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Fußball und Island: Und es hat Hu! gemacht

Bei der Fußballeuropameisterschaft verzauberten die Isländer das Publikum. Aber warum nur lieben alle dieses Völkchen? Und warum ist das Volk so stolz auf Entbehrungen? Ein Besuch im Land der Elfen.

Von Stefan Schmitz

Island Fans und Mannschaft bei EM

Blau ist das isländische Wunder bei der Europameisterschaft in Frankreich. Sowohl Österreich und England erleben es.

Es reicht nicht, einfach nur "Hu" zu brüllen. Auf die Pausen kommt es an, den Rhythmus, die Trommel. Auf das Herz. Es ist 16.45 Uhr, Reykjavik, Ölver Sportbar, die Rollläden in der Kneipe sind dicht, die Gläser voll, Bildschirme und Beamer laufen. Noch 15 Minuten bis zum WM-Qualifikationsspiel Kroatien gegen Island in Zagreb.

Vorn schlägt einer die blau-weiß-rote Trommel: dong, dong. Die Fans, alle in Island-Trikots, klatschen über dem Kopf die Hände zusammen und grölen "Hu". Trommel. Hu. Kleine Pause. Trommel. Hu. Hu. Trommel. Hu. Hu. Hu. Das ist der Sound der Isländer. Hundert sind es vielleicht an diesem Abend. Den Takt gibt ein Junge mit Downsyndrom vor. Er strahlt. Er reicht jedem die Hand. Jeder hat ein Wort für ihn. Wild sind die Fans, manche besoffen - aber sie kümmern sich umeinander.

Island - die karge Insel, bezwungen erst im Viertelfinale

In dunkler Joppe sitzt Klaus Pfreundner von der Band Radspitz in der ersten Reihe. Er kommt aus Kulmbach, Oberfranken. Während der Europameisterschaft in Frankreich hat er ein Lied geschrieben, das er vor dem Spiel singt, in holprigem Englisch. "Aus Mythen und Legenden schöpfen sie die Kraft", heißt es darin über die Isländer. "Sie fuhren mit den Schiffen hinaus aufs weite Meer und wussten nicht, was der Morgen bringt." Island - eine Insel im Nordatlantik erscheint plötzlich nicht nur dem oberfränkischen Sänger als das etwas frischere Paradies, umtost von Wellen, gelegentlich gehüllt in die Asche von Vulkanen mit unaussprechlichen Namen ("Eyjafjallajökull"), und bewohnt von zünftigen Wikingern wie denen, die bei der Europameisterschaft die Engländer rausschmissen und erst im Viertelfinale scheiterten.

Tätowierte Typen mit rotblonden Bärten, die aber auf Gleichberechtigung, Windenergie und biologisches Essen stehen und eventuell sogar im Sitzen pinkeln. Der Kontinent hat sie, und Deutschland ganz besonders, in diesem Sommer adoptiert. Aber gibt es das gelobte Island der Wikinger überhaupt? Oder ist alles nur eine Projektion unserer Sehnsüchte?
Andrea Kristjánsdóttir könnte es wissen, eine junge Grafikerin, eine der wenigen Frauen in der Ölver Sportbar. Ihre Haare leuchten so islandblond, wie sie bei den Frauen aus dem Genpool der Insel eben so leuchten.

Andrea, glaubst du an Elfen?
Nein.
Magst du sie denn?
Ich liebe sie.
Island ist offenbar ziemlich kompliziert. "Du wirst es nicht über Nacht verstehen", versichert Arni, ein bärtiger Fels von einem Mann.

"Wir essen Hoden, weil wie das ganze Tier essen"

Längst ist da das Spiel aus, 0:2 verloren. Die großen Monitore sind tot, der Beamer ausgeschaltet. Kein "Hu" mehr. Arni Thór Gunnarsson fragt: "Warum essen wir Isländer Hammelhoden?" Arni schaut sehr ernst. Die Hammelhoden werden in Molke eingelegt, in Gelatine gepresst und meist als kompakter Block serviert. Sie schmecken leicht säuerlich, aber nicht schlimm. Genau deshalb kamen die Isländer einst auf dieses Gericht. Es habe nichts mit Wikingertum zu tun oder mit Abenteuergeist, sagt Arni: "Wir essen Hoden, weil wir das ganze Tier essen." So arm seien die Menschen auf der Insel bis vor Kurzem gewesen, dass sie alles verwerten mussten, wenn sie überleben wollten. Die Molke mache es möglich, auch diesen Teil des Tieres runterzukriegen.
Wenn die Schafbockgehänge jetzt also auf Speisekarten in schicken Restaurants stehen, dann ist das Marketing, Imagepflege, Abzocke - was auch immer, nur lecker ist es nicht. Aber typisch, vor allem dafür, wie immer neue Sagen und Legenden auf dieser Insel gesponnen werden. Schon die Wikingergeschichte kann so nicht stimmen, denn wen oder was sollte man im Nordatlantik plündern? Da ist heute wenig und war früher nichts.

