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Kochbox-Versand Wie mich Paprikagate dazu brachte, mein Hellofresh-Abo zu kündigen

So hätte ich auch gern in der Küche gekocht, leider fehlten die Paprikas - und noch mehr.
So hätte ich auch gern in der Küche gekocht, leider fehlten die Paprikas - und noch mehr.
© Getty Images
Kochbox-Shops wie HelloFresh sollen Zeit sparen und zu einem gesünderen Lebensstil verhelfen. Doch eine Paprika zeigt derzeit das Problem des Geschäftsmodells.

Kochbox-Versender wie HelloFresh oder Marley Spoon zählen zu den großen Lockdown-Gewinnern. Kein Wunder: Restaurants sind seit Monaten flächendeckend geschlossen, und das Einkaufen von frischen Lebensmitteln ist alles andere als attraktiv. In meinem Supermarkt wurde die Zahl der Einkaufswagen limitiert, um die Kundenströme zu kontrollieren - mit dem Ergebnis, dass in Stoßzeiten am Samstagnachmittag ein regelrechtes Hauen und Stechen um die Wagen stattfindet. Darauf habe ich keine Lust. Und weil ich nach einem Jahr im Homeoffice mit zwei Kindern sämtliche Tiefkühlgerichte kenne, habe ich vor kurzem zur Abwechslung ein HelloFresh-Abonnement abgeschlossen.

Die Versprechen von HelloFresh

Die Versprechen von "Deutschlands Kochbox Nummer 1" klingen vollmundig: Ich würde mit den Essenskisten Zeit sparen, Geld und vor allem Stress, heißt es auf der Webseite. Die Boxen seien zudem nicht nur gut fürs Portemonnaie, sondern auch für den Planeten. Klingt prima. 

Dass die Box günstiger ist als ein Wocheneinkauf, kann ich nicht bestätigen, viel teurer ist sie aber auch nicht. Die Sache mit der Nachhaltigkeit halte ich jedoch für eine steile These. Viele Lebensmittel sind in Plastik und einzelnen Tütchen verpackt, geliefert wird das Essen im normalen Transporter und nicht etwa im Elektrowagen. Zudem sind die Boxen mit Fisch und Fleisch genauso teuer wie jene mit ausschließlich vegetarischen Produkten. Letzteres ärgert mich und dürfte auch nicht gerade dafür sorgen, den Fleischkonsum - einer der größten Treiber des CO2-Ausstoßes - zu reduzieren. Aber dazu passt, dass das Unternehmen Sprüche wie "Menschen, die nach einem Salat satt sind, sind mir wirklich suspekt" auf Facebook teilt.

Ärger um Paprikagate

Doch egal für welche Box man sich entscheidet, eines scheinen derzeit alle gemeinsam zu haben: Es fehlen die Paprikas. Woche um Woche erhält man derzeit tröstlich formulierte E-Mails, dass man eigentlich Paprikas in die Box packen wolle, es jedoch aufgrund extremer Wetterbedingungen am Anfang des Jahres "leider zu vielen Ernteausfällen bei unseren Lieferanten [kam] und wir die Zutat daher kurzfristig austauschen [müssen]." Statt gelber, grüner und roter Paprikas landen in meinen Kisten Auberginen.

Ich mag keine Auberginen. Und so fing der Ärger an.

Dass eine Zutat mal nicht lieferbar ist - kein Problem. Jede Woche ein perfektes Produkt anzubieten, ist kaum machbar. Dann sollte man allerdings für einen passenden Ersatz sorgen. Nicht wie im Fall der Mojo Rojo, die mit Tomaten statt Paprika im Grunde nur eine Tomatensoße ist. Warum HelloFresh wochenlang Rezepte anbietet, für die man derzeit die Zutaten nicht gewährleisten kann, darüber kann ich nur spekulieren. Ohnehin lässt mich das #Paprikagate, wie es eine Nutzerin treffend auf der Facebook-Seite des Unternehmens bezeichnete, an der Praxis des Unternehmens zweifeln.

Die Nachrichten der Berliner suggerieren, Paprikas seien derzeit ein knappes Gut, ähnlich wie die Einkaufswagen in meinem Supermarkt. Aber sowohl im Penny als auch im Real bei mir um die Ecke stapeln sie sich. Ich kann zwischen Bio- und Standard-Qualität wählen und mir die Farben nach Wunsch zusammensortieren. Es scheint also nicht so zu sein, dass man momentan über ausgezeichnete Connections in die Lebensmittel-Szene verfügen muss, um an größere Mengen Paprikas zu gelangen.

