe Straubing und in Fürstenzell, der Sammarei bei Ortenburg, im Kloster Metten und im Kloster von Niederalteich. Nach einer Woche Gold, Glanz und Gloria quer durch Niederbayern schmerzen die Augen, und der Kopf hat Mühe, die Höhepunkte dieser Tour der richtigen Kirche zuzuordnen. War die Kanzel mit den Symbolen der vier Evangelisten in Loh oder in Niederalteich? Nein, in Niederalteich verblüfften die gruseligen Skelette von Märtyrern mit perlenbestickten und edelsteinstrotzenden Gewändern in Glassärgen ganz besonders. Und der wohlbeleibte, betende Ordensbruder, der vor dem Altar kniete. Er passte als lebendes Gesamtkunstwerk perfekt ins barocke Bild. In Metten war es die Klosterbibliothek, in der es auch asketischen Mönchen schwerfallen muss, sich beim Lesen nicht von der Pracht der Säle ablenken zu lassen. Und beim Kirchenschiff der Asam-Brüder in Aldersbach verknäueln sich die Details im Gedächtnis, so randvoll ist es mit güldenem Stuck.

Da sind dann die breit hingelagerten Marktplätze von Straubing oder Deggendorf und ihre spätmittelalterlichen Rathaustürme geradezu eine optische Erholung. Die sanften Hügellandschaften südlich der Donau. Die Zwiebeltürme der Dorfkirchen, die über Bergkämme spitzen. Und natürlich die vielen, vielen Wirtshäuser, in denen auch stressgeplagte Geister schnell zur Ruhe kommen. Träger Herbstnachmittag im "Mühlhamer Keller" an der Donau. Der Glanz der Asam-Kirche von Altenmarkt liegt gerade fünf Kilometer hinter einem, der von Niederalteich kaum weiter entfernt am anderen Stromufer. Reife Kastanien fallen klackend auf die Holztische im Biergarten, ein paar goldfarbene Blätter schweben kreiselnd zu Boden. Um die Donauschleife schiebt sich wie in Zeitlupe ein Schleppzug. 15 Kilometer flussabwärts liegt Vilshofen. Dort hat im "Wolferstetter Keller" Franz Josef Strauß beim so genannten politischen Aschermittwoch viele Jahre altbayerischen Sprachbarock zelebriert. Eine Bronzetafel am Eingang erinnert an seine Tiraden gegen die Roten. Man sollte diese Kultstätte nicht versäumen, bevor man in Passau, laut Alexander von Humboldt "eine der sieben schönsten Städte der Welt", mit dem wuchtigen Barock-Dom die Kunstreise durch Niederbayern beendet. Doch im Biergarten an der Donau denkt der Gast nicht so weit voraus. Er sieht den Schlepper langsam größer werden, sieht gleichzeitig die Kellnerin mit einem vollen Tablett näher kommen und verlangt: "No a Hoibe, bittschön!" Und für einen flüchtigen Moment gemahnt ihn das satte Gelb in den Glaskrügen an die Gold-Orgie in der Kirche von Altenmarkt.

Teja Fiedler / print

Wissenscommunity