Island - das ist vor allem Entbehrung

Wer Island begreifen will, so Arni, der müsse sich mit den Entbehrungen beschäftigen. Mit der Dunkelheit, den Schneemassen, den Vulkanausbrüchen, der Gefahr beim Fischen, dem Sturm und dem Eis. Nie wird das Wasser vor der Küste wärmer als sieben Grad. "Wir sind sehr stolz, hier zu leben", betont er. "Und sehr arrogant, weil wir das schaffen." Seine Oma, die 87 sei, habe noch in einer Torfhütte gehaust. Da kämen die Isländer her.

Island Fußballfans in Ölver Sportsbar

Fans in der Ölver Sportsbar in Reykajvik. Island verstehen - das gehe nicht über Nacht, sagt die Grafikerin Andrea Kristjánsdóttir (M.r.)


Als die Nasa sich vor 50 Jahren daranmachte, Astronauten auf den Mond zu schicken, ließ sie sie in Island trainieren. So außerirdisch fanden die Amerikaner die Bedingungen dort. Diese erbarmungslose Natur formt Jungs wie Aron Gunnarsson, den Kapitän der Nationalmannschaft, der der zentraleuropäischen Islandsehnsucht ein Wikingergesicht gegeben hat. Krumm ist er ein wenig, seine Muskeln dienen erkennbar keinen ästhetischen Zwecken. Dafür hat er sehr viele Tattoos. Benni Hallbjornsson, der offizielle Chef der Fans der Nationalmannschaft, sagt es so: "Aron ist stark, weil er Fisch isst. Cristiano Ronaldo ist stark, weil er irgendein Pulver isst." Der eigene Mann also durch und durch bio, der gegelte Südländer ein Kunstprodukt. Wann immer Gunnarsson auf den Bildschirmen im Ölver auftaucht, grölen seine Anhänger. Wenn er zum Einwurf geht, der bei ihm mehr einem Eckball gleicht, bricht die Hölle los.


Werfen kann Gunnarsson wie ein Handballer - schließlich ist er einer. Als Junge spielte er in seinem Heimatort Akureyri im Norden der Insel, sommers draußen Fußball, winters drinnen Handball. Bis in die erste isländische Handballliga hat er es so gebracht. Erst als er schon in der Pubertät war, begann die isländische Fußballneuzeit: mit dem Bau von riesigen Hallen, die Fußballtraining das ganze Jahr über möglich machten. Mit der Ausbildung von Hunderten Trainern, die die Jugend optimal fördern sollten. Und mit der Verpflichtung des schwedischen Coachs Lars Lagerbäck, der bei der taktischen Ausrichtung der Mannschaft nicht zuerst an die Windrichtung dachte, die so manchen Kick in Island, aber eben nicht in der Welt entscheidet. Gute Bedingungen, gute Trainer, ein Profi an der Spitze - mancher glaubt, das wären die Zutaten des Erfolgs. Was aber nicht stimmen kann in einem Land wie Island. Denn da kommen zu all den rationalen Gründen immer noch ein paar isländische hinzu.

Die Putzfrau ist nicht nur eine Putzfrau

Zum Beispiel in Gestalt einer ergrauten Putzfrau des Fußballverbands, die gerade ihren Wagen mit den Putzsachen durch die Innereien des Nationalstadions Laugardalsvöllur schiebt. Keine Tür ist abgeschlossen, kein Pförtner stellt Fragen - aber wo ist wohl das Büro der Generalsekretärin Klara Bjartmarz? "Sie müssen rauf in den zweiten Stock", sagt die Putzfrau in bestem Englisch. "Klaras Büro ist hinten rechts." Sie macht hier nicht nur sauber, sie gehört dazu. Und einen Wachmann brauchen sie nicht. Das ist Island.
Vorbei an Trophäen und Wimpeln geht es zu einer Glastür, hinter der Klara sitzt. Auf ihrem Laptop schiebt sie Island karten hin und her, auf denen kleine Fußbälle eingezeichnet sind. Für jede Liga hat sie eine Karte, jeder Fußball steht für einen Verein. In den oberen Ligen knubbeln sich die Bälle links unten bei Reykjavik. Aber bei der dritten Frauenliga gibt es ein Problem. Wie mit dem Salzstreuer sind die Bälle über das Land verteilt. Klara muss den Spielbetrieb so organisieren, dass die Teams nicht ewig unterwegs sind und die Kosten im Rahmen bleiben. Trotzdem gibt es lange Busfahrten und viele Flüge. "Das kostet Geld, aber es muss sein" , sagt sie. Jeder Verein zahle in einen Topf, aus dem die Reisen finanziert werden. Letztlich fließt das Geld von der Stadt aufs Land - hin zu Vereinen wie Thór Akureyri, bei dem Aron Gunnarsson stark geworden ist.

