WM-Quartier Adler in Orange


Mitten im Schwarzwald logiert die holländische Nationalmannschaft . Das Parkhotel Adler beherbergte schon Marie Antoinette, die in der Revolution das Haupt verlor. Heute müssen die holländischen Kicker den Kopf einziehen, wenn sie im luxuriös gemütlichen Restaurant speisen wollen.

"Kleide Dich so, wie das, was Du erreichen willst" könnte Felix Anheier, Verkaufs und Marketingleiter des Parkhotel Adler in Hinterzarten im Schwarzwald bei der morgendlichen Wahl seiner Krawatte durch den Kopf gegangen sein.

Er wählte an diesem Tag Orange. Dass die Farbe Orange in den nächsten Wochen zum folgenschweren Programm einer ganzen Ortschaft werden würde, war dem heiteren Mittdreißiger am Abend klar: Marco van Basten, Trainer der holländischen Fußballnationalmannschaft, erkor nach diesem Treffen den "Adler" zum Stammsitz seiner "Jongens" während der WM 2006.

Das Parkhotel gehört zu den "leading small Hotels of the world", nun hat es eine weitere Besonderheit in seiner langen Vita zu bieten: Es wird eines der 32 Mannschaftsquartiere, die verteilt über ganz Deutschland liegen. Ausschlaggebend war neben der freundlichen Atmosphäre auch der hoteleigene Park, bis an den Waldrand reichend. "Der Marco van Basten ist ein Mann, der keinen Rummel mag", so die Einschätzung von Felix Anheier. Trainiert wird beim FC Freiburg, dem Rebellenclub der Liga. Die hielten die Anfrage aus dem Hotelumfeld wochenlang für einen Witz, bis schließlich Marco van Basten persönlich während eines Pokalspiels gegen die Bayern im Stadion auflief. Sofort war man in Freiburg bereit, alle Anlagen zur Verfügung zu stellen.

Kicker in Modelllandschaft

Hinterzarten im Schwarzwald sieht genauso aus, wie man sich die ideale Landschaft für eine Modelleisenbahnanlage vorstellt: Eine Fahrt auf hoteleigenen Mountainbikes erster Güte präsentiert dem staunenden Radler lauschige Täler, bewaldete Hügel und eingebettete Schwarzwaldhäuser mit weit heruntergezogenem Dach und verschindelten Wänden. Bereits vor dem prominenten Mannschaftsbesuch wählten viele Holländer diese Gegend zum Urlaubsort, nach der WM werden es noch mehr werden. "Umso weiter die Mannschaft kommt, umso mehr wird man über sie und ihr Quartier berichten", rechnet Herr Anheier aus. Nicht nur das Hotel, inzwischen färbt sich der ganze Ort orange ein. Trikot und Tücher, Taschen und Stifte, alles was orange ist, muss ins Fenster. Auch wenn es sich um fachfremde Mädchenbücher handelt.

Traditionshaus mit VIPs

Das "Adler" kann auch ohne die bevorstehenden Wochen mit einigen historischen Besonderheiten aufwahrten: Die Geschichte des Hotels geht zurück bis ins Jahr 1416, als das Stammhaus, in dem heute die beiden Restaurants und die Küche untergebracht sind, erbaut wurde. Seit 1446 ist das Haus in Familienbesitz. Ursprünglich ein Hofgut mit Wald und Wiesen diente es im 18. Jahrhundert als Poststation und übte sich früh in der Beherbergung von VIPs: Marie Antoinette, deren Schicksal später mit dem legendären Spruch. "Das Volk hat kein Brot, dann möge es doch Kuchen essen!" die Liste der Paris Hiltons dieser Welt eröffnete, musste für diese verbale Entgleisung mit ihrem Kopf bezahlen. Marie Louise, Tochter Maria Theresias, hatte mehr Glück, nach ihrem Aufenthalt im Adler wurde sie lediglich zwangsvermählt und zwar mit Napoleon himself.

Daumendrücken für Orange

Nun hofft der Adler, dass es das Schicksal besser mit den holländischen Gästen meint. Die Belegschaft freut sich über die Abwechslung der Klientel, die den Altersdurchschnitt des Hotels auf einen Schlag um einige Jahrzehnte nach unten senkt. Abzuwarten bleibt noch, wie viele Au! und Ohs! die Hotelangestellten während der Herbergswochen mit anhören dürfen. 1416 hat man die Deckenhöhen im Restaurant noch nicht wirklich für große Recken errichtet, schon normal Gewachsene müssen den Kopf einziehen. Dafür sitzt man ur-gemütlich - trotz der fünf Sterne.

Selbstverständlich wird das gesamte Hotel mit seinen 78 Zimmern im barocken Stil, einschließlich 32 Suiten, während der gesamten Zeit für die Öffentlichkeit gesperrt werden. Da man zum Glück keinen "global plaboy" wie David Beckham im Team hat, werden auch keine allzu aufdringlichen Paparazzi erwartet.

Fußball, was ist das?

