Reise-Reportage Einmal rund um Deutschlands Norden


Kap Arkona statt Kap Hoorn, statt Karibik Kühlungsborn: Wilfried Erdmann, der verwegene Einhandsegler, war auf Heimat-Törn - in einer kleinen Holzjolle über die Ostsee und quer durchs Land.

Was kann einer noch machen, der zwischen Cuxhaven und Kap Hoorn zur lebenden Legende geworden ist? Der auf den sieben Meeren alles hinter sich und seinen sicheren Platz in der Hall of Fame des Segelsports erobert hat? Was fällt ihm als Nächstes ein? Auf dem Kopf stehend über den Atlantik? Kieloben durch den Pazifik? Nein. Er fängt einfach wieder an. Ganz von vorn. Wilfried Erdmann, der einzige Deutsche, der zweimal die Erde allein umsegelt hat, dieser Bezwinger der großen Ozeane, ist auf kleinen Wassern gefahren: mit einer winzigen Holzjolle die Ostseeküste hoch und dann über Flüsse und Seen quer durch Mecklenburg, Vorpommern und Brandenburg. Ein Wandertörn durch einen Sommer, der als "Jahrhundertsommer" in die deutsche Wettergeschichte einging. Eine Tour zurück zu den Ursprüngen. Eine Expedition in die Heimat.

"Mein Traum zu dieser Reise entstand dort", schreibt Erdmann in seinem gerade erschienenen Buch über dieses unspektakulärste aller seiner Abenteuer, "wo die Stürme am heftigsten waren und die Wellen brutal zuschlugen: im Südpolarmeer. Zu einer Zeit, als ich mit "Kathena Nui" um die Erde knüppelte, entstand in meinem Kopf sozusagen das andere Extrem. Nach all dem Graublau und Grauschwarz der ozeanischen Meere wünschte ich, unbedingt etwas Grünes zu sehen."

Die Entdeckung der Leichtigkeit

Segeln in Sichtweite der Küste, über stille Buchten, belaubte Flussläufe hinauf, grün umsäumte Seen hinunter, mitten hinein in amphibische Landschaft - die Entdeckung der Leichtigkeit: Am 8. Mai 2003 legt Seemann Erdmann nahe seinem Wohnort Goltoft an der Schlei ab und geht auf große Fahrt - an Bord der "Gunilla": einer Hansa-Jolle, 5,85 Meter lang, 1,61 breit und mit 49 Jahren immerhin noch 14 Jahre jünger als ihr neuer Eigner, den ein spartanisches Bordleben erwartet. Das Bötchen hat unter Deck weder Bank noch Koje, die Kajüte bietet gerade einmal Kniehöhe, gesessen wird mit Fakir-Gleichmut, geschlafen auf einer harten Matte, gekocht auf einem einflammigen Petroleumkocher - alles wie zu Zeiten von "Gunillas" Jungfernfahrt 1954. Motto: Simplify your sailing-life.So eine Jolle ist kein schnelles Schiff. Mehr als sieben Knoten sind kaum drin, aber schon davor wird's kippelig. "Gunilla" beansprucht in jedem Augenblick die volle Aufmerksamkeit des Einhandseglers. Segelwechsel sind artistische Manöver. Alles zusammen führt dazu, dass die Distanzen, die Erdmann zurücklegt, jeweils kurz sind und es kaum einen Hafen unterwegs gibt, den er nicht anläuft.

"Worin liegt der Reiz der Reise?"

Der Reisende ohne Kühlschrank und Klo erlebt sich an den vollen Stegen der herausgeputzten Ostseehäfen als exotischen Außenseiter; in den Augen mancher Hafenmeister und vieler segelnder Zeitgenossen begegnet er einer Mischung aus Mitgefühl und Arroganz. "Worin liegt eigentlich der Reiz dieser Reise", fragt er sich halb belustigt, halb resigniert, als er im Warnemünder Segelclub in der letzten freien Box neben einem hochbordigen Schiff namens "Goldmarie" liegt und von dort mit hochgezogenen Augenbrauen beim Aufwärmen seiner restlichen Spaghetti vom Vortag beobachtet wird. "Am Unvernünftigen", antwortet er sich selbst.

