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Hafenstädte an der Nordsee: Wie Bremerhaven mit neuen Attraktionen die Touristen anlockt

Nach dem Aus der Fischerei-Industrie und der Werftenkrise erfindet sich die Hafenstadt neu: Klimahaus und Auswanderer-Museum stehen für einen intelligenten Tourismus.

Von Robin Droemer

Das neue Bremerhaven bei Nacht: das Klimahaus 8 Grad Ost in Bildmitte und das hohe Hotel Atlantic Sail City rechts daneben.

Das neue Bremerhaven bei Nacht: das Klimahaus 8 Grad Ost in Bildmitte und das hohe Hotel Atlantic Sail City rechts daneben.

Getty Images

Das alte Bremerhaven zeigt sich auf einer Betonsäule hinterm Holzhafen. Dort steht ein Denkmal, und erst auf den zweiten Blick erkennt das Auge die verfremdeten Umrisse eines Segelschiffs. Nackt ragen drei Masten in die Höhe, Grünspan färbt ab auf das Deck. Knapp darunter die Inschrift: "Memento maris" – Gedenke des Meeres.

Vor 50 Jahren platzierte der Künstler Gerhart Schreiter seine Plastik hier, im Namen der Bürgergemeinschaft "Unser schönes Bremerhaven". Bei der Einweihung hingen noch Segel aus Stahl an den Masten. Und Bremerhaven blühte. Eine Stadt der Superlative, mit dem damals größten Fischereihafen Europas und einer der größten Reedereien der Welt.

Doch der Wind hat sich gedreht und schon vor Jahren sinnbildlich die Segel von der Plastik gerissen. In Bremerhaven ist heute von den einst 215 Fischereischiffen nur noch ein Fischtrawler aktiv. Viele Werften haben dichtgemacht, wer konnte, zog weg.

Das neue Bremerhaven

An einem Sommertag am Bahnhof von Bremerhaven zeigt sich dem Besucher ein anderes Bild. Auf den Bahnsteigen drängen sich Touristen; die Jugendfeuerwehr aus Bad Essen ist in uniform bedruckten T-Shirts angereist, vier Däninnen ziehen pinkfarbene Rollkoffer hinter sich her, Schulklassen toben durch die Ankunftshalle. Man spürt: Hier hat sich etwas getan.

Das neue Bremerhaven beginnt knapp einen halben Kilometer von Schreiters Skulptur entfernt in der Bürgermeister-Smidt-Straße, einer modernen Einkaufszone. Diese öffnet sich am südlichen Ende zwischen der Kunsthalle und der Hochschule. Auf ihrer Rückseite ankert im Museumshafen einer der weltweit letzten hölzernen Frachtsegler, die "Seute Deern", auf der man nicht nur gut essen, sondern auch heiraten kann. Ein bisschen Seefahrer- Romantik gehört eben dazu, selbst in einer Stadt, deren Seefahrt immer mehr zur Geschichte wird. Und deren selbst gewählte Zukunft Tourismus heißt.

Attraktionen: Klima- und Auswandererhaus

Aber Fischbrötchen und alte Kähne, das bieten im Norden viele Städte. Auch deshalb hat man in Bremerhaven beschlossen, nicht allein auf die maritime Vergangenheit zu setzen. Viel prägender als der Museumshafen ist das Klimahaus. Unübersehbar liegt es als riesige Bohne aus Stahl und Glas vor dem Deich. Im Inneren kann man auf 5000 Quadratmetern die unterschiedlichen Klimazonen von den Schweizer Bergen bis zum Südseestrand Samoas nachempfinden. Durch das Eis der Arktis und die Hitze einer Wüste geht es wieder zurück an die Nordsee. Unterwegs berichten Einwohner der Regionen in Filmen davon, wie die klimatischen Bedingungen ihr Leben beeinflussen.

Eindrucksvolle Inszenierung im Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven: Gleich legt die Überseedampfer von der Columbuskaje nach Nordamerika ab.

Eindrucksvolle Inszenierung im Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven: Gleich legt die Überseedampfer von der Columbuskaje nach Nordamerika ab.

Schräg gegenüber steht das Deutsche Auswandererhaus. Zwischen 1830 und 1974 legten mehr als sieben Millionen Menschen von Bremerhaven ab, auf der Suche nach einer besseren Zukunft in der neuen Welt. Ausgestattet mit einem symbolischen "Boardingpass" für einen Überseedampfer, tritt man in die Fußstapfen eines Auswanderers, vom Kai in Bremerhaven bis zur Einwanderungsbehörde in New York.

Vor der Abfahrt stromert man über Kopfsteinpflaster und mischt sich unter Figuren in historisierten Kostümen. Die Wand des Kulissendampfers knirscht, Wasser spritzt, und legt man seinen Boardingpass auf ein dafür vorgesehenes Feld, ertönen über Lautsprecher Zitate aus Abschiedsbriefen. Das Museum beweist, dass man mit dem nötigen Aufwand und viel Liebe fürs Detail fremde Erfahrungen besser erlebbar machen kann als mit jeder Virtual- Reality-Brille.

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich der Einwanderung nach Deutschland, von den Hugenotten im 17. Jahrhundert bis heute – mit einem Fokus auf den vergangenen 50 Jahren. Am Ende wird der Besucher im "Studio Migration" animiert, seine Meinung zu äußern, zu Themen wie der doppelten Staatsbürgerschaft oder der Einwanderung nach Punktesystem.

Museumsmitarbeiter Diab Bransi, der selbst aus Palästina stammt, ist auf das Studio besonders stolz. Gerade "weil wir in Deutschland endlich mehr miteinander reden müssen". Bransi kam in den 90er Jahren nach Bremerhaven, um als Tischler zu arbeiten. Genau zu jener Zeit, als viele Betriebe pleitegingen. Der Handwerker fand vor zwölf Jahren einen Job im Museum. "Im Leben läuft nicht immer alles nach Plan. Wichtig ist, dass man das Beste daraus macht", sagt Diab Bransi.

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