Befürchtungen gesellschaftlicher Art hatten andere Gäste: So nahmen einige der langjährigen Stammgäste des "Adler" Anstoß an der Tatsache, dass es sich ja doch nur um "Fußballer" handele. Dass diese Fußballer seit einigen Jahrzehnten hoch bezahlte Millionäre sind, die sie es sich teils leisten könnten, ganze Hotels zu kaufen, musste den treuen Hausgästen vorsichtig vermittelt werden. "Die sind nur traurig, weil das Hotel ihnen in der Zeit versperrt bleibt und sie ihr zweites Zu-Hause nicht aufsuchen können", lächelt Inge Cachemaille, Leiterin der Wellness und Beauty Abteilung diplomatisch. In der Tat hat das "Adler" eine treue Kundschaft. So treu, dass einige vor der Anreise einen Möbelwagen mit ihrem eigenen Mobiliar anrollen lassen. Andere begnügen sich mit dem Herunterräumen der liebgewordenen, aber ausrangierten Kommoden vom hoteleigenen Dachboden. Im Adler wird jede Neuerung kritisch beäugt, auch wenn sie ganz liebevoll im Stil des Hauses passiert. So baut die Hotelleitung an einem Wiener Cafehaus mit dem programmatischen Titel "Diva", an dem mit Hochdruck bis zum Beginn der WM gewerkelt wird. Jugendstillampen, ausladende Palmen, ein Eingangsportal aus dem "Sacher" und ein original französischer Vintage -Tresen sollen den Charme der Jahrhundertwende heraufbeschwören. Eine eigene und hausgemachte Patisserie versteht sich von selbst.

Felix Anheier ist sicher, dass das "Diva" auch den Kontakt zu den Einheimischen und anderen Kurgästen verbessern wird. So soll nach der WM eine Eröffnungsparty mit gleichzeitig geschalteten Anzeigen versuchen, die Fünfsterne-Schwellenangst zu überwinden. Apropos Schwellenangst: Es gibt Reiche und Reiche. Die einen bilden sich viel auf ihren Reichtum ein, die anderen genießen ohne Dünkel gutes Essen, guten Service und wunderschönes Ambiente. Die Gäste des "Adler" gehören zur zweiten Kategorie. Ganz entspannt wird sich hier gegeben. Kein Dresscode im Restaurant und jederzeit bekommt der Gast ein freundliches Wort der Angestellten.

Der Gast im Zentrum

Dafür, dass das Wohlfühlen wirklich ganz, also mit Geist, Seele und Körper erlebt werden kann, sorgt Frau Inge Cachemaille mit ihrem ausgesuchten Team im Wellnessbereich des Hauses. Die 1999 aus- und umgebaute Wellnessabteilung ist einer der Schwerpunkte des Hotelkonzeptes.

Mit viel Fingerspitzengefühl fragen Frau Cachemaille und ihr Team den Gast bereits am Telefon über gewünschte Therapien aus, um ihn dann ganz entspannt mit einem fertigen Programm im Hotel zu begrüßen. Die universellen Fragen an das Schicksal: "Wo stehen Sie? Wohin möchten Sie und was kann Sie dabei unterstützen?" stehen im Mittelpunkt der Behandlung. Frau Cachemaille möchte ihren Kunden einen anderen Blick auf die Dinge vermitteln. Weiß der Kunde vorab, was er oder sie braucht, umso besser. Bei Unsicherheiten wird nachgehakt und Vorschläge werden unterbreitet. Echte Anteilnahme ist es, was Frau Cachemaille und ihr Team auszeichnet und zum Erfolg führt: Für viele Gäste stehen die Wellnessanwendungen im Mittelpunkt des Aufenthaltes.

So bleibt es zu hoffen, dass auch die holländischen Jungen die kundigen Hände des Wellnessteams zu schätzen wissen. Frau Cachemaille jedenfalls hat keine Angst vor den strammen Wadenmuskeln. "Was glauben Sie, wie viele Prominente wir hier schon massiert haben! Aber so viele leckere Männer, das ist schon etwas Besonderes."

Kulinarische Völkerverständigung

Auch die Küche ist für den orange Invasion gerüstet: Ab Ende Mai übernahm Christoph Fischer, gebürtiger Freiburger, die Küche im "Adler". Nach Stationen in Berlin, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern kehrte der Spitzenkoch zurück in die Heimat. "Nach der WM werden wir die ganze Küche umstrukturieren, bis dahin gibt es ein bisschen Stress," so der junge Koch, dem man den Stress überhaupt nicht anmerkt. Die Holländer werden jedenfalls im Team bekocht. Johann, der holländische Koch, hat sich vor Ort alles angeschaut und freut sich, ebenso wie Christoph Fischer, über die kulinarische Zusammenarbeit. Auf die hausgemachte Schwarzwälderkirschtorte werden die "Oranjes" aber verzichten müssen, sie hat einfach zu viel Sahne!

Von Marina Kramper/Hinterzarten

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