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Barcelona: Koks, Absinth und Paprikas

Von Absinth-Kneipen zu schummrigen Kokskellern - Barcelona ist berühmt für seine Nightlife-Szene. Die Stadt scheint nachts kein Auge zuzutun. stern.de- Mitarbeiterin Heike Sonnberger war zwölf Stunden an Theken und auf Tanzflächen unterwegs.

Von Heike Sonnberger

Es fing alles an, so wie es aufhörte: mit in Salz gebratenen Paprikas. Die aßen Barbara und ihre Schwester Nina in ihrer Küche im Stadtteil L'Eixample, in die das letzte Licht des Abends fiel. Dabei planten sie die Nacht in Barcelona. "Karma", "KGB", "Souvenir", "Macarena", "Locotrón"... Namen von Diskotheken schwirrten durch meinen Kopf, während sich die beiden das Salz von den Fingern leckten. Barbara griff zum Telefon. "Oye, gibt es das "Cangrejo" noch?" Geschlossen. Genau wie das "Paloma". Den Anwohnern war das Treiben zu bunt geworden.

"Nach einer durchgetanzten Nacht gingen wir früher ins "Café de Paris", um ein Calamares-Sandwich zu essen. Das war ranzig und eklig und ich habe lieber nicht zu genau auf die Theke geschaut", erzählt mir Nina. Jetzt hat sich das Café verändert. Vermutlich ist das Essen besser, aber keiner geht mehr hin. Ihr Tipp: "Alfredo müsst ihr besuchen, der weiß alles!" Woher sie Alfredo genau kennen, wie alt er ist und wo er herkommt - daran erinnern sich Nina und Barbara nicht mehr so genau. Doch sie wissen, dass er jede Nacht ab drei Uhr durch die gleichen Discos zieht. "La ruta de Alfredo" nennen sie das. Barbara und ich machen uns auf den Weg.

Barcelona ist berühmt für sein Nachtleben. Besonders in den verwinkelten Gassen der Ciutat Vella - der Altstadt - verstecken sich dutzende Bars und Cafés, die alle einen eigenen Charme haben. Katalonien und das Baskenland zählen seit langem zu den kulinarischen Hochburgen Spaniens. In Barcelona reihen sich neben die Tapas-Bars nun auch Sushi-Bars. Katalanen essen spät, selten verlassen sie vor neun Uhr abends das Haus. Dazu ist es im Sommer auch viel zu heiß.

Minioktopusse mit Thymian und Schokolade

Im Winter ist es um halb zehn immer noch unmöglich, einen Tisch im Restaurant "Origen" zu bekommen. "99,9 Prozent" katalanische Küche lautet der Slogan des Ladens. Hausmannskost mit ein bisschen Kreativität. Doch die kommt später - der Kellner zückt seinen Notizblock und kritzelt uns ans Ende der Warteliste.

Nach einem Bier auf leeren Magen sind wir eine Stunde später zurück im "Origen". Auf knusprigen Broten werden Knoblauch und Tomaten zerrieben und in Kürbis-Kastanien-Suppen getunkt. Spanischer Wein spült Forelle und Hase mit Süßkartoffeln hinunter. Die Prise Innovation des Abends: Minioktopusse mit Thymian und Schokolade. Das "Origen" ist so beliebt, dass mittlerweile vier Restaurants der Kette über die Stadt verteilt sind.

Hemingways Absinth

Um halb eins sind die Straßen des Altstadtviertels Barri Gòtic voller Leben. Passanten auf dem Weg zur nächsten Bar springen über die Pfützen, die die Straßenreiniger des Säuberungsdienstes "BCNeta!" hinterlassen. Zwei leuchtgrün gekleidete Männer spritzen die Kopfsteinpflaster mit einem knallgelben Schlauch ab. Das ist auch nötig, denn auf ihren nächtlichen Ausflügen pinkeln Discogänger gerne an Hauswände und Laternenpfähle. In keiner anderen Stadt scheinen so viele Straßenreiniger und Müllwagen tags und nachts durch die Straßen zu ziehen. "Trotzdem stinkt es hier im Sommer zum Himmel", kommentiert Barbara die beiden Männer mit dem Schlauch.

Wir lassen uns in die Bar "Marsella" treiben. Seit 1820 schenkt sie aus, manchmal kam sogar Ernest Hemingway auf einen Absinth vorbei. Süßlicher Dunst hängt an den Wänden, von denen die braune Farbe blättern. Manche Flaschen auf den Regalen sind in Staubflocken eingepackt, die noch aus Hemingways Tagen stammen müssen. Die milchigen Spiegel reflektieren Gläser gefüllt mit einem gelben Trunk. Zu dem Absinth gibt es stets zwei Würfel Zucker und eine Flasche Wasser. Barbara legt die Zuckerstücke auf eine Gabel, tunkt sie in den Absinth und zündet sie an. Dann gießt sie das Wasser über den Zucker, bis sich die Flüssigkeit trübt. So wird der Alkohol verdünnt und die Kräuter entfalten ihren Geschmack. Die Engländerinnen am Nachbartisch schütten resolut alle Zutaten ins Glas und rühren um. Das scheint auch zu funktionieren: Sie kichern und schwenken ihre Arme ausgelassen durch die Luft.

