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Streit um Ausflaggung der "MS Deutschland" Krach auf dem Traumschiff


Der Streit um die "MS Deutschland" eskaliert. Die Reederei bestreitet, dass sie den Kapitän von Bord gejagt hat. Die Besatzung des "Traumschiffs" hofft auf den Bundespräsidenten.
Von Till Bartels

Die "MS Deutschland" ist eine schwimmende Legende. Die weiße Lady der Weltmeere ist das letzte noch unter deutscher Flagge fahrende Kreuzfahrtschiff. Am Heck des durch die Fernsehserie berühmt gewordenen "Traumschiffs" prangt unter dem Schiffsnamen noch der des Heimathafens: Neustadt in Holstein. Doch geht es nach dem Willen des neuen Besitzers, dem Finanzinvestor Aurelius, wird der Schriftzug der kleinen Hafenstadt an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste bald übergepinselt und durch Valetta ersetzt werden. Der Ort auf der Mittelmeerinsel Malta soll die neue Heimat für das traditionsreiche Schiff der Reederei Peter Deilmann werden.

Doch es gibt heftigen Gegenwind gegen die seit Mitte Mai drohende Ausflaggung. Kapitän Andreas Jungblut, seit 13 Jahren einer der Kapitäne, und seine Crew wehren sich. In den letzten Tagen schlug der Streit immer höhere Wellen, als Kapitän Jungblut angeblich vom Geschäftsführer der Reederei von Bord verwiesen wurde. "Das ist ein einmalig würdeloser Fall in der Schifffahrt, dass ein Kapitän von Bord geworfen wird", sagte er der "Bild"-Zeitung. Die Reederei sieht das anders: Der Kapitän war nicht im Dienst, sondern befinde sich in seinem seit längerem geplanten Urlaub, als er das Schiff am Mittwoch in London besuchte. "Dabei hat er die Frage, warum er nicht seinen Urlaub genieße, als unfreundlichen Rauswurf aufgefasst", so eine Reederei-Sprecherin zu stern.de.

Ein Schiff mit Symbolcharakter

Grund für die Ausflaggung sind seit Längerem geplante Sparmaßnahmen. Denn die 260 Mitarbeiter arbeiten mit deutschen Arbeitsverträgen. Ein angeblich teurer Anachronismus: Fährt dagegen ein Schiff unter einer Billigflagge, lassen sich Sozialabgaben, Lohnnebenkosten und Ausbildungsförderung einsparen. Andere bekannte Kreuzfahrtschiffe wie "Mein Schiff", die gesamte Aida-Flotte und sogar die "MS Europa" segeln längst unter fremder Flagge. Dabei bleibt die Bordsprache weiterhin Deutsch. Doch für eine Ausflaggung der "MS Deutschland" ist die "Überführung der Besatzung" erforderlich, wie es in der Sprache der Juristen heißt.

Über den Betriebsübergang verhandelt seit Monaten die Gewerkschaft mit dem Eigner. "Es war fast Einigkeit erzielt", sagt Karl-Heinz Biesold, der Bundesfachgruppenleiter Schifffahrt bei Verdi im Gespräch mit stern.de. Der Gewerkschaftler vertritt die zu fast hundert Prozent organisierten Mitarbeiter an Bord und wacht über den bestehenden Haustarifvertrag. Doch es werden im neuen Beschäftigungssicherungsvertrag immer wieder Änderungen von Seiten der Reederei vorgenommen, so Biesold.

Als Affront bezeichnet er die Maßnahme, den altgedienten Kapitän Jungblut, der seit 27 Jahren für Deilmann arbeitet, von Bord zu kompromittieren. "Aurelius versucht einen Keil zwischen die Besatzung zu treiben", sagt Biesold.

Schwimmendes Deutsches Haus in London

Besonders pikant ist die derzeitige Lage der "MS Deutschland": Für die Zeit der Olympischen Sommerspiele hat der Luxusliner in der britischen Hauptstadt als offizielles "Deutsches Schiff London 2012" festgemacht. Zum Start der Spiele wird auch Bundespräsident Joachim Gauck an Bord übernachten. Der hat in Sachen Ausflaggung der "MS Deutschland" inzwischen Post von Verdi-Chef Frank Bsirske erhalten. In dem Brief, der stern.de vorliegt, spricht Bsirske von einer "Verschlechterung der Arbeits-, Sozial- und Tarifbedingungen auf dem letzten Kreuzfahrtschiff, das den Namen unseres Landes trägt." Auch die Schiffscrew hat sich mit einer Petition an Gauck gewandt und fordert, das Schiff im deutschen Schiffsregister zu behalten.

Wenn das deutsche Staatsoberhaupt während seines London-Besuchs auf das am Themse-Ufer festgemachte VIP-Schiff kommt, dürften nicht nur sportliche Themen eine Rolle spielen. Nach Gewerkschaftsangaben wird es auch zu Gesprächen mit der Besatzung kommen, und auf den Bundespräsidenten könnte eine vermittelnde Rolle zukommen. Schließlich hatte Amtsvorgänger Richard von Weizsäcker das Schiff 1998 getauft.

Proteste auch aus Berlin

Bei der Ausflaggung geht es auch um Politik und um die Höhe der Fördergelder, die Nachteile unter deutscher Flagge fahrende Schiffe kompensieren soll. In Berlin sorgt sich der Maritime Koordinator der Bundesregierung, Hans-Joachim Otto, um die Ausflaggung. Er appelliert an die Reederei, sich zum "Standort Deutschland" zu bekennen.

Noch bis zum 13. August liegt die "MS Deutschland" in London. Gleich nach den Olympischen Sommerspielen wird das Schiff zu einer besonderen Kreuzfahrt aufbrechen: Auf einer dreitägigen Reise geht es mit Gästen, Olympiateilnehmern und Medaillengewinnern nach Hamburg. Sollte in den nächsten vierzehn Tagen keine Einigung im Konflikt um die Ausflaggung erzielt sein, "werden wir dem Schiff einen heißen Empfang bereiten", so Gewerkschafter Biesold.


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