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Montenegro: Der alte Mann und das Hotel am Meer

Wenn sich alte Männer etwas in den Kopf setzen, dann ziehen sie es durch. Das war bei Hemingways Santiago so, der von einem Fisch nicht lassen konnte. Am Adriatischen Meer kämpft Zoltan um ein Haus direkt am Wasser.

Von Roland Brockmann

Als ich Zoltan Magyar treffe, hat er gerade ein Haus besetzt. Wohlgemerkt das, in dem er einst geboren wurde. Jahrzehnte später ist er durchs Fenster in sein altes Jugendzimmer geklettert, um in Besitz zu nehmen, was ihm als Erbe zusteht: ein ehemaliges Hotel am Meer von Montenegro, nur zwanzig Autominuten vom kroatischen Dubrovnik entfernt.

Das wäre nicht weiter beeindruckend, wäre Zoltan nicht bereits 80 Jahre alt und würde nach einem schweren Unfall mit Beinprothese und Glasauge leben. Das hindert ihn allerdings nicht, vor mir durch Scherben und über brüchige Treppen des ehemaligen Hotels zu kraxeln. Ich komme kaum hinter ihm her.

Spuren der Vergangenheit

In den verwahrlosten Räumen zeugen eine alte Kapitänsmütze, ein Feldstecher, Seekarten und propagandistische Zeitschriften vom Jugoslawienkrieg. Das Haus war zuletzt das Hauptquartier der serbischen Admiralität. Der neue Staat Montenegro, seit 2006 unabhängig von Serbien, braucht keine Kriegsmarine mehr. Gekappte Telefondrähte hängen aus den Wänden. Auch Wasser und Strom waren abgestellt, als Zoltan hier mit seinem gelben Renault aus Karlsruhe ankam. Vorher hatte er noch per Post der neu gegründeten Rückübertragungsstelle von Montenegro seine Ankunft angekündigt: Er wolle nun sein Erbe antreten. Keine Antwort würde er als Einverständnis verstehen. Es kam keine Antwort, Zoltan fuhr einfach los.

Jetzt richtete er sich provisorisch in seinem alten Jugendzimmer ein. Unter dem Fenster branden die Wellen des größten Fjords der Adria an die Mole, während auf Zoltans Laptop die Vergangenheit aufleuchtet: Herrschaften in altmodischen Badeanzügen, italienische Besatzungsoffiziere in schneeweißen Uniformen oder ein österreichisch-ungarischer Husarenrittmeister - Zoltans Großvater, der das Hotel einst gegründete. Die Vergangenheit des Hotels ist so wechselhaft wie Zoltan Lebengeschichte: Nach dem Ende der Donau-Monarchie fiel das Haus zunächst ans Königreich Jugoslawien. Im Zweiten Weltkrieg vertrieben Titos Partisanen erst die italienischen, dann die deutschen Besatzer. Schließlich verstaatlichten die Kommunisten das Hotel und wirtschafteten es herunter. Als 1960 in Jugoslawien der Tourismus aufkeimte, taugte es nur noch zum Kinderheim.

Da arbeitete Zoltan längst als verheirateter Gastarbeiter in Deutschland. Er war ein gefragter Bauingenieur, seine alte Heimat und das Hotel schienen fern. Zoltan erlitt einen schweren Autounfall, wurde frühpensioniert und begann ein Geschichtsstudium: Magister 1996. Da war er siebzig Jahre alt. Aus der Ferne verfolgte er nun das Schicksal des Hotels. Das Ende des Krieges und die Unabhängigkeit Montenegros brachten ihm auch sein Geburtshaus näher.

Eine Vision wahr werden lassen

Zunächst hatte die Behörde ihm Recht gegeben. Jemand von der montenegrinischen Marine hatte Zoltan sogar besucht und ihm alles Gute gewünscht. Dann aber meldete die Behörde Ansprüche an und schob plötzlich Verfahrensfehler vor. Immerhin wurde 2007 das Hotel als Denkmal und Kulturerbe Montenegros anerkannt.

Nun hockt der weißhaarige Zoltan dort, wo er als Siebzehnjähriger einst seinen Jugendträumen nachhing, und er träumt schon wieder: diesmal von der Auferstehung des Hotels. Selbst entworfene Baupläne an den Zimmerwänden gestalten die touristische Zukunft des Hauses am Meer. Dessen Grundstückswert, so Zoltan, würde bereits die Investitionen abdecken. Während er erzählt, rührt er Gips an, um eigenhändig ein Abflussrohr zu verputzen.

Warum nimmt er all das auf sich? Zoltan hat zwei erwachsene Kinder und eine Frau, eine Eigentumswohnung in Deutschland und ein Haus in Marbella. Er braucht das alte Hotel am montenegrinischen Meer nicht. Im Herzen aber schein er noch immer der Junge zu sein, der nach Herausforderungen sucht, nur dass sie diesmal in seiner Vergangenheit liegen.

Es gibt noch viel zu tun

Zoltan klappt den Laptop zu und zeigt mir ein mit einem alten Sofa improvisiertes Gästezimmer. Ich bin sein erster Gast im "Strandhotel". Am nächsten Tag bringt er mich nach Split. Er selbst will dort in den Baumarkt. Es gibt noch viel zu reparieren, bis das ehemalige Grandhotel wieder in vollem Glanz erstrahlen wird. Doch der Mann ist nicht so naiv, das allein zu versuchen. Zunächst möchte er das Gebäude vor weiterem Verfall schützen, bis er einen Investor findet. Seine Kinder und Enkel zeigen leider kein Interesse.

Wir geben uns die Hand. Ich wünsche ihm Glück. Selten trifft man unterwegs Menschen wie ihn. Ein paar Wochen später erreicht mich eine E-Mail: "Ich bin gestürzt." Der Mann mit Glasauge und Beinprothese hat sich auf der Baustelle seines Hotels den gesunden Oberschenkel gebrochen. Aber seine Vision gibt er nicht auf. Wie es weitergeht, dokumentiert er unter www.magyar.de. Inzwischen ist er wieder wohlauf, und ich bin mehr denn je beeindruckt von dem alten Mann und seinem Hotel am Meer. Übrigens: Würde er sich einen Bart stehen lassen, man hielte ihn für Hemingway.

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