Raucher im Aquarium

Drei Uhr morgens. Endlich treffen wir Alfredo. Der hat Feierabend in der Bar nebenan, wo er fünf Tage in der Woche arbeitet. Er ist schon über 30 und wohnt immer noch bei seinen Eltern. Unrasiert ist er und unkompliziert. Heute nimmt er uns mit auf die "ruta de Alfredo". Uns und Juan, seinen Arbeitskollegen im blauen "Italia"-Pullover. Um dessen Handgelenk baumelt ein Holzarmband mit Heiligenbildchen.

An der "London Bar" halten wir kurz an und Alfredo organisiert Gutscheine für die nächste Disco. Die Bar wurde 1909 gegründet und prominente Gäste wie Miró und Picasso rauchten schon an ihrer Theke. Seit Januar 2006 ist das Rauchen dort verboten - und die Kunden paffen an anderen Theken.

In der Disco "Les Enfants" sitzen die Raucher in einem "Aquarium", einem abgetrennten Raum mit Glaswänden, wo sie brav ihre eigene Musik hören. Alle Gastronomien mit einer Fläche über 100 Quadratmeter müssen seit Januar eine abgeriegelte Raucherzone anbieten. Kleinere Bars können sich aussuchen, ob sie das Rauchen komplett untersagen.

Kunststudent mit Lippenpiercing und Kreuzkette

Vier Uhr morgens. Vor der Kultdisco "Karma" mitten auf dem Plaça Reial wartet eine Schlange Leute auf Einlass. Drinnen sorgen Daniel und Antoine für Stimmung. Der 28-jährige Daniel arbeitet schon seit 12 Jahren als DJ. "Du kannst an den Gesichtern der Leute auf der Tanzfläche sehen, welche Musik sie wollen", ruft er mir über den Lärm zu. Jetzt will er mit seiner Band "Miau Miau" eine Sängerkarriere starten. "Punkfunk" nennt er seine Musik.

DJ Antoine gibt seine Schicht an Daniel ab und hat Zeit für einen Schwatz. Antoine ist 36, wirkt etwas androgyn und steht auch manchmal auf der Bühne. Ich frage ihn, ob er dort singe. "Nein, ich schreie", zwinkert er mit seinen mit Glitzerpulver und Kajal umrandeten Augen. Der Kunststudent mit Lippenpiercing und Kreuzkette finanziert mit dem Auflegen von Platten sein Studium.

Kreditkarte zum Koksen

Morgens um fünf in der Nähe der Estació de França. Wir stehen vor dem "Magic". Alfredo deutet auf eine Sackgasse daneben. "Wenn du eine Kreditkarte hast, kannst du dich hierhin stellen", sagt er. Mit einem Busticket aus Pappe könne man das Koks schließlich nicht so schön zusammenschieben.

Eine Frau mit Filzhut und strohblondierten Haaren rollt beim Tanzen rhythmisch den Kiefer. Kauzwang, der von Amphetaminen wie Ecstasy verursacht wird, heißt es später. Langsam mahlt die Frau im Drogenrausch ihre Zahnflächen ab.

Ein Schulterklopfen, ein "Wir sind heute vier" - und Alfredo hat uns ins Magic geschleust. Dort läuft "I feel good", die Tanzfläche ist rappelvoll, das Schwarzweißposter des jungen Elvis in rotes Licht getaucht. Scherben knirschen unter den Schuhen. Teufelshörner aus Plastik ragen aus den verschwitzten Haaren eines Discogängers. Juan ist ein bisschen Koksen gegangen.

Illegale Tanzschuppen

Drogen gehören zum Nachtleben von Barcelona wie Straßenkünstler auf die Rambla. "Koks wird hier immer billiger", erzählt uns Nina am nächsten Morgen. "Früher wurde es sorgsam in Alufolie gefaltet, heute bekommt man es in der Cellophantüte von Zigarettenpackungen nachgeworfen." Klar sei Koksen verboten - trotzdem tue es jeder.

Um halb sieben schließt das "Magic" - und spuckt aus seinem Innern dunkle Gestalten, die in die Gassen davonhuschen. Wir biegen um drei Ecken. Vor einem Eisentor treffen wir die Leute aus dem "Magic" wieder. Sie stehen schweigend und wartend in Hauseingängen. Hinter dem Eisentor liegt der Tanzschuppen "Papillón". "Ist es geschlossen?", flüstert einer. Jemand drückt auf eine Klingel an der Wand. Niemand öffnet.

Burger und ein vorletztes Bier

Das "Papillón" hat keine Lizenz, um früh morgens zu öffnen. Manchmal lässt es trotzdem Leute ein, doch davon dürfen die Nachbarn nichts merken. Deshalb ist der Balkon auch mit einer Plastikplane verhängt. Solche illegalen Tanzschuppen für Leute, die nicht schlafen können, nennen sich "Afters". Vor manchen Discos fahren Busse die Betäubten zu "Afters" an den Stadtrand, wo sie keinen stören. Heute wanken alle ins "El Reloj" für ein vorletztes Bier und einen Burger.

Es ist acht Uhr. Im Schnellrestaurant "El Reloj" eilen Kellnerinnen in adretten Hemden mit leer geputzten Tellern zwischen Plastiktischen hin und her, die mit Asche und Essensresten übersät sind. Manche Gäste pöbeln sich an, andere knutschen wild über ihrem Bier. Fleisch bruzzelt hinter der Theke in einer Pfanne, irgendwo zerspringt ein Glas in tausend Scherben.

Wir bestellen Patatas Bravas, Hamburger und in Salz gebratene Paprikas. Müde lecken sich Alfredo und Juan das Salz von den Fingern. Jemand gähnt verstohlen. In ein "After" will von uns heute keiner mehr.

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