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Paprikas sind teuer

Vermutlich geht es - wie fast immer - ums Geld. Denn Paprikas sind derzeit deutlich teuer als noch vor ein paar Wochen. Das liegt zum einen an den strengen Corona-Auflagen für die Erntearbeiter, zum anderen am Kälteeinbruch in Nordafrika und Spanien, welcher zu kleineren Ernten führte. Allerdings kostet eine HelloFresh-Box für fünf Tage und drei Personen pro Woche 75 Euro. Die 70 Cent Aufschlag für frische Paprikas dürften eigentlich drin sein.

Auf Nachfragen der Kunden, warum man keine Paprikas erhalte, äußert sich das Unternehmen in sozialen Netzwerken nicht. Und schüttet stattdessen sogar noch unfreiwillig Öl ins Feuer: Auf Facebook teilte das Unternehmen am Sonntag ein Bilderrätsel, in dem der Ausschnitt eines Gemüses gezeigt wurde. Das Social-Media-Team bewies nicht gerade Fingerspitzengefühl, als es die geschwungenen Kurven einer - Sie ahnen es - leuchtend-roten Paprika präsentierte. Es dauerte nicht lange, bis auf die Frage, was man auf dem Bild erkenne, folgende Antwort gepostet wurde: "Die Paprika, die nicht geliefert wurde." 

Lieferprobleme 

Wäre es nur der einzige Ausrutscher, man würde schmunzelnd darüber hinwegsehen. Doch die fehlende Paprika steht für viele Dinge, die nicht funktionieren. Die Frühlingszwiebeln wurden vergangene Woche durch Schnittlauch ersetzt. Die "frischen Kräuter" waren bei genauer Betrachtung eher kümmerlich und trocken. Die Tomaten immerhin vorhanden, aber blass und geschmacksarm. Im Supermarkt hätte ich sie jedenfalls nicht eingepackt. Die Bananen für die Bananen-Pancakes vor einigen Wochen kamen gar überreif und matschig an. Beim Auspacken war mein erster Gedanke jedenfalls nicht "Hallo, Frische", wie es der Name suggeriert. Stattdessen musste ich erst einmal den Matsch wegwischen, der durch die Tüte gesapscht ist.

Hinzu kommt: Bei der Verpackung oder beim Transport wird so unvorsichtig mit den Produkten umgegangen, dass einige Zutaten in den Tüten kaputt gehen. Ein Problem, welches früher offenbar nicht bestand und erst in den vergangenen Wochen Einzug gehalten hat. Der Kundenservice reagiert meist mit Satzbausteinen und Gutschriften für die nächsten Lieferungen. Doch was, wenn man die gar nicht will, weil einen ja schon die aktuelle genervt hat?

Am Ende muss ich in den Supermarkt

Die Idee von HelloFresh finde ich super. Aufeinander abgestimmte Lebensmittel geliefert zu bekommen, ohne nervig durch die Supermarktregale laufen zu müssen, ist mir persönlich einen Aufpreis wert. Die Rezepte sind abwechslungsreich und verständlich geschrieben. Doch wenn jedes mal Zutaten fehlen oder zermatscht sind und ich am Ende doch in den Supermarkt muss, ärgere ich mich am Ende mehr, als ich mich über die gesparte Zeit freue. Und das für 75 Euro pro Woche.

Wo wir wieder bei der Preisgestaltung sind. Das Fleisch ist, nach allem was ich von Kolleginnen und Kollegen höre, nicht immer spitze, aber stets von guter Qualität. Das Gemüse wirkt jedoch gelegentlich, als wäre es die B-Ware vom Großmarkt. Hochwertige Zutaten wie Esskastanien, Safran-Gewürzmischungen oder Ähnliches, mit denen man den identischen Preis zur Fisch-und-Fleisch-Box rechtfertigen könnte, sucht man bei den Veggie-Kisten vergeblich. Für Vegetarier wie mich ist die Box deshalb nur ein Deal, wenn man keine Lust hat, ein Kochbuch aufzuschlagen und nach Rezepten zu suchen.

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Achja, als ich den Kündigen-Button gedrückt habe, versucht mich HelloFresh zum Bleiben zu bewegen. Dafür präsentierten sie mir für die kommende Woche instagrammable angerichtete Hackbällchen, Seehecht auf Gemüsecurry und - kein Witz - gratinierte Spitzpaprika. 

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