"Sentimental Journey"

Doch so klein ist sein Boot, so flachgehend, dass er keine Probleme hat, den Kursen und Sammelplätzen der Yachten zu entkommen und seine eigenen Orte zu finden: verschwiegene Buchten, einsame Stege unter Pappeln, Schilfinseln, Plätze mit Namen wie Kinnbackenhagen, Prerow oder die Bülten. Und dort, in den grünen Wasserwinkeln seiner alten Heimat, wird die "sentimental journey" des Wilfried Erdmann zu einer nostalgischen Reise heraus aus der Gegenwart - hinein in die Zeitlosigkeit einer uralten Wasserlandschaft, in der sich wenig verändert."Durch eine stille, flache und urwüchsige Landschaft gleiten wir dahin. Schilf, Schilf, Schilf zu beiden Seiten. Vereinzelt Birken. Am Ufer saufen Kühe. Ein Angler hockt vornübergebeugt auf seinem Stuhl. Endlich eine schilffreie Uferstelle mit Sand. Pinne umgelegt, und schon sitzt der Bug auf schlammigem Sandgrund. Ich berge das Groß und lege meine Beine auf die Achterbank. Mit etwas Fantasie könnte ich mich in einem Nilarm befinden. Der Himmel blau, das Wasser trübe. Doch ich befinde mich in deutschen Gewässern. Mein Kartenbuch zeigt: in einem zerklüfteten, unruhigen, buchtenreichen Boddengewässer. Schilf und Moorbestände schieben sich bis weit in die Bodden. Sandbänke verengen das Fahrwasser."

Rund um Rügen

Der Segler bummelt durch die Küstenwasser bis Hiddensee, wo sein Sohn für ein paar Tage an Bord ist; dann um Rügen herum, wo das Segeln wieder zur schönen alten Herausforderung wird:
"47 Kreuzschläge bis zum Kap Arkona. Aufkreuzen - mit einer Jolle - hat was mit Konzentration und Kondition zu tun. Optimal kreuzen, also hart am Wind segeln, ist eine Kunst. Pinne umlegen, Fockschot loswerfen, mit einem Handgriff und zum richtigen Zeitpunkt die Fock dicht holen, Blick auf die Windfähnchen, auf Kurs einpendeln, gerade so, dass das Segel nicht killt. Sich mit einem Bein am Süll abstemmen und zurücklehnen. Neben dem Wind auch auf die Wellen achten, auf das Vorliek und die nächste Wende im Kopf haben. Und das nochmals und nochmals. Irre. Das ist Segeln."Ein paar Seemeilen weiter, nach der Rundung des Kaps, notiert er bei achterlichem Wind:
"Glücklich mit Boot, See und Kurs lege ich mich rücklings quer ins Cockpit, den Kopf auf den Focksegelsack, denn inzwischen steht die Genua. Da liege ich nun, ganz locker den Blick in einen hohen Himmel. Unter meinen dünnen Planken 21 Meter Ostseetiefe und achteraus am Kap kreisende Möwen. Irgendwann höre ich auf zu denken. Ich schlafe ein. Tief und fest, während das Boot in einer alten Dünungssee rollend auf Lohme zuhält. Ein Zeichen der absoluten Zufriedenheit. Ich mag die Bewegung und Freiheit, das Ungebundene und Autarke, das nur ein reines Segelboot bietet. Segeln braucht Sorglosigkeit. Alleinsein mit Wolken und Wasser. Zuweilen eine Ankerbucht. Das Gefühl werde ich nicht an Land mitnehmen können."

Land voller weißer Flecken

Aber auch auf seinen Landgängen macht Erdmann Entdeckungen. Der Osten erweist sich immer noch als Land voll weißer Flecken. Auf einen stößt der Segler, als er die Bucht von Greifswald hinter sich hat und Ruden anläuft."Ruden? Das ist ein winziges Eiland zwischen Rügen und Usedom. Gerade mal eine Stunde groß. In dieser Zeit kann man es umwandern. Und eigentlich unbewohnt. Manchmal lebt ein Mann auf der Insel. Er ist Naturschützer und Künstler, sorgt für Ordnung im Hafen und kassiert Liegegeld bei den Yachten. Immer leben mindestens 15 Katzen und rund 33 schwarze Schafe auf Ruden. Ein Flecken, wie er in Deutschlands Westen schwerlich zu finden ist. Sandstrände, Steinwälle, Schilf, Buhnen, ein dichter Wald pinienartiger Kiefern, ein imposanter Turm (aus der Raketentestzeit) und eben verschiedene zerfallene ramponierte Gebäude. Intakt ist nur das Plumpsklo. Frei stehend mit Blick auf die Ostsee."