Island ist längst nicht mehr abgeschitten

Klara träumt davon, die landestypische Solidarität noch ein wenig auszudehnen - auf die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe: die Immigranten. Sie schwärmt von einem 15-jährigen farbigen Mädchen, einem Riesentalent, an dem der isländische Fußball noch viel Freude haben werde. Aber sie sagt auch: "Natürlich gibt es bei uns Fremdenfeindlichkeit. Wir sind nicht perfekt."
In den Vereinen, erzählt sie, seien die Ur-Isländer leider noch weitgehend unter sich. Das passt zum verbreiteten Klischee, dass die Isländer ohnehin in immerwährendem Inzest leben und per Smartphone-App checken, ob die letzte Eroberung vielleicht eine Cousine dritten Grades ist. Doch längst ist Island nicht mehr abgeschnitten vom Rest der Welt. Knapp 5000 Einwanderer kamen im vergangenen Jahr. Mehr als 761 Asylanträge entschieden die Behörden in den ersten zehn Monaten des Jahres 2016. Die Zahlen klingen nicht sehr gewaltig, verändern in einem Land mit nur 330.000 Einwohnern aber den Alltag.


5000 Neuankömmlinge sind gemessen an der Bevölkerungszahl mehr als eine Million in Deutschland.
Sturm und buddhistische Mönche Draußen auf dem Lande sieht es noch immer aus wie in der US-Fantasyserie "Game of Thrones" . Aber in der Hauptstadt gibt es Multikulti in einer Lightversion. Im Rathaus haben die städtischen Angestellten an einem Sonntag das 76 Quadratmeter große Modell der Insel beiseitegeräumt. Buddhistische Mönche sitzen auf kleinen Thronen in der Lobby; dahinter bedeckt ein riesiges Porträt des verstorbenen thailändischen Königs Bhumibol die Stirnseite. Hunderte Thailänder, alle schwarz gekleidet, trauern. Es ist still. Frauen weinen, ins Gebet versunken. Draußen peitscht der Sturm Wellen über den See Tjörnin. Die Enten kämpfen wie alle anderen Isländer auch. Mit ihren Artgenossen in Deutschland haben sie ungefähr so viel gemein wie Aron Gunnarsson mit Günther Jauch.

Eigentlich sind die Isländer Fischer

Asiatische Touristen ziehen mit Einkaufstüten beladen die Straße hinauf zur Kirche Hallgrimskirkja. Engländer in klobigen isländischen Holzlatschen - Opfer der allgegenwärtigen Happy Hour - torkeln zwischen Kebabladen und irischer Saufkneipe. Ein Hauch von Ballermann mischt sich in den eisigen Wind.
Die Zahl der Inselbesucher steigt unaufhörlich. Von unter 500.000 im Jahr 2010 auf 1,3 Millionen 2015. Die Touristen seien die Heringe unserer Zeit, schreibt die örtliche Zeitung.
Eigentlich sind die Isländer von jeher Fischer - und als solche notorisch risikobereit und optimistisch, dazu sehr gut ausgebildet. Ideale Voraussetzungen also für das Investmentbanking. Aber seit die Branche 2008 mit Mann und Maus unterging, sollen nun die Fremden das Land sanieren. Die halbe Hauptstadt wird bei Airbnb als Feriendomizil angeboten, was die Mieten immer weiter nach oben treibt.

Hier wählt der Wutbüger Clowns oder Piraten

"Man kann sich kein Apartment in der City mehr leisten", schimpft die 40-jährige Tinna Kvaran, die als Führerin im Skogar-Museum in Südisland gearbeitet hat. Jeder versuche, Geld mit Touristen zu machen - anders als im Bankenhype, als sich nur eine Minderheit bereichert habe. Island erscheint ihr "als eine gute Idee mit Potenzial" - und zugleich als korrupt bis auf die Knochen. Ein Land, in dem es einst keine Klassen gab, weil alle arm waren. Und in dem sich heute ein paar mächtige Familien breitmachen, die ihr Geld nach Panama und sonst wohin schaffen. Tinna schimpft und flucht. Aber auf sehr patriotische Art. Der Fußball? Eine großartige Sache, die die Leute glücklich gemacht hat. Die Isländer insgesamt? Halten zusammen, wenn es drauf ankommt. Isländische Wutwähler stimmen für sympathische Clowns und liebenswerte Piraten, nicht für Spalter und Rechtsradikale.
Wenn gegen Nachmittag in dieser Jahreszeit die lange Nacht in Reykjavik beginnt, dann muss man nur ein kurzes Stück in die Berge fahren, um das unglaubliche Polarlicht zu sehen. Heiße Quellen befördern dampfendes Wasser an die Oberfläche. Es gibt mehr als hundert Vulkane im Land. Und wenn mal einer ausbricht, machen die Einheimischen daraus eine Touristenattraktion. Island ist eben nicht nur großartig - es wird auch bestens verkauft. Eigentlich ist in diesem Sommer 2016 ja auch nicht mehr passiert, als dass eine karge, zu kalte Insel eine wilde Horde zur Europameisterschaft schickte. Doch dann ließen sie die Rasierer zu Hause, brüllten "Hu!" - und die Welt glaubte, sie seien nordische Krieger.

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