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Inselurlaub in Estland: Bullerbü im Baltikum

Ferien wie früher: Blumenwiesen, durch die Störche staksen und Wälder voller Pilze. Dazu ein Holzhaus auf einer stillen Ostsee-Insel. Estland - eine Sommerliebe.

Von Katrin Püttmann

Die Luft ist anschmiegsam wie ein Kaschmirschal. Reglos ruht die Ostsee in der Bucht und rekelt sich nur, wenn wir die Ruder zu tief durchs flache Wasser ziehen und dabei über einen Stein schrappen. Rundgeschliffen von den nordischen Gletschermassen der letzten Eiszeit, dösen die Findlinge im Meer - und die, die groß genug sind, wärmen sich über der Wasseroberfläche in der frühen Morgensonne den Buckel.

In den Netzen dazwischen haben sich Barsche, Flundern und Rotaugen verheddert, die nur noch müde zappeln, als Sven Rammul sie an Bord zieht. Das Wasser habe bereits Badewannentemperatur, meint er. 18 Grad, wärmer wird die Ostsee an der estnischen Küste im Sommer selten. Dafür ist es schon morgens um vier Uhr hell, und das letzte Dämmerlicht überlässt erst nach Mitternacht den Sternen für kurze Zeit den Himmel.

"Die Fische fange ich nur für euch. Die müsst ihr alle mitnehmen", sagt Sven und lächelt, als er meinen ernsten Gesichtsausdruck sieht. Er weiß, dass mein Mann Michael und ich, beide Stadtmenschen, keine Ahnung haben, wie wir allein elf Kilo Frischen Barsch bewältigen sollen. Sven erledigt das für uns. Bauch aufschneiden, ausnehmen, drei Stunden in Salzlake baden. Später zeigt er uns seinen Räucherofen, eine niedrige Kammer in einer alten Scheune. Pechschwarze Balken atmen uns jahrzehntealten Ruß entgegen, unter der Decke baumeln 40 Barsche, an den Köpfen auf Eisenstäbe gesteckt. Das Feuer auf dem Boden verwandelt sich in eine beißende Qualmwolke. Noch lange Hocken wir abends, Mückenüberfälle ignorierend, mit Sven auf der Wiese vor unserem Sommerhaus, knabbern die Knusperteile von den Gräten und planen gleich den nächsten Trip aufs Meer - im Herbst, denn dann wimmelt es von Meerforellen.

330 Einwohner auf 92 Quadratkilometern

Sven lebt seit 15 Jahren auf Vormsi. Eigentlich sei er nur auf die Insel gekommen, um beim Angeln abzuschalten vom Stress in Tallinn, erzählt er. Seine Geschäfte in der Hauptstadt liefen rasant, er steckte mittendrin in den aufregenden Anfängen des Wirtschaftsbooms wenige Jahre nach Estlands Unabhängigkeit 1991. Als Antwort auf meine nächste Frage lächelt er, lange und froh. Die Insulanerin Marge ist der Grund, warum er für immer blieb. Ein Bauunternehmen hat er auf die Beine gestellt, und raus aufs Meer geht er jetzt, sooft er kann: "Fischen beruhigt mich."

Was könnte einen hier wohl aufregen, rätsle ich und lasse eine Hand durchs Wasser gleiten. Die wilden Strandwiesen und Fliederhecken? Moosige Kiefernwälder und Wacholdergebüsche, Seeadler, Schwarzstörche und Sternenhaufen am Himmel? Vielleicht ist es das Zuwenig an Struktur, was unruhig macht, wenn man dauerhaft auf Vormsi lebt. 330 Einwohner verteilen sich auf 92 Quadratkilometer Insel, immerhin die viertgrößte des Landes von rund 1521 insgesamt. Die meisten sind allerdings winzig, nur 15 sind bewohnt.

Sviby, Saxby oder Norrby

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten auf Vormsi noch mehr als 2500 Menschen, Nachfahren schwedischer Siedler, die im 13. und 14. Jahrhundert an der estnischen Küste landeten. Dort und auf der Halbinsel Noarootsi am Festland blieben sie jahrhundertelang unter sich, sprachen Schwedisch mit archaischem Dialekt und nannten ihre Dörfer Sviby, Saxby oder Norrby. Fast alle Inselbewohner flohen ins Land ihrer Vorfahren, nachdem Hitler und Stalin 1939 per Pakt Osteuropa untereinander aufgeteilt hatten. Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gehörten von da an zur Sowjetunion.

"Immer saßen zwei Soldaten im Boot, wenn ich einen Notfall ans Festland begleitete", erzählte uns Sonja bei einem unserer ersten Besuche. "Damit wir auch ja nicht abhauten", fügte die ehemalige Krankenschwester hinzu, und in das singende Estnisch der alten Frau mischte sich ein zarter russischer Akzent. Sie zog nach dem Krieg mit ihrem Mann auf einen der verlassenen Schwedenhöfe, um Vormsis Kinder auf die Welt zu bringen.

"Siin on seen" - hier ist ein Pilz!

Damals wurde es sehr still auf den Inseln. Als westlichster Außenposten der Besatzungsmacht waren sie rund 45 Jahre lang militärisches Sperrgebiet. Eine klapprige Fähre mit Platz für ein Dutzend Autos fährt heute zwei- bis dreimal täglich 40 Minuten übers Meer zum Festlandhafen Rohuküla und dem Kurort Haapsalu. Die Insel Hiiumaa erreicht man von dort im Zweistundentakt, das verträumte Muhu und die große Urlaubsinsel Saaremaa mit Strandpromenade und Yachthafen stündlich.

Auf Vormsi gibt es ein Restaurant, das nur im Sommer geöffnet hat. Außerdem ein paar Dutzend heimatverbundene schwedische Sommergäste, denen 70 Prozent der Insel gehören sollen und die nur ein Thema haben: die Vergangenheit. Dann noch einen winzigen Lebensmittelladen und eine Handvoll Hilfsarbeiter, die manchmal so betrunken sind, dass Svens Baustellen für einen Tag stillstehen. Kein Arzt, keine Polizei, keine Tankstelle. Noch nicht einmal ein Inselhund läuft herum.

"Siin on seen" - hier ist ein Pilz! -, quietscht der dreijährige Orm, als wir später mit seiner Mutter Marge und Sven durch flauschige Moospolster stapfen. Ich gratuliere ihm auf Deutsch zu seinem Steinpilz, denn meine Estnischkenntnisse sind dürftig. Immer wieder bin ich erstaunt, wie mühelos mein Mann Michael mit der Sprache jongliert. 14 Fälle, nur an den Wortendungen erkennbar, keine Artikel, keine Futurform, viele Umlaute und doppelte Vokale wie in siin oder seen. Das rollende r kann mühsam sein, zum Verzweifeln ist der unaussprechliche Vokal õ, ein Laut irgendwo zwischen o und u. Und zur Herausforderung wird die mit dem Finnischen verwandte Sprache, wenn man sich in einen Bauernhof mit Ziehbrunnen, Plumpsklo und schmatzenden Wildschweinen unter altersschwachen Apfelbäumen verliebt - und man Handwerker auf Estnisch dirigieren muss.

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