Ein Bootshäfchen zum Küssen

So pendelt der Segler zwischen Gestern und Heute, Natur und Zivilisation, offener See und flachen verwinkelten Bodden und Buchten; segelt dann weiter ins Achterwasser hinter Usedom, zum Stettiner Haff und unternimmt von dort aus Abstecher die Uecker hoch ins Binnenland; nach Eggesin. "Wieder mal so ein Bootshäfchen zum Küssen. Schon der Hafenmeister ist hellauf unruhig: ein Segelboot! Nein, das hatte er wohl lange nicht. Noch bevor ich vertäut habe, höre ich seine Lebens-Krankengeschichte. Er war auch Jollensegler, aber Rücken, Darm, Galle, Adern. Kostet 1,80 Euro. Nicht die Schilderung - die Übernachtung. Der Preis beinhaltet, super, super, jugendlich gesagt, eine hammerstarke Sanitäreinrichtung. Seife, Duschgel, Spülmittel, Küchenrolle. Frei duschen, unendlich und heiß. Außerdem in einem Ambiente mit Kacheln und Badarmaturen in Hilton-Qualität. Und natürlich ein Liegeplatz samt Wasser und Elektrizität. Ach, das Segelleben ist schön."

"Landgang? Schier unmöglich"

Im polnischen Kamien Pomorski erreicht Erdmann am 18. Juli den östlichsten Punkt der Reise, dann geht es wieder nach Westen, an Stettin vorbei auf die Oder."Die Oder - Fluss der Grenze. Die Ufer naturbelassen. Bedeutet: Wiesenlandschaft. Weidensträucher, die dem Sumpfboden Halt geben. Weidenbäume mit dicken knollenartigen Stümpfen. Hoch gewachsene Pappeln. Von Blitzen zerzauste und zersplitterte Eichen. In den Fluss umgestürzte Bäume. Moderndes, faules Holz. Dichtes Schilf und Gestrüpp. Schrei der Krähen. Fischreiher auf Geäst dicht über dem Wasser. Echt wild - der Fluss. Hier bändigt niemand das Unbändige. Landgang? Schier unmöglich. Die Oder und die Haff-Natur sind nicht zu Ausflugszielen verkommen, die man per Boot oder Auto aufsucht."

Der Hafenmeister kassiert 5,12 Euro

Doch nicht alles ist Idyll, was der kleinen "Gunilla" und ihrem Skipper am Ufer des Flusses begegnet. An manchen Orten zeigt ihnen der deutsche Osten die altvertraute hässliche Kehrseite. "Nehme ich das Städtchen Gartz, den ersten Ort, nachdem ich Polen verlassen habe. Dort parkte ich genau gegenüber einer Garagenansiedlung. Typisch Ost der Bau: verputzte Fassaden, Pultdach mit Teerpappe belegt, Holztore. Davor junge Männer, die an ihren Autos werkelten. Ein Autoradio spielte währenddessen Grönemeyer. Es herrschte eine lockere Stimmung - bis, ja, bis der Hafenkassierer kam: "Töne weg." Und bei mir die kuriose Summe von 5,12 Euro - hier kassiert die Stadt - fällig war. "Toilette gibt es nicht." Wenn ich muss, sollte ich ihn anrufen, er brächte mir dann den Schlüssel für die "öffentliche Bedürfnisanstalt". Die befindet sich in der Stadt.

Fotografieren unerwünscht

Halbwüchsige Jungen, die abends am leeren Kai angelten, wohlgemerkt weit und breit nächtigte keine Yachtcrew außer mir, wurden rüde weggescheucht. "Dies ist eine Anlegestelle und kein Angelkai." Die Ortschaft hat eine veraltete Gesellschaft. Das Misstrauen Fremden gegenüber ist groß. Fotografieren von Gebäuden wird als Angriff gesehen. Beim Ablichten des Kopfsteinpflasters schlägt eine alte Frau mit dem Besen nach dem Stativ."

Glückliche Momente

Zum Glück gibt es auch andere Begegnungen. Hafenmeister, die ihn kostenlos beherbergen; wildfremde Bootsfahrer, die ihn zu Kaffee und Kuchen, Bier und Würstchen einladen; jugendliche Segelanfänger, die auf Optimisten trainieren und mit leuchtenden Augen nach den Stürmen am Kap Hoorn fragen; und eine Frau, die vor Begeisterung über Bord fällt, als sie den Weltumsegler erkennt. Das größte Glück des Solo-Seglers aber bleibt seine Begegnung mit der amphibischen Natur, durch die er fährt - ganz besonders auf den einsamen Wasserläufen Brandenburgs und dann wieder zwischen Schweriner See und Elbe.

"Letzte Nacht noch lag ich im Lewitzland. Wenn man so will, Mecklenburgs Camargue. Von den Brücken über dem Kanal sind keine Wälder, keine hohen Bäume zu entdecken. Eine gleichförmige, nicht zu fassende Ebene breitet sich dort aus. Ein Gefühl der Einsamkeit, der Unermesslichkeit stieg aus dieser Landfläche. Und es wurde noch verstärkt durch den Wind, der, durch kein Hindernis gehemmt, kräftig wehte. Die platte Niederung wird vom Müritz-Elde-Kanal durchflossen. Überall Siele, Entwässerungsgräben, Dämme, Bäche. Beidseitig des Kanals befinden sich riesige, von Trenn-dämmen durchzogene Karpfenteiche. 587 Hektar Karpfenteiche, rund einen Meter tief, die der Herzog Johann Albrecht im sechzehnten Jahrhundert anlegen ließ.

Der Segler hat den Fluss für sich

Ich lag an einer Uferböschung mit Rohrganzgras, Rohrkolben, Gilbweiderich, Blutweiderich, Schwertlilie und selbstverständlich Schilf. Alles im Bereich einer Bootslänge. Quakende Stockenten holten mich aus dem Schlaf. Wenig später war der rhythmische Gesang des Teichrohrsängers aus dem Schilf zu hören. In der Luft über den Teichen Graureiher auf der Suche nach Fischen."Bei Dömitz erreicht Erdmann schließlich die Elbe, die - Jahrhundertsommer! - so wenig Wasser führt, dass die Berufsschifffahrt eingestellt werden musste. Der Jollensegler hat den Fluss für sich. Einen Fluss, der sich tief in sein Bett zurückgezogen hat und an den Ufern üppige Sandstrände von blendendem Weiß freigibt. "Kilometer 540: der Flusstraum. Auf der Mecklenburgseite eine Bucht, geformt wie ein S. Dazu breit und feinkörnig. Bug auf Sand gesetzt. Schwert abgelassen. Anker eigentlich unnötig. Eine Abendstimmung wie vor Florida. Ich möchte schreien vor Freude, so eindrucksvoll ist dieses Bild. So idyllisch kann doch nicht Deutschland sein. Ich gleite sanft ins Wasser und wage keine Planscher, um die Stille nicht zu zerstören. Weiß nicht, wie viele Buchten ich heute hatte, aber immer das Gefühl, hier kann man nicht vorbei. Ich muss an Land und Spuren hinterlassen. Kurzer Landgang und weiter. Aber das jetzt ist der absolute landschaftliche Hammer. Mir schräg gegenüber am Ufer befindet sich eine seltene Ausgabe einer Weide. Ein Stamm mit 17 körperdicken Ästen, die wie ein Korb gewachsen sind. Hocke mich in die Mitte der abgehenden Äste, ungefähr zwei Meter über dem Boden, und denke: Es gibt Tage in der Natur, die kann man nicht mit dem besten Whisky toppen."Über die Elbe und den Elbe-Lübeck-Kanal erreicht Wilfried Erdmann bei Lübeck wieder das Wasser der Ostsee, segelt an Fehmarn vorbei und ist nach 144 Tagen und 1268 Seemeilen zurück in der Schlei. Dort notiert er: "Die Magie der Heimat, ich habe sie erlebt."

Wilfried Erdmann, aufgezeichnet von Peter Sandmeyer print

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